Nr. 160.
Donnrrsrstz Den 7. November.
1901.
"L
D
nt beim ersten Blick und herzenswarm, dann, genau erkannt, An wahrer Liebe bettelarm.
So mancher scheint beim ersten Blick
Verschlossen, starr nnd eisig kühl;
Doch birgt sein Herz für den, der sucht, Den reichsten Schatz von Mitgefühl.
Wilhelm Jordan.
(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
„Hoffen wir also, daß es mir und den Meinigen gelingen werde, diesen Wunsch in Ihnen wachzurufen. Ich darf Sie doch heute noch mit meiner Familie bekannt machen, liebe Felicia?"
„Ja, falls es nicht vor sieben Uhr abends sein müßte; denn bis dahin habe ich über meine Zeit verfügt. Ueb- rigens, es giebt doch Damen in Ihrem Hause?"
„Gewiß ! Meine Frau und meine Tochter Hilde, die gerade in Ihrem Alter sein wird, oder vielleicht ein wenig —"
„Ein wenig jünger, wollen Sie sagen. Warum zögern Sie denn, es auszusprechen? Ich bin nahezu zweiund- zwauzig Jahre alt; aber ivenn es auch zweiunddreißig wären, würde ich doch nicht die geringste Veranlassung sehen, mich dessen zu schämen."
„Verzeihen Sie — aber hier zu Lande sind leider nicht alle Damen so vorurteilsfrei. Meine Hilde wäre danach also in der That um ungefähr vier Jahre jünger, ein Altersunterschied, der hoffentlich nicht verhindern wird, daß sie Freundinnen werden."
„Und das ist Ihre ganze Familie?"
. „Nein. Ich habe außerdem noch einen älteren Sohn, der erst kürzlich nach bestandenem Assessorexamen zu uns zurückgekehrt ist. Aber es scheint, daß mein lieber Georg drüben in Boston nicht viel mehr von mir gehört hat, als ich hier von ihm. Oder vielleicht befindet er sich gar nicht mehr in Boston?"
„Doch! Und nichts in der Welt würde ihn bewegen, diese Stadt, in der er sein Vermögen erworben hat, auch nur auf einen einzigen Tag zu verlassen."
„Um so mehr setzt es niich in Erstaunen, daß er Sie so ganz allein in die iveite Welt hinausziehen ließ. Er wird Sie doch gewiß schmerzlich vermissen."
„Ich weiß nicht", sagte Felicia ziemlich kühl. „Man
ist darin bei uns vielleicht nicht so feinfühlend wie hier in Deutschland. Aber nun ist es Zeit, daß ich mich verabschiede. Der Professor hat mich auf zwölf Uhr vormittags zu sich bestellt. Und ich liebe es, pünktlich zu fein."
„Dann darf ich allerdings keinen Versuch machen. Sie zu halten. Wollen Sie mir die Adresse Ihres Pensionats angeben, damit ich Sie um sieben Uhr von dort abholen lassen kann?"
„Ist nicht nötig. Ich werde mich auch ohne das einfinden, vorausgesetzt, daß Sie des Einverständnisses Ihrer Gattin mit der Einladung sicher sind."
„So sicher, daß ich nur ihre Vorwürfe fürchte, Sie nicht gleich in Beschlag genommen zu haben. Gestatten Sie mir, Ihnen meine Privatwohnung aufzuschreiben, damit — —"
Aber Felicia, die es eilig zu haben schien, wehrte hastig ab.
„Ich weiß schon. An der Esplanade 4. Ein hübsches Haus. Ich habe mir's im Vorbeifahren angesehen."
Der Stadtrat fragte nicht, warum sie es bei dieser genauen Kenntnis seiner Privatadresse nicht vorgezogen habe, dort ihren Besuch zu machen; denn er war durchaus damit einverstanden, daß sie es nicht gethan. Wieder, wie vorhin bei der Begrüßung, drückte er beim Abschiede mit großer Wärme ihre kleine zierliche Hand und gab ihr höflich nicht nur bis zur Thür, sondern auch noch durch das Vorzimmer das Geleit. Als er zurückkehrte, winkte er den alten Noster zu sich heran und sagte:
„Gehen Sie hinüber zur Hauptkasse und bitten Sie den Herrn Rendanten Lindemann, mich auf ein paar Minuten zu besuchen."
„Sehr wohl, Herr Stadtrat!"
Der Bote humpelte davou, und nach kürzester Zeit schon betrat der Gerufene das Bureau seines Vorgesetzten. Er mochte um ein Jahrzehnt jünger sein als der Kämmerer, aber er hatte nicht sein blühendes Aussehen und seine stattliche, kraftvolle Gestalt. Kaum mittelgroß, mit schmalen Schultern und gelblichem, magerem Gesicht, machte er den Eindruck eines kränklichen, schüchternen und gedrückten Menschen, den die Bescheidenheit seiner Haltung noch dürftiger erscheinen ließ, als er in Wirklichkeit war.
„Sie haben mich zu sprechen verlangt, Herr Stadtrat?"
„Jawohl, mein lieber Lindemann! Und zwar zunächst in dienstlichen Angelegenheiten. Es hat sich da, wie Sie sehen, auf meinem Schreibpult ein ganzer Stoß von dringlichen Sachen augehäuft, die durchaus in den nächsten Tagen bearbeitet werden niüsfen, wenn der Etat noch rechtzeitig fertiggestellt werden soll. Aber ich bringe es beim besten Willen nicht zu stände. Meine Nerven sind zu weit herunter. Und da Sie doch ohnehin über alle diese Dinge viel besser unterrichtet sind als ich, werden Sie mir gewiß gern mit Ihrer bewunderungswürdigen Arbeitskraft ein wenig zu Hilfe kommen."
o mancher sche Gar liebevoll Und zeigt sich


