Dienstag den 5. November.
1901. — Nr. 159.
N
er Geizige ist nur der Wächter und nicht der Herr, der Knecht und nicht der Besitzer der eigenen Schätze.
Chryfostomus.
(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Die Ueberraschung, welche die Kundgabe dieses Wunsches dem Manne im Rollstuhle bereitete, schien nicht ällzugroß. Er legte nur den Kopf ein wenig auf die Seite Und beförderte durch eine Anzahl von Lippenbewegungen die mehr zerkaute als gerauchte Zigarre von dem einen Mundwinkel in den anderen. Ein paar Sekunden waren vergangen, bevor er erwiderte:
„So willst Du mich wirklich allein lassen, Felicia? — Ich dachte immer, Du würdest es aufschieben bis nach meinem Tode. Ein armer gelähmter Krüppel wie ich, kann es doch schließlich nicht lange mehr treiben."
„Das ist natürlich nicht Dein Ernst", fiel sie ihm etwas ungeduldig ins Wort. „Doktor Morlay sagt, daß Du trotz Deiner Lähmung noch recht wohl dreißig Jahre leben könntest. Und meinst Du wirklich, daß ich von einer Reise nach Deutschland nach dreißig Jahren noch dasselbe Vergnügen haben würde wie jetzt?"
„Ja, ja — Vergnügen und" immer wieder Vergnügen! Das ist das große Losungswort für euch Frauen, lieber dem Vergnügen vergeßt- Ihr alles, selbst eure heiligsten Pflichten."
„Aber so laß uns die Dinge doch vernünftig betrachten, Papa! Frage Dich doch einmal aufs Gewissen, ob Du meine Abwesenheit allzu schmerzlich empfinden — ob Du sie nach einigen Tagen oder Wochen überhaupt noch bemerken würdest. Auch wenn ich hier bin, kann ich ja leider sehr wenig zu Deiner Erheiterung und Unterhaltung thun."
„Nein. Denn seitdem Du Dich vor einem Jahre plötzlich in diesen gesellschaftlichen Strudel gestürzt hast, ist Deine Zeit völlig ausgefülllt durch Besuche und Festlichkeiten. Es ist seitdem mit Dir genau so, wie es mit Deiner Stiefmutter war. Während der ganzen Dauer unserer Ehe habe ich sie kaum eine Woche lang für mich gehabt. Das waren die ersten drei oder vier Tage nach unserer Hochzeit Und die zwei Tage vor ihrem Tode. Während der Zeit, die dazwischen lag, hat sie aller Welt gehört, nur nicht mir!"
„Und Du hast Dich damit zufrieden gegeben, vbivohl sie doch ihre Pflichten freiwillig auf sich genommen hatte, während ich--aber ich liebe es nicht, ihren Schotten
heraufzubeschwören, am wenigsten, wenn es den Anschein
gewinnen könnte, als ob ich es zu meiner Rechtfertigung thüte. Du hättest diese Fremde niemals zwischen uns stellen dürfen, wenn Sir daran lag, eine angenehme Gesellschafterin für Deine alten Tage aus mir zu machen. An gutem Willen hat es mir nach meiner Wiederkehr gewiß nicht gefehlt; aber die Kluft war zu breit geworden, als daß ein liebevoller Vorsatz hingereicht hätte, sie zu überbrücken."
Mr. Rubarth neigte wie zustimmend den Kopf und die schwelende Zigarre wanderte wieder in den anderen Mund- ivinkel zurück.
„Ich habe cs ivohl bemerkt. Wer die Schuld lag nicht an mir, und sie lag auch nicht ausschließlich an Deiner Stiefmutter, wie groß immer Dein Haß gegen sie gewesen sein nmg. Als Du nach jener furchtbaren Scene heimlich aus Deinem Vaterhause entflohst, warst Du eine ganz Andere als au dem Tage, da Du wieder zurückkamst. Ich habe niemals eine ähnliche Veränderung an einem Menscheu wahrgenomnien. Und doch warst Du kaum länger als acht Monate fortgewesen. Es müssen sehr sonderbare Dinge mit Dir vorgegangen sein in dieser kurzen Zeit. Möchtest Du mir nicht endlich einmal sagen, Felicia, wo Du damals gelebt hast, und was mit Dir geschehen ift?"
„Nein! Und Du haft mir am Tage meiner Rückkehr feierlich versprochen, mich niemals danc.'ch zu fragen."
„Ich mußte es wohl thun, da Du nur unter dieser Bedingung bei mir bleiben wolltest, obwohl Deine Stiefmutter Dir inzwischen durch ihren fiühen Tod das Feld geräumt hatte. Wir haben der Welt das Märchen erzählt von Deinem Aufenthalt bei einem kalifornischen Verwandten, der niemals existiert hat, und es scheint ja, daß die Leute darau glauben. Deinem Vater aber könntest Du wohl endlich die Wahrheit sagen."
„Später vielleicht! Augenblicklich liegt dazu doch wirk- lich keine Veranlassung vor, denn es ist rin Grunde furchtbar gleichgiltig, was ich vor drei Jahren erlebt habe. Und das Meiste davon habe ich selbst bereits vergessen. Laß uns jetzt lieber von meiner bevorstehenden Abreise sprechen! Du bist doch damit einverstanden, daß ich gehe?"
„Würde es denn etwas ändern, wenn ich's nicht wäre? Aber muß es durchaus schon morgen sein, Felicia? Das sieht ja beinahe wieder aus wie eine Flucht."
„Ah, was kümmert es mich, wie es aussieht! Ich hasse das lange Hiuausschiebeu, und ich sehe nicht ein, weshalb es nicht ebensowohl morgen sein könnte als in vier Wochen!"
Mit zitternden Händen füllte Mr. Rubarth sein Weinglas von neuem und trank es langsam leer. Er hatte sich mit dem Gedanken an die bevorstehende neue Trennung von seiner Tochter jetzt offenbar vollständig abgefunden; denn nachdem er eine kleine Weile nachdenklich an seiner Zigarre gesogen hatte, sagte er:
„Wohin aber willst Du Dich denn nun eigentlich wenden? Und was willst Du so ganz allein drüben in Europa! anfangen?"
„Ich werde mir Land und Leute ansehen, werde bei


