Tie beiden Kavaliere werden sich den übrigen jungen Damen widmen."
„Tann führen Sie mich, bitte", rief Hannah und hing sich vertraulich an meinen Arm. „J,ch hatte noch nie einen Tischnachbarn. Sie sollen sehen, wie ich Dame sein kann!"
Ich! verbeugte mich steif mit nicht allzufreundlicher Miene, während Sigurd lachend mit den Zwillingen voranging.
Hannah schien wirklich ihre Rolle als Erwachsene allen Ernstes ausführen zu wollen. Sie sprach mit Eifer und Kenntnis gerade von Dingen, von denen sie denken konnte, daß sie mich interessierten, und erst als sie bemerkte, wie zerstreut und einsilbig ich ihr antwortete, verstummte sie allmählich. Tie Unterhaltung bei Tische war indes so lebhaft, daß niemand auf uns achtete. Große Freude erregte der Vorschlag des alten Hall, am Abend einen Ausflug zu Wasser zu machen, und Hannah meinte, jetzt wäre es zum ,Lystern' *) dunkel genug.
Tie Fischpreise wurden sodann eifrig diskutiert, und die Pastorin erklärte, es sei eine Schande, daß jetzt der beste Lachs, der schönste Hummer nach England ausgeführt werde.
| des Sohnes vom Hause ausbrachte, und senkte wie itt I holder Scham das Auge, als der junge Mann, ein siegesgewisses Lächeln auf den Lippen, sein Glas gegen das ihrige stieß und es bis auf die Neige leerte!
Abgeschmackt und lächerlich schienen mir die Trinksprüche, die nach guter, alter Sitte auf jeden der Gäste ausgebracht wurden. Nur mühsam gewann ich es über mich, nicht laut aufzulachen, als auch mein Wohl getrunken wurde und es lustig im Kreise erklang:
„Und dies sei unseres Gastes Skaal*), Hurra! Schlecht ergeh's dein, der nicht klinken Und des Gastes Skaal will trinken. Hurra, der Skaal war brav, Hurra!" Ich wußte ja, daß sie mich alle weit fort wünschten.
Eine erwartungsvolle Stille trat ein. Tas Dessert tourde herumgereicht, Puddings, Speisen, Früchte und Sahne in jeder Form. Ta knallte der Champagner. Alle blickten überrascht und dankbar zugleich auf den freudestrahlenden Wirt, der alle diese guten Gaben spendetö — und dann, merkwürdig genug, auf mich. Sollte jetzt das Wohl des Brautpaares ausgebracht werden, bemitleidete man mich, wollte man meine geheimsten Gedanken erspähen?
Eine weschje Hand legte sich, mit leichtem Truck auf die meinige. ,
„Alle erwarten, daß Sie reden sollen, Herr Doktor", flüsterte Hannah leise, und die braunen Augen strahlten wieder vor Erwartung. „Sie müssen das Wohl des Hauses ausbringen."
„Nie und nimmermehr!" entgegnete ich kurz.
Zu meinem Staunen ließ sich das junge Fräulein indes nicht einschüchtern. „Es muß sein", sagte sie mit einer Bestimmtheit, die ich diesem kindischen Wesen nie zugetraut hätte. „Thun Sie es Ihrer selbst wegen", fügte sie bittend hinzu. „Sie waren der liebe Gast unserer Insel, nie werden wir diesen Sommer vergessen, nie — und ich wäre so traurig, wenn alle nachher schlecht von Ihnen redeten. Auch die Mutter ist Ihnen nicht mehr gut — ich weiß nicht, warum. Ein freundliches Wort jetzt, und
Sie brach ab, und ihre Stimme zitterte leise. Eine seltsame Ahnung durchzuckte mich. Welch bitterer Hohn des Geschicks! Ties Kind bangte sich; um den Fremden, der nicht nach seiner Meinung fragte, und jene dort hatte für ihn kein Wort, keinen Blick! Nein, zum Gegenstände ihres Spottes wollte ich mich wenigstens nicht machen, sollte ich reden, so wollte ich es auch thun — in§ Gewissen wollte ich ihr reden, sie mahnen, ehe es zu spät war! Und i$: schlug an mein Glas, und hielt erne Rede, wie man sie wohl nie zuvor zwischen diesen Wanden gehört hatte.
Ich donnerte gegen die schnöde Habsucksi, die allein rm Wohlleben ein Endziel sieht. Ich! pries die Freiheit, die freie Liebe, die nur dann die echte und die wahre sei, wenn der kühne Mann, das stolze Weib, unbekümmert iind Herkommen, alle Schranken niederrissen, alle Hindernisse überwänden, um einander anzugehören, j । "Lieber den Tod", rief ich, „als dies langsame Hin- l, I vegetieren in der kalten Atmosphäre der Pflicht! Lieber | selbst zu Grunde gehen, als ein Leben lang in der Lüge « I verharren, und sich mit dem Schütten Zufriedenheit be- . I gnugen, wo ein volles, sättigendes Glück nur darauf wartet,
Frau Hall war noch bleicher geworden, Gunhilda zerrte, i!1 6licken, an ihrer Serviette, die Alten räusperten
Ich wrllte chrtchh—aufrütteln wollte ich, sie alle aus ihrem dumpfen Schlaf, als' ein Apostel der neuen ^>deen Europas in der Einöde auftreten. Da sah ich Hannah. Ihre Augen leuchteten, die Farbe kam und
Memlos lauschte sie meinen Worten. Dieser An- bnck gab mir plötzlich die Besinnung zurück. Das Kind verstand nicht den Sinn, der sich hinter den wohlklingenden Phrasen wie der Wurm in der Blüte barg. Mit aller
Gott um die Erfüllung eines Wunsches, dann wäre sie mit dieser Erde fertig.
Es war, als ob sich eine Verschwörung gegen mich bildete, mein Herz klopfte unruhig, und ich hatte kaum Fassung genug, einige allgemeine Redensarten mit Hannah zu wechseln, welche darauf bestand, mir alle Familienbilder in dem großen Album zu erklären. Wie im Traum sah ich das altmodische Mahagonimobiliar der Zimmer, die schweren, vergoldeten Spiegel, die riesigen, eisernen Oefen. Endlich öffnete sich eine Thür, Gunhilda trat mit heißen Wangen auf die Hausfrau zu und flüsterte ihr einige Worte ins Ohr.
Allgemeiner Aufstand. In feierlicher Ordnung schritten die älteren Herrschaften paarweise ins Nebenzimmer. Schon wollte ich Gunhilda meinen Arm anbieten, als mir der Hausherr den Weg vertrat.
, „Liebe Kleine", sagte er, sich mit altmodischer Galanterie verbeugend, „nimm Du mit mir altem Kerl vorlieb.
„Als ich noch int, Elternhause war", rief sie eifrig, „machten es sich die Tienstleute zur Bedingung, nicht mehr als dreimal wöchentlich Lachs zu bekommen — und jetzt, prosit Mahlzeit, die verrückten Mylords essen uns alles vor der Nase weg. Freuen muß man sich einmal wieder, ein so köstliches Stück vor sich zu haben." Itnbi sie zerteilte mit sichtbarem Wohlgefallen die ansehnliche Portion, welche ihren Teller füllte.
Entrüstet wandte ich mich hinweg. Wie war es nur möglich, daß ich diese Frau verehrt, sie eine würdige Gefährtin Gunhildas genannt hatte! Alles war mir heute an chiesen Menschen zuwider. Tie Späße zu derb, die Unterhaltung flach, das Essen zu solide, die Weine zu schwer. Auf .dem "feinen Damastgedeck glitzerten Krystall- schalen und feingeschliffene Gläser um die Wette mit dem massiven Silber. Mir sollte dieser Prunkhaft zur Schau getragene Reichtum wahrlich nicht imponieren!
. So saß ich- stumm und einsilbig da, und wenn mich MN ■ verwunderter Blick Gunhildas traf, raffte ich' mich momentan zusammen und richtete verkehrte Fragen an merne Nachbarin. Diese war heute seltsam ernst und ver- legen. Ter kleine Mund öffnete sich gar nicht mehr, um . ~ ~ - lachend dre blitzenden Zähne zu zeigen, und die Augen I daß du es ergreifst!" hatten einen feuchten Glanz wie von verhaltenen Thränen I T------
Was mochte sie nur haben, hatte ich sie durch mein Be- öetuieiIt- t
^r^uvbvletzt? Ter sinnende Ausdruck verlieh dem feinen I sich bedeutsam. Ich wollte fortfahren- Gesichtchen einen neuen Reiz, sie war heute wirklich aller- • i* üp nffp mta ’
liebst — nur keine Wasserfei mit tiefen, schwarzen Augen und entern seltsam unergründlichen Lächeln!
Tas war ja der Zauber, der mich immer von neuem anzog, daß Gunhilda stets eine andere erschien, obgleich sie sich gab, wie sie war, nie daran dachte, sich zu ver-
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uMpn zartfühlenden ^ischnachbarn f° freundlich zu- I darum zu kümmern, daß jeder logische Ueberqana feinte
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