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irgend einem tüchtigen Lehrer meine Gesangstudten fori- setzen, und vielleicht — das heißt, wenn sie mir gefallen — werde ich mich eine Weile bei den dentschen Verwandten aufhalten, von denen Du früher fo oft gesprochen hast."
Während Mr. Rubarths rotes Gesicht bis dahin trotz feiner hier und da etwas sentimentalen Worte keinerlei innere Bewegung wiedergespiegelt hatte, schien es sich plötzlich tote in einer seligen Erinnerung zn verklären. Und seine kleinen, schwimmenden Augen gewannen einen ganz eigenen Glanz.
„Ja, das ist ein guter Gedanke — das mußt Du thuu. Und wenn Dit in meine Vaterstadt kommst, die ich armer gelähmter Mann niemals Wiedersehen tverde, so werden sie Dich dort mit offenen Armen empsattgen. Das heißt, so weit sie noch am Leben sind; denn es ist lange her, daß ich nichts mehr ton ihnen gehört habe. Mein Vetter Lndwig Ignatius besouders, der mein bester Jugendfreund war — ah, was für eine Freude wird er habeu, Georg Rubarths Tochter zu sehen! Und auch Du wirst Gefallen an ihm finden. Er ist ein so prächtiger Bursche. Immer lustig und zu allen tollen Streichen bereit!"
Er war mit einem Male sehr lebhaft geworden, nnd seine Hand zitterte noch stärker, als er wieder nach der Flasche griff, um auch den Rest des schweren, dunkelroten Weines in sein Glas' zu gießen. Felicia aber sagte mit einem kleinen Lächeln:
^,Auch Dein Vetter Ignatius dürfte sich in den letzten dreißig Jahren ein wenig verändert haben, und cs ist immerhin zweifelhaft, ob ich ihn noch ebenso übermütig finden werde. Aber vielleicht ist auch da drüben inzwischen eine neue Generation herangewachseu und hat die Tugenden der alten geerbt. Ich werde mich ja bald mit eigenen Augen davon überzeugen können. Für hente aber wünsche ich Dir gute Nacht! Ich habe einen anstrengenden Tag vor mir. Und auch für Dich ist es Zeit, zur Ruhe zu gehen."
Sie brachte ihre Lippeil in die Nähe seiner Stirn, ohne sie jedoch zu berühren, und gleich bnrauf, hatten sich die dunklen Vorhänge hinter ihrer lichten Gestalt geschlossen. Mr. Rubarth sog mit gleichmäßiger Miene an seiner Zigarre, nnd da er bemerkte, daß sie erloschen war, warf er sie ärgerlich auf deu Fußboden. Dauit hielt er die Weinflasche gegen das Licht und stellte sie mit einem Seufzer auf ihren Platz zurück, als sich erwies, daß kein Tropfen mehr darin war.
„Ja, ja, es ist Zeit zu Bett zu gehen", murmelte er, und ein Klingelzeichen rief den Diener herbei, der ihn in sein Schlafzimmer hinüberrollte.
„Weißt Du schon das Neueste, Fred?" fragte er, während der schweigsame junge Manu ihn entkleidete. „Meine Tochter geht nach Europa, und wie ich sie kenne, ist es sehr ungewiß, ob sie jemals wiederkommt. Ich iuerbc nun ganz allein fein. Aber ich mache mir nicht viel baraus; denn ich werde nun wenigstens Ruhe haben vor diesen verdammten Besuchen und Gesellschaften, die mich armen alten Mann in diesen letzten Jahren so oft unt meine Bequemlichkeit gebracht haben."
Viertes Kapitel.
Der Stadtrat und Stadtkämmerer Ludwig Ignatius dehnte sich gelangweilt in dem bequemen Schreibsessel und warf durch das hohe Bogeufenster seines Amtszimmers einen sehnsüchtigen Blick auf den sonnenbeschieuenen Platz, über den eben ein Häuflein farbengeschmückter Korpsstudenten paarweise zum Frühschoppen im Ratskeller heranzog.
„Wer doch da noch mitthun könnte!" dachte er, und wie ein Schatten leiser Wehmut legte sich's über sein rosiges, wohlgenährtes Antlitz. „Hinter einem Schoppen Raueuthaler sitzt sich's wahrhaftig besser als hinter diesen langweiligen Aktenstößen, die niemals kleiner werden wollen."
Seufzend ließ er die Spitzen seines sorglich gepflegten grauen Backenbartes durch die Finger gleiten, und es vergingen noch ein paar Minuten schweren Seelenkampfes, ehe er sich entschloß, seine Hand wieder nach dem vorhin beiseite geworfenen Schriftstücke auszustrecken. Aber er war noch nicht über die ersten Zeilen hinausgekommen, als ihn das wohlbekannte Klopfen des zu seiner persönlichen Bedienung bestellten Magistratsboten in der sauren Arbeit unterbrach.
„Eine junge Dame möchte den Herrn Stadtrat sprechen", meldete der Manu. „Ihren Namen wollte sie mir aber nicht sagen."
Ludwig Ignatius zog die Stint eüt wenig in Faltech tote er immer zu thuu pflegte, wenn er in seinem Arbeitszimmer einen Besuch empfing.
„Eine junge Dame, die ihren Namen nicht nennen will? Und sie ist noch niemals hier gewesen, Noster?"
„Zn meinen Lebzeiten wenigstens tticht, Herr Stadt-, rat! Ich glaube auch, daß sie tott außerhalb ist. Sie hat so was Fremdländisches in ihrem Aussehen."
„Lassen Sie sie eintreten!"
Eine Minute später stand sie auf der Schivelle, schön und holdselig tote ein lachender Sommermorgen, dazu in einer Toilette, die dem braven Magistratsdiener wohl hatte fremdläitdisch erscheinen können, da,fie so viel eleganter! war, als die jungen Mädchen hier in M. sie auf der Straße zit trugen pflegten. Ein Lächeln spielte um ihre Lippen, und übermütig blitzte es in ihren dunklen Angen, als sie sie über das runde Antlitz und die behäbige Gestalt des Herrn Jgttatius hinstreifen ließ.
Der aber Tratte sich so elastisch aus seinem Schreibsessel erhoben,' als wäre es der Herr Oberpräsident in eigener Person, der ihn durch seinen Besuch überraschte.
„Bitte, mein gnädiges Fräulein, treten Sie doch näher k Darf ich fragen — —"
„Sie erkennen mich also nicht? Sie entdecken nichts, von eiltet- Familienähnlichkeit in meinem Gesicht? Bon! einer Aehnlichkeit mit Ihrem Vetter nnd Jugeudfreundei Georg Rubarth?"
Der Wohllaut ihrer Stimme versetzte den Stadtrat in Entzücken, und den munteren, durchaus nicht ehrerbietigen Ton, den sie gegen ihn anschlug, fand er gang allerliebst.
„Nein, offen gestanden, nicht das Mindeste! — Aber, kann es denn möglich sein? Sie wären--"
„Felicia Rubarth — allerdings! Georg Rubarths Tochter und — wenn Sie mich bei der Weitläufigkeit der Verwandtschaft dafür gelten lassen wollen, — Ihre Nichte."
Ludwig Ignatius sagte sich, daß es in der That nicht ganz leicht sein würde, den Grad dieser Verwandtschaft festzustelleu. Aber er dachte nichtsdestoweniger keinen Augenblick daran, die ihm von einem so anmutigen, jungen Wesen angetragene Würde eines Oheims abzulehnen. Er. nahm vielmehr mit unverkennbarem Vergnügen die in einem seinen Pariser Handschuh steckende Rechte Felicias in seine beiden Hände, drückte sie sehr herzlich und gab; sie auch nicht wieder frei, während in lebhaftem Tempo! die ersten Fragen und Antworten ansgetauscht wurden.
„Georg Rubarths Töchterchen also! Und er hat michf nicht vergessen, der gute Junge, obwohl es beiläufig! zwanzig Jahre fein mögen, daß er mir kein Lebenszeichen mehr gegeben hat!" ;
„Wirklich? Ist es so lange her? — Ja, das sieht ihm ähnlich, meinem guten Papa! Von Korrespondenzen, tue. nichts einbringen, ist er wohl nie ein Freund gewesen."
„Und wie geht es ihm? — Er muß unt vier oder fünf Jahre älter sein als ich; aber er ist hoffentlich noch bei guter Gesundheit.?" r r
„Nun, er befindet sich nicht gerade schlecht, abgesehen davon, daß er an den Beinen gelähmt ist und in einem Rollstuhle gefahren werden muß. Da er aber auch schon vorher die Bequemlichkeit über alles geliebt hat, leidet er darunter nicht allzu schwer." . L -
„Ah, der Aermste! Und seine Gattin?"
Das Lächeln verschwand für einen Moment von Felicias Gesicht. , . ,
„Mein Vater ist seit drei Jahren Wtiwer", sagte ]t-e. kurz, „zum zweiten Male; denn meine Mutter starb schon,- als ich noch ein kleines Kind war. — Aber Sie sind äußerst erstaunt, daß ich hier so ohne alle vorherige Anmeldung hereingeschneit komme, nicht wahr?" fügte sie tu rasch wieder verändertem Tone hinzu. „In Deutschland nimmt man es ja, wie ich gehört habe, mit den Förmlichketten schrecklich genau. Bei uns in Amerika hält man nicht soviel! davon. Und ich für meine Person liebe sie schon gar nicht.; Ich bin nach Europa gekommen, unt meine GesangsiudteN zu vollenden, und man hat mir einen in dieser Stadt lebenden Lehrer ganz besonders empfohlen. Daß ich hier außerdem Verwandte meines Vaters vvrfinde, ist lediglich etN angenehmer Zufall, der im übrigen keinen von uns zu irgend etwas verpflichten soll. Denn da wir uns ganz fremd sind, wird sich's doch wohl erst Herausstellen müssen, ob. wir Gefällen an einander finden. Wozu also eine vorherige


