Ausgabe 
6.1.1901
 
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1901.

Sonntag den 6. Januar. M

31-1

UM

iaSJ. eneibe nicht, die auf den Höhen Sf* Des Lebens steh'n:

Verhöhne nicht, die unten gehen Und mühsam geh'n!

Es ist der Höh' vom Licht beschieden

Der erste Strahl;

Im Sturme bietet Schutz und Frieden

Das stille Thal.

Wohin dich Gott gestellt auf Erde»,

Nur treu sei dort,

So wird das wahre Glück dir werden

An jedem Ort. Katharina Kasch.

, (Nachdruck verboten.)

Die Seekönigin.

Seeroman von Clark Rüssel.

(Fortsetzung.)

Drittes Kapitel. r

Die Tynemündung im Sturm.

Zuguterletzt machte mein Vater aber eine Erfahrung, die ihn endlich zu einem Entschlüsse brachte, obgleich sie ihn wohl kaum beeinflußt hätte, wäre er nicht schon ohnehin geneigt gewesen, die See zu verlassen.

Er hatte das Kornmando über eine Brigg übernommen, deren Mitrheder er war und die mit Kohlen nach Calais gehen sollte. Meine Mutter erhielt von ihm einen Brief, der von jenem Hafen aus datiert war, und in dem er uns sagte, wir könnren ihn an dem und dem Mittwoch erwarten. Natürlich wußten wir, daß sein pünktliches Eintreffen vom Wetter abhing, aber gewöhnlich war er sehr zuverlässig in seinen Berechnungen und irrte sich selten um mehr als einen oder zwei Tage, wenn er kurze Küstenreisen machte.

Der Dienstagabend kam'heran, und ich saß, und plauderte mit meiner Mutter, die fleißig Strümpfe strickte dies war ihre Lieblingsbeschäftigung als ein Windstoß, der in dem alten großen Kamin niedersauste, mich veranlaßte, ans Fenster zu gehen und hinauszuschauen. Der Himmel war schwarz, die Luft von dem Rauche verdunkelt, der aus den Fabriken längs des Tyne ausstieg, und es fiel ein feiner Regen. Die schwach schimmernden Straßenlaternen waren jede von einem Ringe umgeben, gleich dem.Monde, wenn er blaß und matt am Himmel steht.

Es war Mitte November, und die Lust bitter kalt. Ich sagte meinox Mutter nichts; denn schlechtes Wetter machte

sie immer krank, wenn mein Vater auf Reisen war. Ich ließ )en Vorhang fallen, ging in das Vorzimmer, schaute auf das dort hängende Barometer, und sah, daß das Queck­silber um Daumenbreite gesunken war.

Ich ging an meinen Platz zurück und nahm ruhig meine Arbeit wieder auf. Das Bild des alten Wohn­zimmers steht mir noch heute deutlich vor Augen.

Die hellen Flammen des Kohlenfeuers überstrahlten den. ruhigen Schein der Messinglampe, und alle unsere Kuriosa" tanzten und schwankten in dem unsteten Lichte. Neben dem Feuer saß meine Mutter in einem Lehnstuhl und schaute durch eine altmodische Brille aufmerksam auf ihre Hände, die so fleißig die Nadeln handhabten. Ihr liebes Gesicht, das das Feuer hie und da erhellte, hob sich scharf von der hohen, dunklen Wandverkleidung ab, so daß mir ihr Profil wie eine Kamee erschien.

Aber das Stöhnen des Windes artete bald in ein Murren und Heulen aus, und das merkte meine Mutter; denn sie ließ das Strickzeug fallen und bat mich, den Vorhang zurückzuziehen und nachzusehen, was für Wetter draußen wäre.

Ich sagte ihr, es sei so dunkel, daß ich nichts sehen tönfite. Sie kam selbst, und während sie hinausblickte, kam ein furchtbarer Schloßen- und Hagelschauer, begleitet von einem heftigen Windstöße, herunter und schlug gegen die Fensterscheiben, als ob man Kieselsteine gegen das Haus schleuderte.

Tas ivar nur das Vorspiel. In weniger als einer halben Stunde war der Wind zu einem wütenden Orkan angewachsen, der aus Südosten kam.

Weder meine Mutter noch ich konnten in dieser Nacht Schlaf finden. Wir sprachen beständig vom Vater und lauschten dem Rasen des Sturmwindes, bis die Morgen­dämmerung durch die Fenstervorhänge schimmerte. Es war Mittwoch, der Tag, an welchem wir meinen Vater, wie er geschrieben hatte, erwarten sollten; und wo auch feine Brigg sein mochte, wir wußten, daß sie nicht weitab sein konnte, wenn sie die fürchterliche Nacht überstanden hatte.

Ich muß nach Shields hinunter, Jessie", sagte meine Mutter,hier kann ich nicht bleiben. Ich verliere den Ver­stand, wenn ich hier zu Hause immer lausche und von der Furcht verzehrt werde." v

Der Wind wehte so heftig, daß es lebensgefährlich war, sich hinauszuwagen. Unsere Straße lag voller Dachschiefer, Ziegel und Schornsteine. Als wir beim Frühstück saßen, kam die Magd herein und erzählte uns, der Schlächter habe ihr gesagt, daß eine furchtbare Verheerung angerichtet, große Bäume entwurzelt, Fensterscheiben eingedrückt, von vielen Häusern in Gateshead und Newcastle die Dächer heruntev- gerissen und einige zwanzig Leute auf den Straßen getötet