Ausgabe 
5.11.1901
 
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Ankündigung meines Erscheinens, die wahrscheinlich,"allerlei überflüssige Empfangsvorbereitungen zur Folge gehabt hätte! So, wie ich meine freie Herrin bleiben möchte, sollen auch Sie sich durch,' keine lästige Rücksicht gebunden fühlen."

Also echt amerikanisch!" lächelte der Stadtrat.,, Nach dieser offenherzigen Erklärung darf ich es ja beinahe gar nicht mehr wagen, Ihnen die Gastfreundschaft meines be­scheidenen Hauses anzubieten."

Darauf kann ich in diesem Augenblick weder mit Ja noch mit Nein antworten. Ich finde das Pensionat, in dem ich gestern abgestiegen bin, gar nicht übel. Aber das schlösse natürlich eine Veränderung nicht aus, wenn die Umstände mir eine solche wünschenswert erscheinen ließen."

' (Fortsetzung folgt.)

Vom Bord unserer Schnelldampfer.

Von Dr. I. Wiese-

(Nachdruck verboten.)

Tausende von Besuchern aus derneuen Welt" be­nutzen jetzt unsere großen Hamburger und Bremer Schnell­dampfer zur Rückfahrt über den Ozean. Wer es nicht vorzieht, selbst den teuren Verwandten oder lieben Freun­den das Geleit nach der Hafenstadt zu geben, und die letzten Stunden bis zur Abfahrt des Schiffes mit ihnen zu verleben, verfolgt im Geiste alle Phasen der großen Reise. Aber nicht mehr mit einem Gefühle der Beunruhig­ung weilen seine Gedanken bei dem Reisenden; weiß doch jeder, daß der schnelle Gang des Schiffes, die elegante und bequeme Ausstattung, die aufmerksame Bedienung und interessante Gesellschaft heute eine Weltreise zu einem Vergnügen, einer nur etwas ausgedehnten Spazierfahrt machen. Gerade auf den deutschen Schnelldampfern herrscht eine behagliche Bequemlichkeit, eine von übertriebenem Luxus sich dennoch fernhaltende Gediegenheit in der Aus­stattung und der Verpflegung, eine Fürsorge für die weit­gehendsten Bedürfnisse, daß nur die weite Wasserfläche, die vor seinen Augen sich ausbreitet, und das unablässige Zittern und Stoßen unter seinen Füßen den Reisenden daran erinnern, daß er sich nicht in einem prächtigen Hotel, sondern an Bord eines Schiffes befindet. Für den Binnenländer dürfte es in der jetzigen Zeit der Meeres- reiscn von Interesse sein, nähere Einzelheiten über die für die Reisenden getroffenen Fürsorgemaßregeln zu er­fahren.

Der moderne Dampfer zeigt sich thatsächlich als eine Stadt für sich mit allen möglichen Berufsarten. Sehen wir uns das größte der deutschen Schiffe an, den Ham­burger SchnelldampferDeutschland". Er befördert in seinen Kajüten bis nahezu 800, int Zwischendeck gegen 300 Reisende über den Ozean, außerdem eine umfangreiche Post und kleine Mengen hochwertiger Güter. Er hat eine Besatzung von nicht weniger als 547 Mann. Dem Kapitän stehen zunächst sechs Schiffsosfiziere zur Seite. Ein Zahl­meister mit einem Assistenten und ein Verwalter entlasten die Schiffsleitung nach der Seite der allgemeinen Ver­waltung hin. Eigentliche Seeleute finden wir in ver­hältnismäßig bescheidener Zahl: 2 Bootsleute, 6 Quartier- meister, 22 Vollmatrosen, 12 Leichtmatrosen, sechs Schiffs­jungen ; das sind nicht viel mehr als die gewichtige und wohlgeordnete Zunft der Verpflegungsbeamten': 1 Ober­koch, 2 erste und 7 zweite Köche, 2 Dampfköche, 3 Konditoren, 4 Bäcker, 3 Schlächter, 16 Kochmaate, 14 Aufwäscher. Der Bedienung der Reisenden widmen sich unter Leitung von drei Oberstewards, 1 Gepäckmeister und 3 Assistenten der Oberstewards, 123 Stewards, 4 Badestewards, 5 Pantry­stewards, 10 Stewardessen und 4 Zwischendeckstewards; 7 besondere Telegraphenstewards erfordert der überallhin Ei) erstreckende komplizierte Ruf- und Signalapparat an ord; 12 Musiker bilden die Schiffskapelle. Von Hand­werkern find weiterhin ein Klempner, 1 Tischler, 2 Zimmer­leute,. 3 Küfer, 3 Barbiere und" ein Drucker aus dem Schiffe thätig; auch hier erfordert die Bemühung um die Reisenden das meiste Personal. Für das Wohlergehen des großen Gemeinwesens wichtig ist der Arzt, der zu den Schiffsoffiziereit zählt und dem ein Arztgehilfe beigegeben ist-, Im ganzen sind das 295 Menschen. Ihnen steht als geschlossene Schar von 252 Mann das Maschineupersonal gegenüber, das die stärksten SchiffZmaschinen der Welt,

die mit 35600 Pferdekräften arbeiten, so zu bewachen und zu bedienen hat, daß sie das mächtige Schiff sicher und ruhig mehr als 23 Seemeilen in' der Stunde vorwärts treiben.

Große Rhedereien, die sich mit der Beförderung von Passagieren befassen, haben neben den Ausgaben von Kohlen, auf die wir später noch eingehen, die nächst­größten Aufwendungen für die Proviantausrüstung ihrer Schiffe zu machen. Während der Norddeutsche Lloyd z. B. im vorigen Jahre mehr als 20 dreiviertel Millionen Mark für Kohlen verwendete, betrug feilt Proviantverbrauch über 9 einhalb Millionen Mark. Dieser Proviant diente zur Verpflegung von 253 225 Reisenden, die im vorigen Jahre befördert worden sind, sowie der etwa 9000 Mann starken Besatzung der Flotte des Norddeutschen Lloyd.

Da die Passagiere im einzelnen nur verhältnismäßig kurze Zeit an Bord sind, auch die Schiffe nicht ununter­brochen in Fahrt, so ist es schwer, sich ein Bild von der Verpflegung int Verhältnis zu den verbrauchten Mengen zu machen. Nun bietet aber die Statistik einige Angaben über den Verbrauch von Lebensmitteln, z. B. die bremische Statistik über den Verbrauch einiger Artikel, die in Bremen einer Verbrauchsabgabe unterliegen, vor, allem von Fleisch, Wild und Geflügel. Danach betrug der gesamte Verbrauch an Rindfleisch in den letzten Jahren ea. 18 5kg. auf den Kopf der Bevölkerung, was bei der gegenwärtigen Bevölkerung von 161000 Einwohnern ca. 2900 000 Kg. Rindfleisch int Jahre als Verbrauch ergeben würde. Demgegenüber hat der Norddeutsche Lloyd an frischem und eingelegtem Rind­fleisch int vorigen Jahre ca. 2 426 000 Kg. verbraucht, also in diesem Artikel fa'st den Verbrauch seiner Heimatstadt Bremen erreicht. Nicht ganz so groß ist int Verhältnis der Verbrauch an Kalb- und Schweinefleisch gewesen, deren Mengen nur etwa ein Viertel bezw. ein Siebentel des in Bremen verbrauchten Fleisches betragen. Dagegen ist der Verbrauch von Hammelfleisch annähernd dem Bremens gleich, und der Verbrauch an Wild und Geflügel übersteigt den Jahresverbrauch Bremens um mehr als ein Viertel. Der Norddeutsche Lloyd brauchte 536 000 Stück Wild und Geflügel im Gewicht von ca. 512 000 Kg., während Bremen bei einem Durchschnittsverbrauch von 2.50 Kg. auf den Kopf nur ca/ 403000 Kg. benötigte. Der gesamte Fleischverbrauch des Norddeiitschen Lloyd bezifferte sich auf 82 000 Zentner. An Menge übertroffen wurde dieses Quantum nur durch die Kartoffeln, von Seiten über 130000 Zentner verbraucht wurden. Dann folgten 60 000 Zentner für Mehl und Brot, und 44 000 Zentiter für frisches und getrocknetes Gemüse, und mehr als 20 000 Zentner für frisches Obst und Süd­früchte. An Konserven aller Art sowie an Milch wurden je 16 500 Zentner, an frischen und geräucherten Fischen, Krebsen und Austern mehr als 14000 Zentner gebraucht. Die Menge der verbrauchten Butter belief sich auf 7565 Zentner, die des Zuckers auf 6830 Zentner, und die des Salzes noch auf 3635 Zentiter. An Thee, einem Artikel, von dem doch gewiß nur verhältnismäßig geringe Mengen für die Zubereitung nötig sind, wurden 260 Zentner ver­braucht: das ist ein Quantum, das nach dem durchschuitt- lichen Verbrauch in Deutschland für eine Bevölkerung von ungefähr 260000 Menschen ein ganzes Jahr ausreichen würde. Um sich ein Bild von der Größe obiger Mengen zu machen, berücksichtige man, daß ein größerer Eisenbahn­doppelwaggon etwa 200 Zentner faßt. Der Eisverbrauch des Norddeutschen Lloyd betrug 11833 Tonnen, das sind allein 1184 Waggonladungen. Der gesamte Proviant hatte ein Gewicht von 37 000 Tonnen zu 1000 Kg-, er stellt somit die Ladung von 3700 Eisenbahnwaggons dar, das sind mehr als 92 Eisenbahnzüge zu je 80 Achsen.

Aber Jier moderne Reisende will nicht nur behaglich, sondern vox allen Dingen auch schnell fahren. Da nun die Leistungsfähigkeit eines Seedampfers zum großen Teil auf dem Kohlenvorrat beruht, den er für eine Reise mitführeni kann, so leuchtet ohne weiteres ein, daß für große Schiffe mit mehreren tausend Pferdekräften dieser Vorrat ein ganz erheblicher jein muß. Um wie viel Zahlen es sich aber in der That handelt, ist nicht allgemein bekannt. Betrachten wir z. B. den Doppelschrauben-SchnelldampferKaiser Wilhelm der Große" des Norddeutschen Lloyd, so beträgt der Kohlen­verbrauch dieses Schiffes für seine Hauptmaschine 0.75 Kg. für eine indizierte Pferdekraft in der Stunde. Gewiß eine kleine Menge Kohlen an und für sich. Für die Gesamte leistuug der beiden Maschinen von 27.000 Pferdekräfteu