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tvorden feien. Auch jetzt noch könne man sich nur mit Gefahr Lebens hinauswagen.
Aber meine Mutter war entschlossen, und ich war ebenso besorgt wie sie. Ich wußte sehr wohl, daß dieser Südoststurm meines Vaters Schiff nordwärts treiben würde, und daß er in der Nähe des Tyue sein müßte, wenn er nicht auf einer Rhede oder in einem Hafen weiter nach Süden Schutz gesucht hatte.
Viele Leute fuhren nach Shields, einige von ihnen gleich uns von verzehrender Angst über das Schicksal ihrer auf der See befindlichen Angehörigen erfüllt. Andere, denen nur das geschäftliche Interesse am Herzen lag, waren mit ihren Gedanken mehr bei den Ladungen als bei den Menschenleben auf hoher See, und wieder andere machten die Reise nur, um den großartigen Anblick zu genießen, welchen das Meer heute bieten mußte. Es war rührend, die Leute zu sehen; ein Zug von Bestürzung lag selbst auf den Gesichtern derer, die weder für das Leben ihrer Lieben noch für ihr Hab und Gut zu zittern brauchten. Frauen, die sich gar nicht kannten, sprachen eifrig mit einander; die Besorgnis, mit welcher sie der furchtbare Sturm erfüllte, hatte sie einander nahe gebracht.
Es dauerte eine Stunde, bis wir Süd-Shields erreichten; denn der Zug hielt nicht nur an jeder Station der Linie, sondern der Sturm schien uns auch gerade entgegen zu wehen. Er heulte die Schienen entlang, und in einigen Krümmungen vermochte die Lokomotive die Wagen nur mit einer Geschwindigkeit von fünf Meilen in der Stunde vorwärts zu ziehen. Es ist ein kleiner Spaziergang vom Bahnhof in Süd-Shields nach dem „Sartre", wie ein Felsenvorsprung heißt, von welchem man unmittelbar auf die Mündung des Thne Hinblicken kann. Wir legten alle in Gemeinschaft den Weg zurück und kämpften gegen den Wind, der sich jetzt, da wir der See nahe waren, bis zur Wut eines Cyklons gesteigert hatte. Man sah nur noch wenige Leute auf der Straße. Als Grund hierfür hatte man uns schon auf dem Bahnhofe mitgeteilt, daß vier oder fünf Schiffe gestrandet wären und die ganze Bevölkerung an den Strand hinuntergegangen sei.
Ich blickte meine Mutter an, als ich von diesen auf den Strand gelaufenen Schiffen hörte; sie hob ihr Antlitz zu Gott empor, sagte aber nichts, und wir eilten mit den andern stillschweigend weiter. Um unsere Gefühle verstehen zu können, müßtest du, lieber Leser, einen Bruder, einen Gatten, einen Vater, einen, den du von ganzem Herzen liebst, auf der See haben. Du müßtest auf seine Rückkehr nahe der See warten und gehört haben, daß viele Schiffe gestrandet sind. Im Binnenlande können die Nachrichten von einem Schiffbruch, die Besorgnis, daß des Geliebten Schiff unter den Wracks ist, dein Herz nicht so furchtbar erschüttern, wie es der Fall ist, wenn du die Fahrzeuge mit eigenen Augen siehst, wenn das Heulen des Orkans, der dir das Liebste vielleicht geraubt hat, in dein Ohr schallt, wenn der Ozean in seiner furchtbaren Wirklichkeit vor dir liegt: weiß, unergründlich, rasend.
Wir sahen ihn plötzlich vor uns. Eine Biegung des Weges ließ die Tynemündung vor uns erscheinen und zeigte uns die Nordsee bis zu dem nahen Horizonte des eisen- grauen Nebels.
Das Toben, der Aufruhr der brausenden Wogen läßt sich nicht schildern. Die unendlichen Brandungswellen rollten in mächtigen glashellen Hügeln heran und zerstoben in Donner und Rauch auf dem gelben Sande, und aus diesen berstenden, flüssigen Massen sprang ein Regen von Salzwasser hervor, der die Luft erfüllte und kaum ein Auge auf» zuthun gestattete.
Jenseits des Flusses waren die Klippen schwarz von Menschen, welche dem schrecklich schönen Schauspiele zusahen. Es lag etwas unbeschreiblich Feierliches in dem Kampfe zwischen den Kräften der Erde, und der Luft, zu welchem die ungeheure Menge menschlicher Wesen sich auf den Gipfeln der braunen Felsen zusammendrängte. Mit weit vor- schießenden, milchweiß schimmernden Schaumzungen leckten die Brandungswellen, die in schweren Massen gegen den Fuß dieser Felsen schlugen, an denselben hinauf; bann strömten sie wieder abwärts wie Bergbäche über das dunkle frische Grün, welches jene Klippen an manchen Stellen bedeckte.
Auf unserer Seite waren zwischen den Trow-Felsen und der Stelle, wo die lange Südmole sich jetzt erstreckt, drei
Schiffe gestrandet, andere außerhalb unseres Gesichtskreises in der Nähe des Leuchtturmes. Ob die Mannschaft derselben gerettet oder ertrunken war, ob man ihnen irgend welchen Beistand angedeihen ließ, wußte ich nicht: ich konnte kaum sehen. Meine Sinne waren durch das heftige Getöse des Donners, durch den Aufruhr der brausenden Wogen, der sich mit den Stimmen der Leute um mich herum mischte, und vor allem durch den Schrecken, der mein Herz bei dem Gedanken an meinen Vater erfaßte, vollständig betäubt.
Doch eins wußten wir: sein Schiss war nicht unter den Wracks. Diese waren sämtlich Schoner und Briggantinen. Das wurde meiner Mutter von einem Seemann mitgeteilt, der neben ihr stand und auf der Brigg gedient hatte, mit welcher mein Vater jetzt auf See war, der „Gräfin Durham". Als meine Mutter meine Niedergeschlagenheit bemerkte, schrie sie mir diese Nachricht ins Ohr, um mich zu trösten und aufzurichten.
Ich hatte gerade diesen Seemann, Taylor mit Name«, etwas gefragt, und bemühte mich, seine Antwort zu verstehen, als sich seine Stimme in einem allgemeinen Auf- fchrei verlor. Schnell aufblickend gewahrte ich, wie hundert Arme nach Südosten deuteten. Augenblicklich wandten sich meine Augen nach diesem Teil der See. Ich sah die Umrisse eines Schiffes, welches schwankend aus der Dunkelheit auftauchte. Als ich es zuerst sah, erschien es mir wie ein Fleck auf dem Nebel; aber in kurzer Zeit trat es klar auf dem harten Grün der tobenden Wogen hervor. Taylor, der sich dicht bei meiner Mutter hielt, richtete ein kleines Taschenfernrohr auf dasselbe. Ich wartete sehnsüchtig auf eine Aenßerung von ihm; aber er schwieg so lange, daß ich, halb tot vor Ungeduld, ihm zurief, er möchte mir sagen, ob es meines Vaters Brigg sei.
„Nein, Fräulein", antwortete er, „ich glaubte es zuerst auch. Sie liegt mit dem Kopf fast direkt gegen die See. Es ist eine kleine Bark, welche die dänische Flagge imBesan- want führt. Ihre Vormarsstenge ist weg", fuhr er fort, immer noch durch das Glas blickend; „ihre Groß-Raa ist zerbrochen. Gott sei ihr gnädig! — sie ist verloren!"
In den Großwanten hingen einige Leute. Es war eix erschütternder, herzbrechender Anblick. Bald schwebte baS kleine Schiff hoch oben auf bem Kamm einer ungeheuren Welle, halb stürzte es hinunter in bie Tiefe, fobalb bie Woge, bie es getragen, zischenb wie ein Schneesturm unter ihm hm- wegfegte. Wie ein Wunber erschien es, baß es sich immer wieder aus diesen Tiefen erhob. So tarn es näher und näher, mit der Regelmäßigkeit eines Pendels über den gewaltigen Wasserbergen emportauchend.
Plötzlich stieß es auf den Grund. Man ward dies gewahr an dem heftigen Aufspritzen des Schaumes, der rings um das Schiff sprühte, und in dessen Mitte seine Masten hin- und herschwankten und dann umstürzten.
Eine zweite furchtbare See brauste darüber hin. Als sie zerronnen war, lag das Schiff vollständig auf der Backbordseite, sodaß sein Deck, senkrecht stand wie eine Mauer eines Hauses. Eine dritte Brandungswelle traf es — ich glaubte das dumpfe Dröhnen des Stoßes durch das Donnern und Toben des Sturmes hindurchzuhören — und nun war das Wrack in zwei Stücke zerschellt. Das eine traurige Bruchstück blieb hängen, das andere wurde etwa zwölf Faden weiter auf den Strand geschleudert.
Die Angst und Sorge um meinen Vater hatten mir das Herz schon zerrissen; der Anblick dieses Wracks aber war mehr, als ich ertragen konnte. Die plötzliche Vernichtung diefer armen Seeleute, welche noch einige Minuten zuvor in den Wanten um das Leben kämpften und mit verlangenden, brechenden Augen auf das Land schauten, erfüllte mich mit überwältigendem Schmerze.
„O Mutter!" rief ich aus, „laß uns gehen. Wir können auf etwaige Nachrichten vom Vater in der Stadt warten."
Sie sah mich an, und als sie bemerkte, wie leidend und elend ich war, gab sie Taylor den Auftrag, uns zu rufen, sobald eine Brigg in Sicht käme, und sagte ihm, wo er uns finden würde. Dann nahm sie meinen Arm und schritt mit mir der Stadt zu, blieb jedoch alle Augenblicke stehen, um einen Blick rückwärts auf die See zu werfen, bis eine Krümmung des Weg?s das aufregende Bild unfern Augen entrückte.
Zu der Wohnung einer bekannten Dame, einer freundlichen, zartfühlenden alten Frau von mehr als siebzig Jahren, lenkten wir unsere Schritte. Frau Robson war die Witwe


