Ausgabe 
8.1.1901
 
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(Nachdruck verboten.)

Die Seekönigin.

Seeroman von Clark Russsl.

(Fortsetzung.)

Die Gewalt des Sturmes war in der That, wie der Mann gesagt hatte, gebrochen. Ich blickte nach dem Himmel empor und war betrofsen von der rötlichen Färbung, welche den großen Wolkenvorhang bedeckte. Als ich aber hinter mich blickte, bemerkte ich, daß sich d s Gewölk E Westen zerteilt hatte, und daß dort im stral .enden Glenze Helle goldene Wolken eilends über die lichten Stellen des Himmels dahin­jagten. Obgleich nun zwar dre Sonne tieser stand als diese freien Zwischenräume und hinter einer langen Linie schwarzen Dampfes verborgen war, aus welchem die goldenen Wolken wie Feuerstrahlen aus einem unsichtbaren mächtigen Vulkan hervorbrachen, so that uns diese Helligkeit, welche jener leuchtende Durchbruch verbreitete, doch so wohl, als ob die Sonne - selbst sichtbar wäre. Wir eilten klopfenden Herzens weiter, von neuer Hoffnung erfüllt.

Ob die Menschenmenge gegangen und wieder gekommen war, weiß ich nicht; aber die gegenüberliegenden Klippen und unsere Seite der Flußmündung waren noch ebenso dicht mit Menschen besetzt wie am Morgen.

Der Ozean hatte am Morgen einen furchtbaren Anblick gewährt, und auch jetzt war er noch schrecklich; aber das wunderbare Licht, welches sich über ihn und den Himmel er­goß, verlieh ihm eine Erhabenheit, die vorher gefehlt hatte. Der Wind wehte noch stark genug, um den hohen, unge­stümen Seegang aufrecht zu erhalten, aber die Seen türmten sich doch nicht mehr zu den Hügelketten aus, welche einander in endloser Folge auf der wilden und öden Dunkelheit der Wasserfläche gejagt hatten.

Das Schiff, welches den Seemann veranlaßt hatte, uns so eilig zu rufen, war der einzige sichtbare Gegenstand auf der schäumenden und tobenden Meeresfläche. Es war nicht mehr als drei Meilen entfernt und trieb gerade auf die Thnemündung zu, nur noch eine gereffte Fock tragend. Ich konnte sehen, daß es wie eine Brigg getakelt war und oben 'schaden genommen hatte; aber ich konnte nicht mit Sicher­heit erkennen, ob es meines Vaters Schiff sei. Taylor be­merkte jedoch nach nochmaligem Hinschauen, daß er jeder­

Dienstag den 8. Januar

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liegendes Wasser ist der Gedanke: Aber durch die Kunst gebannt, In der Form gedicg'ner Schranke Wird er blitzender Demant.

mann fünf Schillinge bar auszahlen würde, wenn das nicht dieGräfin Durham" sei.

Wir hatten seit einigen Minuten das Schauspiel beob­achtet, als sich plötzlich das Gewölk tut Westen noch weiter öffnete und aus demselben ein langer Sonnenstrahl schräg herniederfiel, welcher wie durch eine Zauberformel die See im Osten erleuchtete, soweit das Auge blicken konnte.

Wir waren jetzt nicht mehr im Zweifel; andere hatten das Schiff als dasselbe wie Taylor erkannt, und ich hörte seinen Namen immer und immer wieder von den Leuten, unter denen ich stand. Meine Mutter ergriff meine Hand, und in dieser Stellung beobachteten wir ängstlich das Näher­kommen der Brigg.

Der Sturm hatte viel von seiner Gewalt verloren; den­noch verlieh das Rasen der Wogen auf der Barre der Tyne- münbung das Aussehen eines Strudels. Für das Lenken eines kleinen Schiffes war der Seegang furchtbar. Die Fock leistete der Brigg treffliche Dienste, indem sie sie jedesmal, wenn sie in das Wellenthal schoß, wieder emporhob. Seit­dem ich wußte, daß es meines Vaters Schiff sei, stockte mir manchmal der Atem, wenn ich beobachtete, wie es derartig emporgeworfen wurde, daß sein Bugspriet gen Himmel zeigte, sein Deck in der Abdachung der wilden See hinten verschwand und sein Bug um einige Fuß vom Kiel vorn aus dem Wasser hervorragte. Dann stürzte es wieder hinunter in den furcht­baren Schlund, gerade als fiele ein Mensch über die Kante einer Klippe, und verschwand, als wäre es in die Tiefe gesunken.

Aber die Brigg arbeitete sich tapfer und sicher vorwärts, und jeder, der sie sah, gewann die Ueberzeugung, daß der Mut, die Kaltblütigkeit und die Entschlossenheit eines alten, erfahrenen Seemannes über ihr wachten und sie durch diese schwindelerregenden, brausenden Höhen und Tiefen leiteten.

Auch dem Gleichgiltigsteu mußte das Blut in den Adern stillstehen, wenn er sah, wie sie die flüssigen Berge erklomm, wie ihr Bug die grünen Wellen von sich schleuderte und sie eine Schiffslänge weit in einer großen brausenden Schaurn- fläche vor sich herjagte, wenn er ihren Weg verfolgte, den sie sich stoßend und springend bahnte, wenn er fein Auge über den schmalen Strom des Kielwassers gleiten ließ, der ihre Position, sogar wenn sie selbst verborgen war, durch eine schneeweiße, gewundene Linie auf den Welleu kenn­zeichnete, bis sie sich im Kampfe mit den schäumenden Wogen am Horizont verlor.

Der Schiffer wird sie schon hereinbringen", rief Taylor aus, der sich die ganze Zeit neben uns hielt.Er steht selber mit noch einem anderen am Ruder und hat außerdem noch Leute an den Reserverudertaljen. Ich wette, sie werden Mittel und Wege finden, um durchzukommen. Sie sind doch noch besser davongekommeu, als ich zuerst dachte. Die Vor­bramstenge ist freilich dahin, und der Klüverbaum auch, und ich möchte darauf schwören, wenn die Segel losgemacht