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mit hineinzuziehen, scheiterte an der Hartnäckigkeit der Tarne, die, wie es schien, sich als Mittelpunkt betrachtet wissen wollte, gleichsam als Sonne, um die sich alle kleinen Gestirne drehen mußten.
Tie Forstmeisterin war eine schöne Frau, von stattlichem Wuchs und einem lebensprühenden Gesicht, in dem zwei dunkle Augen beständig ihre besondere Sprache redeten. Ja, schön war diese Frau, außerordentlich schön, das sagte sich auch Held, doch mehr eine Schönheit, die auf die Sinne wirkte, das Gemüt blieb dabei unberührt. Und dann diese Augen, die für jeden die Aufforderung: „Huldige mir!" zu enthalten schienen.
Wie anders dagegen der sanfte, sinnende Ausdruck in Hannas lieben Zügen, ihr seelenvolles, tiefes Auge, in dem keine Spur von Gefallsucht zu finden war. Ob der biedere Werner sich wohl glücklich fühlte an der Seite dieser Frau? Fast schien es so; vielleicht daß gerade der Stolz auf seine schöne, einst so vielumworbene Gattin ihn die kleinen Koketterien derselben übersehen ließ. Und sie hatte ja außerdem auch ihre Vorzüge. Ihr lebhafter Geist wußte alles mit Blitzesschnelle zu erfassen, sie wußte gut und verständnisvoll über alles zu reden. Und der leichte, neckende Ton, den sie den Herren gegenüber anschlug, übte auf diese einen nicht wegzuleugnenden Zauber. Sie war demnach, was man eine liebenswürdige Frau nennt, dazu vollkommen Gesellschaftsdame.
Tie Tafel war aufgehoben, die Tischgäste weilten jetzt draußen im Garten, auf welchen der Forstmeister vielen Wert zu legen schien; denn er war aufs sorgfältigste gepflegt, und eine große Fülle edler Rosen verbreiteten liebliche Düfte; auf kurzgeschorenen Rasen sarbenstrahlende Teppichbeete und Gruppen edler Nadelhölzer; dann nahm der Blumengarten eine parkähnliche Gestalt an; dunkle Nadelhölzer wechselten ab mit dem Laub der Rotbuche, 'oder dem Hellgrau der Silberpappel. Der Forstmeister verfehlte auch nie, seine Gäste auf das harmonische Farbenspiel dieser Baumpartien aufmerksam zu machen. Auch jetzt unterließ er es nicht, auf diese feine Lieblinge besonders hinzuweisen.
„Himmlisch", sagte Haüna, die an seinem Arm hing, „hierher werde ich mich zuweilen flüchten und meinen Träumen nachhängen. Wie ein Stückchen aus dem Paradiesgarten kommt mir dieses Fleckchen Erde vor, das unter Deiner liebevollen Pflege so wunderbbar schön gediehen ist, Tu bist zu beneiden, Robert, um die Kunst, der Natur solche Harmonie zu entlocken."
„Kleine Schwärmerin", lachte der Forstmeister geschmeichelt.
„Sie haben recht, mein Fräulein", stimmte Held Hanna bei, „es ist etwas Lohnendes um die Kunst, die Natur in ihrem Schöpfungstriebe zu belauschen und ihr die gedeihliche Pflege zur Unterstützung ihrer harmonischen Entfaltung zu geben."
„9to, nun haben auch Sie sich auf dies Gebiet verirrt, Herr Amtsrichter; fangen auch Sie an, zu schwärmen?" rief die Hausfrau Held lachend zu, der soeben, während Mohrmann der Hausfrau kleine Skandalgeschichten aus der Stadt erzählte, welche diese höchlichst zu interessieren schienen, von ihrer Seite weg zu Hanna und dem Forstmeister geschritten war, deren Gespräch! ihm nicht entgangen war.
Nach einer Weile eifrigen Plauderns hin und her löste der Forstmeister sankt feinen Arm von Hannas Umschlingung, und zu Held gewandt sagte er mit einem kleinen, schalkhaften Lächeln, das Hanna eine leise Röte der Verlegenheit in die Wangen trieb: „Ich überlasse nun Ihnen, Herr Amtsrichter, meine kleine Schwester, ich will einmal dem anderen Paare nachgehen. Suchen Sie dem Kinde ein wenig die melancholischen Gedanken zu vertreiben, ich glaube, sie leider an Heimweh und kann sich bei uns noch nicht heimisch.fühlen."
Hanna widersprach der letzteren Ansicht. „Wo sollte ich mich wohl sonst heimisch fühlen, wenn nicht bei Dir. Die erste Heimat ist mir verloren gegangen, nun bist Du meine Zuflucht, und Du bist so gut!"
„Nun höre einmal einer!" lächelte der joviale Herr, „singt mir das Kind da etne Lobeshymne! Liebe Hanna, dazu hast Du bis jetzt noch gar keine Veranlassung, werde erst einmal hier warm, Kleine."
Damit ging er kopfnickend und fein lächelnd davon und hatte bald mit seinen riesigen Schritten das vorangehende Paar eingeholt, dem er sich nun anschloß.
„Warum hast Du Hanna und Herrn Held nicht mitgebracht? Ich fürchte, Hanna wird keine allzu amüsante Gesellschafterinn für den Amtsrichter sein", tadelte seine Gattin.
„Es scheint mir, liebe Bertha, als hätten sich die beidpn auf ihrer Reise doch recht gut unterhalten, und da wird ihnen auch heute der Stoff nicht fehlen."
„Ich möchte einmal Mäuschen sein", kicherte Frau Bertha boshaft, „hast Du denn wohl schon ein einziges heiteres Wort aus Hannas Mund vernommen — nichts als Sentimentalitäten."
„Du darfst and) solche Ansprüche nicht an das Kind stellen. Hanna hat vor kurzem ihre Mutter verloren, und der Schmerz ist noch zu frisch um den Frohsinn, der ihr sonst eigen war, jetzt schon von ihr zu erwarten."
„Ihr scheint eine musterhafte Familie gewesen zu sein, da läßt keiner was auf den andern kommen; lauter Familienideale! Aber ich denke mir, Hannas Frohsinn kann auch früher nicht weit hergewesen sein; man kann doch mit einem Male nicht so mundt-t gemacht werden. Ich habe auch meine Mutter verloren. Du lieber Gatt, wer hätte nicht einen Toten zu betrauern?"
„Liebe Bertha", der Forstmeister sprach das mit einem bittenden Ton, „Du mußt bedenken, nicht alle sind wie Du. Tu hast nun einmal das heitere, sorglose Temperament, aber das ist nicht jedem gegeben. Tief empfindenden Naturen ist in ihrem Schmerz nun einmal das wortlose Schweigen eigen."
„Nun, Gott sei Dank!" lachte Frau Bertha, „daß ich nicht zu diesen stillen Duckmäusern gehöre; ich liebe das Leben und die Freude, und wenn ich Gäste um mich habe, sollen auch sie froh sein!"
Diese letzte Aeußerung seiner Gattin beantwortete der Forstmeister, indem er aut das aus einem Seitenweg auf sie zukommende Paar zeigte. „Sieh, auch da hat der Frohsinn seinen Einzug gehalten, betrachte nur beider Mienen, welche stille Heiterkeit sich! auf ihnen zeichnet."
Ter Hinweis war nichr ungerechtfertigt. Der Ausdruck beider Gesichter zeigte, daß die Langeweile ihnen nicht beigekommen war. Auch Frau Bertha bemerkte das, und wie ein leichter Verdruß lagerte es sich über ihr schönes Gesicht. So hatte Held vorhin in ihrer Begleitung nicht ausgesehen. Sie empfand das fast wie eine Kränkung ihrer eigenen Person. Sie war nun einmal nicht die Frau, die ihren Geschlechtsgenossinnen irgend einen Vorzug gegenüber dem anderen Geschlecht gönnte- Deshalb war auch die stille, sanfte, aber auch überaus liebliche junge Schwägerin durchaus nicht nach, ihrem Geschmack, sie fürchtete mehr, wie sie sich Wohl selbst eingestand, die Anziehungskraft der jungen Verwandten auf Männcrherzen. Bisher gewohnt, überall, wo sie miftrat, auch! Siegerin zu sein, fürchtete sie in der jugendlichen Schwägerin eine gefährliche Nebenbuhlerin zu besitzen.
Und Frau Bertha war nichr gewohnt und auch nicht Willens, je die zweite Rolle in irgend einem Zirkel zu übernehmen. Deshalb das wohl mehr unwillkürliche, als aus wirklich böser Absicht entsprungene Herabsetzen Hannas; denn Frau Bertha war nicht schlecht, die gönnte keinem Menschen Böses, aber eitel und herrschsüchtig, und wer ihr hier in den Weg trat, der versündigte sich schwer an ihrer Eigenliebe.
Mohrmann hatte während der Wechselrede des Ehepaares still vor sich hingelächelt. Er kannte ja Frau Berthas ausgesprochenes Herrschertalent, welches gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir", und er ahnte, daß diese kleinen Ausfälle gegen die junge Verwandte ihrer verletzten Eitelkeit entsprungen waren.
Tie gute Forstmeisterin, sie hätte seiner Meinung nach unbesorgt sein können. Das junge Mädchen, so reizend es war,' würde wohl kaum jemals als Rivalin der schönen Frau gelten können, aus dem einfachen Grunde nicht, weil sie nie darauf ausgehen würde, Eroberungen zu machen. Mochte die Frau Forstmeisterin also nur immerhin ihre Netze ausspannen, ihre junge Schwägerin würde ihr nie in den Weg treten. Und wenn sich! da, wie es fast scheinen wollte , zwischen dem neuen Amtsrichter und der Schwester


