Ausgabe 
8.1.1901
 
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Würden, sieht man nichts als Fetzen von den Groß-Mars­segeln. Sehen Sie, Madame, Sie werden den Kapitän ganz deutlich zu Luward am Ruder bemerken, wenn Sie nur das Glas fest auf den Punkt richten."

Meine Mutter war jedoch zu aufgeregt, ihre Hände zitterten zu sehr, als daß sie im stände gewesen wäre, das Fernrohr zu halten, um die auftauchende und wieder ver­schwindende Brigg zu beobachten. Sie gab mir das kleine Glas, und es gelang mir, einen Augenblick meines Vaters Gesicht zu sehen; aber es war, als hätte ich es in einem Blitzstrahl erblickt es verschwand dem Bereich der Linse, und ich konnte es nicht wieder erfassen. Wäre ich aber auch nn stände gewesen, fünf Minuten unverwandt hinzusehen, ich hätte keinen tieferen Eindruck empfangen, als dieser schnell entfliehende Blick auf sein teures Antlitz auf wich machte. Es war ein Augenblicksbild; aber ich erfaßte es in seine» Gesamtheit den starren und entschlossenen Blick seiner Augen, die zusammengepreßten Lippen, die eisen­feste Haltung des Kopfes, das Büschel grauer Haare, [bte tote ein Rauchringel ans seiner Stirn unter dem Südwester zitterten.

Er und seine Brigg schienen den Leuten um uns herum wohl bekannt zu sein. Ich hörte, wie sie seinen Namen nannten und die Art und Weise lobten, in der er das Schtsf vorwärts brachte. ,

Er wird sicher über die Barre kommen", sagte neben mir einer zum andern,da ist nichts zu befürchten. Er kennt ihre Lage wie seine Westentasche. Durch die starke Brandung zu gelangen, das wird aber ein Stück Arbeit sein. Aus den Middensselsen wird er nicht auflaufen; aber über die Barre hinüberzusegeln, das ist das Schwerste. Wenn dte See thn dort aufsetzt, ist es mit ihm zu Ende."

Ich wußte sehr wohl, was der Sprecher meinte, und auch meine Mutter verstand es. Zu jener Zett betrug dte Tiefe des Wassers in der Tynemündung bei der Flut nicht mehr wie zweiundzwanzig Fuß, bei niedrigem Wasserstand aber kaum sieben Fuß. Bei solchem Seegange und bet einem Sturme, wie er jetzt raste, die wütenden Wogen, dte einander unaufhörlich folgten, brachen sich auf diesem seichten Grunde, da sie sich bei der geringen Tiefe ntcht tn ihrer Höhe halten konnten, in grausigen Wirbeln und Strudeln weißen Wassers mußte daher der Uebergang über dte Barre für eine Brigg von dem Tonnengehalt derGrasm Durham" mit der höchsten Gefahr verbunden setn.

Jetzt war die Brigg ziemlich nahe herangekommen, so nahe, daß sie auch dann sichtbar blieb, wenn sie tn den dunkeln Abgrund tauchte und ihre Back in Sprühwolken ver­hüllte. Meine Mutter und ich harrten in atemloser Spann­ung; unsere Hände waren fest in einander verschlungen. Bis in die Fingerspitzen hinein empfanden wir den pochenden Herzschlag. Die Leute um uns herum verhtelten sich ßhwei- aend, beugten sich, vornüber und sahen unverwandt auf das Schiff. Aus den Klippen an der Tynemündung drängten ste sich in dichten Massen zusammen, um einen Blick zu er­haschen.

Plötzlich sah man die Leute auf dem nassen, glitzernden Deck der Brigg durcheinander laufen, und der Ueberrest von einem Segel wurde gehißt.

Das ist gut!" sagte etne hetsere Stimme hinter mir. Sie" kommt sonst nicht durch!"

Ich sah mich rasch nach dem Sprecher um und schaute dann wieder nach der Brigg. Ihr Vordersteven berulMe das tosende, milchweiße Wasser; eine Welle hob das Heck hoch empor, und ich sah die Gestalten am Ruder das Rad drehen. Das Bugspriet machte eine Wendung, und als die Wucht des Sturmes die Brigg nun von der Seite traf, neigte sie sich so tief, daß die Steuerbord-Schanzkleidung in schäum ver­graben war. Die wilden, verschlungenen Wellen glichen hunderttausend Wölfen, die gierig nach dem Schiffe lechzten und an Bord und darüber Hinwegsprangen.

Die Brigg schien in dem weißen Schwall wie ein Stück Holz in Seifenschaum zu versinken. Rechts und links und von vorne wurde sie von den wuchtigen Wogen getroffen, daß das Wasser bis zum Vormars in festen weißen ©amen aufspritzte, die tote Salz glänzten und zu blitzendem Pulver Zerstoben. Hinten hämmerten die Wogen tote wahnsinnig gegen das Heck und prallten als Schaumflocken zurück, die der Sturm ausfing und tote Federn gen Himmel schleuderte.

Ich sah meine Mutter an; sie hatte die Augen ga- chlossen.

Er ist' gerettet, Mutter!" schrie ich.Sieh! in einer Minute wird er hier vor uns sein!"

Als ich dies sagte, ertönte ein vielstimmiges, vom ©turnt etwas gedämpftes Jubelgeschrei von den Tynemündungs- klippen herüber, das auf unserer Seite sofort ausgenommen wurde. Es erscholl ein Hurrarufen, das man eine Meile weit hätte hören können. Hüte und Taschentücher wurden ge- chwenkt, um das kleine, sturmgepeitschte Schiff willkommen zu heißen. Und als es über die kurzen Wogen schoß, toelcte ganz weiß in die Mündung des Flusses hineinrollten, und mit strömendem Deck, brausenden Speigatten und schlaff äenbem Tauwerk an der Stelle vorbeifuhr, auf der wir

en, sah ich meinen Vater mit der Hand einen GmH enden, als ob er uns wirklich erkannt hätte, während die Mannschaft in ihrem glänzenden Oelzeua regungslos in einer Gruppe unfern des Großmastes stand, wie Mensche«, die dem Rachen des Todes soeben entronnen sind, und die der Rettung vor Aufregung noch nicht froh werden könne«.

Wir folgten der Brigg mit den Augen, bis sie bei einet Krümmung des Flusses verschwand.

Meine Mutter wachte wie aus einer Verzauberung auf, ließ meine Hand los und rief:

O Jessie, laß uns schnell nach Haufe gehen und alles für den Vater zurecht machen. Schnell, liebes Kind! Er darf nicht kommen, ohne daß wir ihm einen Willkommen bereitet haben."

Obgleich mein Herz sich darnach sehnte, ihm entgegen- zueilen, wenn er von der Brigg ans Land kam, so wußte' ich doch, daß es ihm lieber sein würde, wenn wir, ein gutes Feuer und eine tüchtige Mahlzeit ihn zu Hause « Newcastle erwarteten. Also gingen wir zum Bahnhof.

(Fortsetzung folgt.)

Die Rache des Baritons.

Autorisierte Uebersetzung nach Tit-Bits.

(Nachdruck verboten.)

Ihr werdet wahrscheinlich nicht wissen, daß eS der reine Zufall war, dem ich meinen ersten schauspielerische, Erfolg zu verdanken hatte. Das ging nämlich so zu. Ich war thatsächlich nur für ganz kleine Partieen engagiert,, aber ehrgeizig, wie ich war, hatte ich gerade damals das Fach Barrands, des ersten Baritons, so durch und durch studiert, daß ich mit seinem Rollenfach vollkommen vertraut war. Er war ein guter Schauspieler, und der geschickteste, den ich jemals in der Kunst des Maskierens gekannt habe; aber sorglos und gleichgiltig und so ober­flächlich, daß er bei der unbedeutendsten Veranlassung aus der Fassung kam. Eines Abends versagte er bei plötz­lichem Auftreten im rechten Moment. Duckenfon, der S> rektor, wußte nicht, was beginnen. Der reguläre Ersatz­mann hatte sich einen freien Abend gemacht, dar Auditorium konnte nicht länger hirigehalien werden, und er war in Verzweiflung, was zu thun fei. Da trat ich vor und zeigte mich bereit, die Partie zu übernehmen. Er betrachtete m. ) ein oder zwei Sekunden zweifelhaft, ober ich vermute, m sah ziemlich vertrauenerweckend aus; den» er sagte:Nun gut, versuchen Sie es und um dck Himmels willen, beeilen Sie sich. .

Ich versuchte und ich hatte einen Treffer. Einige Wochen später, als Barrands Engagement Erneuerung ver­langte, bot mir Duckenson die Partie in Permanenz an. Natürlicherweise acceptierte ich, und so wandte sich des beleidigten Baritons Unwillen gegen mich, obgleich er je® Mißgeschick nur der eigenen Nachlässigkeit zuzuschreibtz» hatte. Er schied von uns, Racheschwüre gegen mich au^ stoßend. So viel von Barrand. Ich sah ihn Taft Jahre nicht wieder, während dessen spielte ich allabend­lich die Heldenpartie mit schönem Erfolge mente Be­scheidenheit verbietet mir mehr zu sagen.

Ich war ersucht worden, irgend wo in der Vorstaa zu wohlthätigem Zweck in einer Matinee zu singen. W tote ich das Podium bestiegen hatte, wurde ich von drt hervorragenden Schönheit eines Antlitzes gefesselt, das W mitten in der dritten Reihe, mir gegenüber, befand. W junge Mädchen schien nicht mehr als zwanzig ^ah*e an-