Ausgabe 
6.1.1901
 
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eines Geistlichen, die ihren ältesten Sohn, der Seemann ge­wesen war, bei einem Schiffbruch auf den Goodwinbänken verloren hatte. Sie konnte das Herzweh verstehen, das Weib und Kind eines Seemanns beim Tosen des Sturmes erfaßt. Als die alte Dame hörte, daß wir seit dem Frühstück nichts gegessen hatten, lief fie geschäftig hin und her, um uns ein Mittagsmahl zu bereiten. Wir nahmen ihre Gastfreundschaft als etwas Selbstverständliches an, wie es bei uns im Norden Mode ist. Wer kommt, nimmt mit dem vorlieb, was gerade da ist. Umstände werden nicht gemacht.

So setzten wir uns denn zu Tisch, konnten aber kaum etwas essen. Unsere Gedanken weilten draußen, auf der sturmgepeitschten See. Die Zeit verstrich, und wir lauschten den Erzählungen der alten Frau, als wir durch lautes Klopfen au der Hausthür ausgeschreckt wurden. Es war Taylor. Fast außer Atem teilte er mir mit, daß eine Brigg, dem An­scheine nach dieGräfin Durham", auf den Tyne zulaufe. Er fügte hinzu, daß die Gewalt des Sturmes gebrochen sei.

Ich bat meine Mutter, sich nicht wieder dem Sturme auszusetzen, sondern mich mit dem Seemann allein gehen zu lassen. Ihre einzige Antwort war ein Blick des Erstaunens, daß ich ihr zumuten konnte, zurückzubleiben. Wir küßten die alte Frau Robson und eilten mit Taylor die Straße hinunter.

(Fortsetzung folgt.)

Gesundheitlicher Wert des Wintersports.

(Nachdruck verboten.)

Um der Bewegung und frischen Luft, den beiden Haupt­faktoren einer gesunden Lebensführung, ihr gutes Recht in der warmen Jahreszeit zu erzwingen, haben Aerzte und Volksschriststeller lange kämpfen müssen. Es kann daher nicht wunder nehmen, daß im Winter Bequemlichkeit und Verweichlichung noch so häufig den Sieg über die Gebote der Hygiene davontragen. Vergebens haben die Hygieniker nach Mitteln gesucht, dieser Hintansetzung einer vernunftgemäßen Leibesübung im Winter abzuhelfen, die um so notwendiger ist, da in der wärmeren Jahreszeit weite Spaziergänge sportliche Uebungen entbehrlich machen. Die Lösung des Problems ist erst durch die Sportsleute erfolgt, welche zur ausgiebigen Körperbewegung in der frischen klaren Winterluft durch reizvolle Sportübungen auf­forderten. Und doch ist das, was der Schlittschuhlauf, zumal in unseren Großstädten mit ihren womöglich von Häusern eingeengten, zumeist aber überfüllten Eis­bahnen bieten kann, nur ein Vorgeschmack dessen, was Schneeschuh- und Rennwolffahren thatsächlich bieten. Die Einführung derselben bei uns war in erster Linie vom Wintersportverlag" in Berlin aus der Erwägung heraus erfolgt, daß der sonst im Winter völlig brachliegende Fremdenverkehr im Gebirge einen kräftigen Antrieb er­halten sollte; aber wie gleichzeitig die rein sportliche Seit.-! der Sache sich entwickelte, so konnte sich auch nie­mand den ungemein wohlthätigen hygienischen Einwirk­ungen verschließen, welche die Ausübung des Sports mit sich führte. Von da ab bis zu der Erkenntnis, daß der Winterluft unserer deutschen Mittelgebirge dieselbe Heil­wirkung inne wohne, die man in den hochberühmten Schweizer und Tiroler Winterplätzen seit lunger Zeit zu würdigen wußte, war nur ein Schritt, und die Forderung nack: der Einrichtung deutscher Winterkurorte sehr berechtigt.

Es ist erwiesen, daß die Luft im Winter viel freier von Staub und Krankheitskeimen ist als in der heißen Jahreszeit, auch wirkt die frische Luft, die zwar kalt, aber do-h beständiger Temperatur ist, auf Atmung und Herz- thätigkeit des sich im Freien tummelnden Körpers wohl- khuender ein, als die warme Sommerluft. Der Stoff­wechsel geht leichter und rascher von statten, der Appetit wird ein regerer, und der Blutumlauf geht besser vor sich. Nicht minder angenehm und belebend ist der er­frischende Einfluß auf Haut, und Nerven. Gerade für den nervösen Menschen, der durch geistige Arbeit tagelang in geschlossenen Räumen in Anspruch genommen wird, ist der Aufenthalt in der kalten Winterluft und die aktive Muskelthätigkeit, welche der Wintersport erfordert, .. eine wahre Wohlthat, welche in dieser Beziehung den sommer­lichen Aufenthalt an der See weit übertrifft. Zu dem

wohlthätigen Einfluß der Kälte tritt noch die unendliche Ruhe, das Schweigen der Natur, jeder menschliche und tierische Laut wird gedämpft, der große Trubel der som­merlichen Jahreszeit ist gebannt. Es ist falsch, zu glauben, daß der Schneeler Erkältungskrankheiten leichter ausgesetzt ist, als der sommerliche Ruderer oder Radfahrer; das Gegenteil ist der Fall. Die Erkältung wird fast immer dadurch herbeigeführt, daß der Körper schnell hinterein­ander stark wechselnden Temperaturgraden ausgesetzt und du schnell abgekühlt wird. Und viel leichter kommt der Radfahrer im Sommer, wenn der überhitzte und bestaubte Körper nach längerer Fahrt in der Kühle des Abends nach einem Trunk und nach Ruhe verlangt, dazu, Unvorsichtig­keiten zu begehen und übereilt auf fich nach starker Hitze die kühlere Luft einwirken zu lassen. Hingegen macht sich dem vernunftgemäß bekleideten winterlichen Schneeläufer im Wollhemd und Lodenanzug bald eine angenehme Wärme- fühlbar, und nach einer anregenden Fahrt in der klaren Winterluft kehrt er in sein behaglich durchwärmtes Heim

$ Trotzdem ist leider bei vielen Menschen mit dem Begriff Kälte die Vorstellung nachteiligen Einflusses auf die Ge­sundheit verbunden; daher bleiben viele im Winter mög­lichst im Zimmer, um sich gegen Erkältungen und deren Folgekrankheiten zu schützen. Sie übersehen indes dabei gar.z und gar, daß dergleichen Krankheiten nicht die Folge vom Genuß der Winterluft, sondern von deren Entbehrung srud. Der einfache Umstand, daß in den nördlicheren Ländern die Sterblichkeit geringer ist wie nach dem Aeqna- tor zu und daß diejenigen Menschen, deren Thätigkeit auch im Winter vielfach im Freien ist, tote Holzarbeiter, Förster, Landwirte, als durchauswetterfest" gelten, sollte doch endlich überzeugend wirken. Auch kann nicht in Ab­rede gestellt werden, daß z. B. Kranke, welche Monate lang der frischen Luft entwöhnt sind, eine Verschlechterung ihrer Körperverfassung erfahren; daher für die Einwanderung von Keimen ansteckender Krankheiten sehr empfänglich sind. Durch ärztliche Untersuchungen ist ferner festgeftellt, daß dte Tem­peratur auf den Stoffwechsel im menschlichen Körper ui bestimmter Weise wirkt, und zwar wird bei niedriger Tem­peratur mehr Fett zersetzt als bei hoher, was darauf zurückzuführen ist, daß bei niedrigen Temperaturen stärkere Zusammenziehungen der Muskulatur stattfinden, die einen vermehrten Stoffwechsel mit sich bringen. Die Herabsetzung der Außentemperatur in Verbindung mit der durch Schneeschuhlaufen oder Rennwolffahren herbeigefuhrten aktiven Muskelthätigkeit wird daher eine tiefgreifende Um­wälzung im Gesamtstoffwechsel auch solcher Personen her­beiführen, welche an überflüssigem Fett leiden und brsher im Sommer Marienbad, Neuenahr, Karlsbad re. aufsuchen mußten. Eine direkte Heilwirkung wird dem Schneeschuh­laufen zugeschrieben bei derjenigen Form von Fettherz, welche nicht auf einer organischen Veränderung des Herz­muskels, sondern nur auf einer Fettauflagerung beruht, eine Krankheitserscheinung, die Geheimrat von Leyden tn einer besonderen Schrift erörtert hat. Stärkere Muskel­thätigkeit, gründliche Dekarbonisation (Kohlenstoff-Ent­ziehung) des Blutes, kräftige Herzthätigkeit, tiefe Mmn- züqe sind demnach die notwendige Folge energischer Be- wequniq in der Winterluft und haben als Endresultat ruhige Nerven, gesunden Schlaf, guten Appetit, geregelte Verdauung und somit eine wesentlrche Steigerung der Leistungsfähigkeit von Körper und Geist zur Folge- So ist demnach für Herz-, Lungen- und Nervenkranke tüchtige Bewegung in der frischen Winterluft das beste Hetlmtitel.

Doch soll hier nicht von den Kranken allein die Rede sein; mancher, der sich gesunder Glieder und etner un­versehrten Lunge erfreute, sah dem Winter unlusttg ent­gegen, sei es, daß seine persönlichen Neigungen sportlicher Art durch den ersten Schneefall em iahes Ende fanden, sei es daß der Eintritt der rauhen Jahreszeit den Beginn einer öden, verdienstlosen Zeit bedeutete. Wenn darin em Wandel eingetreten ist, so ist das ausschließlich der Ein- führung des Schneeschuhlaufens und Renntoolffahrens durch denWintersportverlag" m Berlin SW. 46 zu danken, welcher als bester Berater nn Interesse des Sports ;ede gewünschte Auskunft gern erteilt. Die deutschen Touristen, die auch im Winter trotz Schnee und Eis ober richtiger