639
allem schmücken möchte, steht mich am liebsten in diesem Kleide."
Mißtrauisch kniff der Rendant die Augen zusammen.
„Hat er Dir das gesagt, der Herr Assessor? — Nun, meinetwegen! Aber ich habe Dich gewarnt. Wenn er nachher diese neuentdeckte Base, oder was sie sonst sein mag, schöner und eleganter findet als Dich, so hast Du Dir selbst die Schuld beizumessen."
Ein liebenswürdig schelmisches Lächeln huschte über Margarethens Gesicht.
„O, was das betrifft, so mache ich nur keine Sorgen. Schöner als ich ist sie ja gewiß, aber ich werde darum doch nicht eifersüchtig auf sie sein."
„So? — Bist Du Deiner Sache so sicher? Du hättest nur hören sollen, mit welcher Begeisterung der Stadtrat ton ihr sprach — fast wie ein Verliebter! Und er will sie überreden, in seinem Hause zu wohnen."
„Das ist doch ganz natürlich, da sie, wie es scheint, hier keinen anderen Schutz und Anhang hat, als ihre Verwandten."
„Natürlich oder nicht — ich sage Dir, daß es mir nicht gefüllt. Sie soll die Tochter eines sehr reichen Mannes sein, vielleicht eines Millionärs. Und sie würde dem Stadtrat als Gattin für seinen Sohn wahrscheinlich besser zn- sagen als Du."
(Fortsetzung folgt.)
Wasser als Gift.
Bon Rudolf C u r t i u s.
Nachdruck verboten.
Griechenlands größter Lyriker Pindar hat schon vor mehr als 2000 Jahren die Behauptung aufgestellt, daß „Wasser von allen Dingen das Beste" sei. Obgleich dieser Klassiker unter den Abstinenzlern mit seiner Ansicht jederzeit mit Recht viele Anhänger gefunden hat, und gerade die Neuzeit in der Versorgung der Städte mit wirklich gutem Wasser eine der vornehmsten Aufgaben der Hygiene erblickt, hat man dem Wasser doch auch zu allen Zeiten alles erdenkliche Schlimme angedichtet.
Als ob man eine Vorahnung von alledem gehabt, hätte, was die moderne Bakteriologie in den letzten 25 Jahren ans Tageslicht gefördert, hat man in jedem Jahrhundert irgendwo das Wasser angeschuldigt, die.unheimlichsten Gifte zu enthalten, lvelche Krankheit und Verderben jenen Menschen bringen, die damit ihren Durst stillten. So Yak man fast überall im Mittelalter Judenverfolgungen mit leidenschaftlichem Eifer betrieben, lveil man glaubte, daß diese, lvo sie Bedrückungen erlitten, die Brunnen vergiftet hätten. In Frankreich hat man sogar im Jahre 1322 Hunderte von armen Aussätzigen verbrannt, weil man in dem Irrwahn befangen war, daß sie auf Anstiften der aus dem Lande gewiesenen Juden die Brunnen verseucht Hütten, indem sie Giftkügelchen aus Krötenlaich, Bilsenkraut, Tollkirsche und dem verseuchten Blut der Aussätzigen geformt, und in die Brunnen ge- worfen hätten, und im Kölnischen wurden im Jahre 1419 nicht weniger als 43 Weiber zum Scheiterhaufen geführt, weil man sie des gleichen Verbrechens für überführt erachtete.
Wie fast in allen, auch noch so starken Uebertreibungen des Aberglaubens steckt auch in dem Glauben an die Wasservergiftung ein Stück Wahrheit, und zwar ein sehr erhebliches. Gerade der eben verflossene Sommer 1901 und der Herbstbeginn hat eine große Anzahl von Typhus- und Ruhrepidemien in Barackenlagern auf militärischen Uebungsplätzen, also sozusagen in den Sommerfrischen der Armee, und in Kasernen gebracht, wo zweifellos das Wasser als todbringender Dämon gewirkt hat. Die großen Städte haben nun zwar längst eingesehen, daß der Unrat und die Abfälle der Hunderttausende und Millionen, die in ihren Mauern eng zusammengedrängt, auf kleinem Raume nebeneinander wohnen, zu einer beständigen Vergiftung des ganzen Grundes und der Brunnen führen. Immerhin hat eß aber doch erst furchtbarer Typhus- und Cholera-Epidemien, wie sie in London in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts oder in Hamburg 1892 wüteten, bedurft, um die städtischen Verwaltnngs- körper aus ihrer Trägheit aufzurütteln, und zur Beschaffung eines halbwegs einwandsfreien Trink- und Nutzwassers zu veranlassen, und auf dem Lande, wo sich die
Brunnen häufig in nächster Nähe der Düngerstätten und Senkgruben befinden, herrschen noch heute ganz trostlose Verhältnisse.
Die moderne Hygiene erhebt daher mit lauter Stimme den Ruf nach „reinem Wasser". Aber über den Begriff der Reinheit sind die Ansichten sehr verschieden. Ebenso wie für den Chirurgen ein Messer, welches die Köchin für blitzsauber erklären würde, mehr als verdächtig, und wegen tausender in seinen Unebenheiten nistenden Bakterien für eine blutige Operation gänzlich unbrauchbar ist, ebenso kann ein wunderbar klares Wasser, dessen krystallenes- Naß zum Bade förmlich lockt, oder für inoustrielle Zwecke sich als höchst brauchbar erweist, gänzlich untauglich zum Trinken und, in den Körper aufgenommen, ein wahres Gift sein.
Die Hygiene hat daher längst ganz bestimmte Erfordernisse an das Wasser von Brunnen, Quellen und Seen gestellt, wenn es zum Trinken Verwendung finden soll. Es darf nicht mehr organische Stoffe enthalten, als durch sechs Milligramm übermangansaures Kali in einem Liter Wasser reduziert werden. Es soll in einem Liter Wasser nicht mehr als 15 Milligramm Salpetersäure, nicht mehr als 30 Milligramm Chlor und höchstens 100 Milligramm Schwefelsäure, und von Ammoniak und salpetriger Säure nur Spuren enthalten. Der Laie wird sich vermutlich verwundert fragen, wie diese kleinen Gewichtsmengen fremder Substanzen ein Wasser, welches sonst gut und erfrischend schmeckt, als zum menschlichen Gebrauche un- geignet stempeln sollen. Die Gesundheitspflege hat aber mit ihren diesbezüglichen strengen Anforderungen nur allzu sehr Recht. Wären nämlich "die vorgenannten fremden Beimengmrgen nur in Form anorganischer chemischer Verbindungen vorhanden, die durch die lösende Kraft des Wassers aus den von ihm durchströmten Gesteinen ausgelaugt wurden, so hätte ihre Anwesenheit nichts Bedenkliches. In Wahrheit sind sie aber fast regelmäßig das Produkt der Verwesung und Fäulnis organischer Substanzen, nämlich des Zelleiweißes von Pflanzen und na- nameutlich von tierischen Körpern. Wo sie vorhanden sind, ist daher auch immer der Verdacht berechtigt, daß die tückischen Kleinlebewesen der Bakterienwelt, die jeden lebenden Körper nach seinen: Tode zerstören, sich noch in großer Zahl in einem derartigen Wasser befinden, und deshalb muß jeder, der sich nicht gelegentlich beit Tod antrinken will, nach Möglichkeit einen derart gefährlichen Trank vermeiden.
Sind auch die int Wasser vorkommenden Kleinlebewesen zum größten Teil von ganz unschädlicher Natur, so legt doch eben die Möglichkeit, daß giftige darunter sind, den Wunsch nach einem völlig bakterienfreien Wasser nahe. Ein solches giebt es aber in der Natur ebenso wenig wie eines, das die mineralischen Salze gänzlich entbehrte. Letztere sind vielmehr ebenso wie ein gewisser Gehalt an Kohlensäure unumgänglich notwendig, damit das Wasser wirklich wohlschmeckend und bekömmlich ist. Ein chemisch reines Wasser dagegen wirkt auf den lebenden Organismus in hohem Grade giftig.
Der Grund dieser merkwürdigen Thatsache ist ein seh. einfacher. Bekanntlich bestehen alle lebenden Körper zum weitaus größten Teile aus Wasser. Unterwirft man einen frischen Tier-oder Menschenkörper der quantitativen Analyse, was am einfachsten dadurch geschieht, daß man ihn in einem allseitig umschlossenen Raume einäschert, und die Verbrennungsgase auffängt, so stellt sich heraus, daß sieben Achtel bis neun Zehntel unserer irdischen Leiblichkeit nichts anderes sind, als eben Wasser. Letzteres findet sich aber im Körper nur zum geringsten Teile als freier Inhalt des Magens, der Därme, der Blase, des Blutes usw. vor, sondern steht in den Lymphspalten und namentlich in den Binnenräumen der Zellen in engster Verbindung mit dem lebenden Eiweiß des Körpers und ist obendrein überaus salzhaltig, wovon sich jeder leicht an einem Schweißtropfen überzeugen kann, den ihm die sommerliche Hitze entpreßt. Wo aber eine salzhaltige und eine salzlose Flüssigkeit von einander nur durch eine feine tierische Membrane getrennt sind, treten sofort die unter dem Namen des Osmose bekannten Erscheinungen auf Es tritt nämlich durch die auch mit dem stärksten Mikro skope nicht sichtbaren Elemente der feinen tierischen Haut Wasser in großen Mengen nach der Seite über, wo sich die Salzlösung befindet, während umgekehrt das Salz in


