Ausgabe 
7.11.1901
 
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abend mitbringen nicht wahr? Wegen der Rückzahlung hegen L-ie hoffentlich keine Befürchtungen?"

Lindemann murmelte etwas, das wohl eine höfliche Versicherung des Gegenteils sein sollte. Dann wandte er ich zum Gehen. In der Nähe der Thür aber machte er noch eimnal

Sie denken doch daran, Herr Stadtrat, daß auch der Quartalsabschluß der Hauptstiftungskasse morgen fertig sein muß? Ich werde heute nachmittag alles in Bereitschaft halten die Kassenbestände und die Belege."

Ignatius machte eine abwehrende Handbewegung.

Glauben Sie vielleicht, daß ich mich ein paar Stunden lang Plagen werde, nur um Ihnen mit gutem Gewissen be­stätigen zu können, daß Sie ein ehrlicher Mann sind? Das. kann ich glücklicherweise auch ohne das. Bringen Sie mir den fertigen Abschluß zur Unterschrift herüber wie immer. Damit ist dann die Sache erledigt."

Ganz, wie Sie es wünschen, Herr Stadtrat! Aus heute abend also!"

Unter wiederholtem Hüsteln und ohne seine Augen noch einmal zu dem Kämmerer- zu erheben, ging Lindemann hinaus. Ludwig Ignatius aber schien sein hartes Tagewerk für heute als beendet anzusehen; denn nachdem er noch ein Viertelstündchen mit Fenster gestanden hatte, ließ er sich von dem alten Röster Hut und Mantel bringen und verließ nach einem letzten, verächtlichen Blick auf den aktenbedeckten Schreibtisch das Bureau.

Fünftes Kapitel.

Langsam und in der gebeugten Haltung eines tot­müden Mannes war der Rendant Lindemann die beiden Treppen zu seiner Wohnung emporgestiegen. Sein Atem ging schwer und keuchend, als er die Glocke zog. Beinahe tonlos kamen die hastigen Worte, mit denen er den Gruß seiner Tochter erwiderte, über die schmalen, blassen Lippen. Erst als er in dem einfach ausgestatteten Wohnzimmer stand und mit Hilfe des jungen Mädchens seinen schweren Ueber- rock abgelegt hatte, beruhigte sich allgemach seine heftig arbeitende Brust. Er rieb sich mit dem seidenen Taschen- tuche die Stirn, und sein suchender Blick flog scheu zu dem altmodischen Schreibtisch hinüber, auf dem er die während seiner Abwesenheit etwa eingelaufenen Postsachen zu finden gewöhnt war.

Es ist nichts für mich angekommen?" fragte er sicht­lich erleichtert, da er die Platte leer sah.Und es hat auch niemand nach mir gefragt?"

Rein, lieber Vater", antwortete ihm die iveiche, an­genehm klingende Stimme seiner Tochter.Rur Hilde Ignatius war im Laufe des Nachmittags auf einen Augen- blick da, um zu bitten, daß wir nicht gar zu spät kommen möchten."

Jetzt erst ließ der Rendant seine Augen prüfend über die Gestalt der Sprechenden hingleiten. Er hätte mit dem Ergebnis dieser Musterung recht wohl zufrieden sein können; denn Margarethe Lindemann war ein ausnehmend hübsches Mädchen, eine richtige blonde Gretchenerscheinung mit klaren, ruhig-ernsten Augen und einem weichen, lieb­lichen Gesicht, dessen Züge einen mehr nachgiebigen als entschiedenen Charakter vermuten ließen; das bei aller Ern- sachheit sehr geschmackvolle blaue Tuchkostüm, das sie für den beabsichtigten Besuch bei den Eltern ihres Verlobten angelegt hatte, kleidete sie vortrefflich. Und doch schien es durchaus nicht den Beifall ihres Vaters zu finden; denn er sagte kopfschütetlnd:

Willst Du in diesem Kleide gehen, Margarethe? Habe ich Dich denn nicht gebeten, daß Du Dich gerade heute recht hübsch machen möchtest?" , . ,

Aber Hilde sagte mir ausdrucklrch, oaß wrr außer der jungen amerikanischen Verwandten die einzigen Gäste sem würden. Da kann ich mich doch wohl nicht wie zu einem Balle oder zu einer großen Gesellschaft anzrehench

Warum nicht? Gerade neben dieser Amerikanern:, von der so viel Aufhebens gemacht wird, sollst Du nicht arm­selig und unscheinbar aussehen. Habe ich Dir dre schonen Kleider nur machen lassen, damit sie unbenutzt nn Schranke hängen?" ,

, Es wird sich im Laufe des Winters gewiß Gelegen­heit finden, sie zur Geltung zu bringen, lieber Vater. Ma heute sei mir darum nicht böse heute rst e» wirklich nicht möglich. Ich würde damit vielleicht, den Spott der fremden Dame heraussordern. Und der, für den ich mich

Ich würde die Nachtstunden dazn verwenden müssen, Herr Stadtrat, denn ich bin so mit Geschäften überlastet, daß ich während des Tages auch nicht eine Minute er­übrigen könnte."

Wie Sie es einrichten wollen, überlasse ich natürlich ganz'Ihrem Ermessen. Die Hauptsache ist, daß Sie mich nicht im Stich lassen. Sie wissen, mit unserem neuen Ober­bürgermeister ist nicht zu spaßen." , ' .

Ich werde einen Teil der Akten heute abend nut nach' Hause nehmen. Legen Sie nur, bitte, die für mich bestimmten Schriftstücke zurecht."

Das soll geschehen! Aber heute abend hm! heute abend tverden Sie doch wohl nicht damit anfangen können. Denn ich wollte Sie und Margarethe eben zum Souper einladen. Ein kleines Abendessen im engsten Fa­milienkreise zu Ehren einer gleichsam neu entdeckten jungen Verwandten. Dabei dürfen die Braut meines Sohnes und ihr Vater doch nicht fehlen."

Der Rendant verbeugte sich fast demütig.

Ich nehme die Ehre dankbar an. Aber wenn es erlaubt ist, zu fragen"

Wer diese neu entdeckte Verwandte ist? Ja, mein lieber Lindemann, allzuviel kann ich Ihnen darüber nicht verraten, weil ich selbst kaum mehr von ihr weiß, als daß sie ein reizendes Mädchen ist mit einer Stimme wie Lerchengezwitscher und mit Augen na, Sie werden sie ja sehen! Ihr Vater ist ein entfernter Verwandter von mir, der vor undenklichen Zeiten nach Amerika ausge­wandert ist und sein Glück gemacht hat. Schon vor un­gefähr zehn Jahren hörte ich, daß er sich in Boston als vielfacher Millionär zur Ruhe gesetzt habe. Wir haben niemals in einen Briefwechsel mit einander gestanden, aber ich muß die Tochter, die sich voraussichtlich längere Zeit hier aufhalten wird, mit aller verwandtschaftlichen Rück­sicht behandeln."

Lindemann hüstelte.

Die junge ..'ante wird auch in Ihrem Hause wohnen, Herr Stadtrat?" fragte er zögernd.

Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, sie dazu zu bewegen. Vorläufig hat sie sich ihre Entschließung noch Vorbehalten. Sie werden also mit Margarethe kommen? Sehr schön! Und nun noch eins" die laute, joviale Stimme des Kämmerers dämpfte sich plötzlich zu vorsich­tigem FlüsternSie müssen mir noch einmal aus einer kleinen Verlegenheit helfen, lieber Lindemann nur mit dreitausend Mark! Die aber brauche ich wirklich sehr dringend." ,, ,

Er sagte es mit demselben gütigen, wohlwollenden Lächeln, das während der ganzen Dauer des Gespräches auf seinem rosigen Antlitz gewesen war. Und wie in herab­lassender Vertraulichkeit legte er seine Hand auf dre Schultern des Rendanten. Der aber zuckte unter der Be­rührung zusammen, wie wenn man ihm einen Schlag ver­setzt hätte.

Es trisft sich äußerst unglücklich, Herr Stadtrat", mur­melte er.Gerade in diesem Augenblick wird es mir kaum möglich sein, Ihnen zu dienen."

Ludwig Ignatius runzelte die Stirn.

Ach, machen Sie doch keine Geschichten, alter Freund! Sie werden doch wohl nicht anfangen wollen, mir gegen­über den Mißtrauischen zu spielen? Oder haben Sie viel­leicht über Rächt die ganze Erbschaft am grünen Tische verthan?"

Weder das Eine noch das Andere! Aber aber ich würde einige Papiere mit großem Verlust verkaufen müssen, und und" '

Verkaufen? Weshalb denn das? Sie brauchen ste ja nur bei Ihrem Bankier zu verpfänden und können sie da ruhig liegen lassen, bis die Kurse sich wieder erholt haben. Tie Zinsen, die Sie dafür zahlen müssen, nehme ich natürlich auf mich."

Der Atem des Rendanten ging merklich lchwer. Er starrte vor sich nieder auf den Fußboden, und es lief ein Zittern über seine gebrechliche Gestalt.

Ja ja daran habe ich nicht gedacht so könnte ich es vielleicht machen", brachte er nach sekundenlangem Schweigen anscheinend mit Anstrengung heraus.Und Sie sagen, daß daß es noch heute sein muh?"

Freilich! Es ist mir da ein unangenehmer Manichäer aus den Hals gekommen, den ich um jeden Preis losi­werden will. Sie werden mir die kleine Summe heute