503 —
des Forstmeisters was anshinnen wollte, so würde die Liebe zu dem Manne ihrer Wahl, Fräulein Hanna, voll und ganz fesseln, und jeder andere würde ihr gleichgiltig sein. Das sagte ihm sein geübter, juristischer Scharfblick, der gewohnt war, in den Mienen der Menschen zu forschen, um ihren Geisteszustand zu erraten.
In den von dem Forstmeister und seiner Gattin frequentierten Gesellschaftskreisen hatte die Nachricht von der Ankunft des jungen Gastes sich schnell verbreitet, und man wartete gespannt auf die Vorstellung der jungen Dame. Die Einladung des neuen Amtsrichters und des Staatsanwalts in die Forstmeisterei, ehe die guten Kleinstädter die junge Dame ancy, nur zu Gesicht bekommen hatten, verdroß diese gewaltig, und man beschloß! tat stillen, dies, Forstmeisters sowohl wie die beiden Gäste durch eine etwas reservierte Haltung entgelten zu lassen.
Auch, aus den neuen Amtsrichter war man gespannt; es war immerhin ein Ereignis, wenn ein junger, unverheirateter Beamter nach dem kleinen Provinzialstädtchen versetzt wurde, und die heiratsfähigen Damen und Mütter solcher Töchter machten dann beizeiten ihre Pläne. Doch was helfen alle Pläne, wenn der Betreffende, ehe man ihn nur einmal zu Gesicht bekommen hat, schon von einer anderen, einer Fremden, wie die Kleinstädter mit einer gewissen Verachtung hinzusetzten, sich einfangen ließ? Das war es, was die guten Freunde des Forstmeisterhauses in Zorn versetzte. Mußte da em so junges, wildfremdes Mädchen Herreisen, und gleicb unterwegs denjenigen bezaubern, auf den so viele andere, gewiß nicht minder begehrenswerte Mädchen ihre stille Hoffnung gesetzt hatten?
Dann hatte der Amtsrichter Besuch, gemacht, und trotz des stillen Vornehmens, ihn recht gemessen und reserviert zu empfangen,. begegnete man ihm doch allenthalben mit der größten Liebenswürdigkeit. Cs ging eben gar nicht anders, seinem offenen und freimütigen Wesen gegenüber.
. Tie schöne Sommerzeit gab genügend Veranlassung, kleine Ausflüge und Festlichkeiten im Freien zu veranstalten. Und es schien die Bewohner von C. nun auf einmal eine große Vergnügungssucht überkommen zu haben; denn sie wetteiferten förmlich, einer dem andern mit Einladungen zuvorzukommen. Der neue Amtsrichter wurde bei diesen Einladungen nie vergessen. Trotzdem war der also Gefeierte so unhöflich, die meisten dieser Einladungen abzulehnen; denn nachdem er einige dieser Vergnügungen gekostet, hatte er genug davon; dieses ihn Umschwärmen älterer, sowie jüngerer Damen, dessen Endzweck sich nur zu deutlich bemerkbar machte, war ihm unsäglich zuwider. Es kam ihm vor, wie ein Feilhalten, ein Zu-Markte- führen heiratsfähiger Schönen. „Ebensogut", dachte er, „könnten die Mütter die Töchter zur Parade führen, sie in Reih und Glied aufstellen, und die heiratslustige Männerwelt an ihnen vorbeidefilieren und wählen lassen. Es wäre wenigstens einfacher und weniger kostspielig und der Wahrheit angemessen."
(Fortsetzung folgt.)
Aus dem Minnelebm der Tauben.
Von Julius von Hoven.
(Nachdruck verboten.)
Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Tauben, die wilden, sowohl wie die zahmen, in Einehe leben. Eine einmal geschlossene Ehe gilt als lebenslängliche, die nur der Tod trennt. Die Zärtlichkeit der Ehegatten und ihr friedliches Zusammenleben i,r sprichwörtlich. Opferfreudig nährt der Täuberich stellenweise seine Gesponstin, wenn nicht mit seinem Herzblut, so doch mit Gerichten, die er der leichteren Verdauung halber in seinem Kropf hergerichtet hat, in der Weise, tote beide später ihre Jungen nähren.
In den vielen Jahren, in denen ich Gelegenheit hatte, Tauben zu beobachten, habe ich nur musterhafte Ehen kennen gelernt, und es wurden diese selbst von den flottesten Junggesellen, denen eine ehrbare Annäherung noch nicht zur Gattin verhalfen, geachtet, als ob das zehnte Gebot alle Triebe beherrsche. Eigentliche Sittlich? keitsvergehen blieben sonach förmlich ausgeschlossen. Man kann daher leicht mein Erstaunen begreifen, als ich die
Wahrnehmung machte, daß ein jugendlicher Fant, blauschwarz von Farbe, kaum mannbar geworden, sich in sträflicher Absicht einer goldgelben Taube näherte und dieser sogar in frecher Weise Liebeserklärungen machte, wodurch die Ruhe und der Friede der goldgelben Eheleute in empörender Weise gestört wurde. Obwohl die Gattin in sittsamer Betrachtung, von sträflicher Liebe frei, die Bahn der ehelichen Pflicht wandelte, hatte der Gatte einen beständigen Kampf mit dem Zudringlichen zu bestehen, um ihn zu verscheuchen. Aber selbst tüchtige Schnabelhiebe, die der Totlkopf erhielt, wie die moralische Entrüstung der besseren Gesellschaft — obwohl sich diese im übrigen neutral verhielt — waren nicht tat stände, seine Lebensglut zu mindern und ihn auf den Weg der Besserung zu führen.
So lange der Goldgelbe in Ermangelung eines flammenden Schwertes mit flammendem Auge in der Umgebung des ehelichen Heims Wache hielt, spielte dieser den Ritter Toggenburg, indem er unverwandten Blicks, wo er sich auch befand, sein schwarzes Antlitz der Goldgelben zuwandte.
Es war ein öffentlicher Skandal, der in der Taubenwelt noch nicht dagewesen war, und es stand zu befürchten, daß das Treiben des Nichtswürdigen lockernd auf die altererbte Sittenreinheit wirken und die eben Heranwachsende Jugend entsittlichen könne.
Das Einfachste wäre nun wohl gewesen, daß ich den Störenfried aus der tugendhaften Gemeinde entfernt hätte; doch seine sonstigen Eigenschasten waren mir zu kostbar. Er stammte von vornehmen Eltern (Holländern) ab, die ihre seltenen Vorzüge auf diesen, ihren Sohn, vererbt hatten. Er war der beste Flieger, schlug den Burzelbaum acht, oft auch vierzehnmal hintereinander ohne Pausen, und war dabei von graziöser Haltung und glänzendem Gefieder.
So griff ich denn zu dem nicht mehr ungewöhnlichen Mittel, ihm eine Frau anzusiegeln, die ihn von seiner Thorheit heilen sollte. Zu diesem Zwecke erstand ich — meine Nachzucht war noch zu jung — eine schwarze Taube und steckte beide in den sogenannten Paarkasten, ein engeres, auf einer Seite vergittertes Behältnis, das beide von dem Verkehr mit der Außenwelt abschließt, und in dem nach althergebrachter Sitte und Erfahrung in längstens drei bis vier Tagen die Ehe vollzogen wird. Doch welcher Schrecken erfaßte mich, als ich. am folgenden Tage einen Blick in den Paarkasten werfe. Die Taube war jämmerlich zugerichtet, und es blieb mir nichts anderes übrig, als wieder zur Trennung zu schreiten, und ich ließ ihn nun allein im Kasten. Er girrte aufs neue liebestoll nach der Goldgelben, suchte sich durch das Gitter zu zwängen und gebärdete sich mehr wie der rasende Roland, als der sanfte Toggenburg. Nach einigen Tagen weigerte er sich, Futter anzunehmen; ich dachte an Weither und seine Leiden und befürchtete auch bei dem Schwarzblauen Selbstmord. Daher ließ ich ihn frei, in der Erwartung, daß der Goldgelbe seine Rechte energisch wahren und der Schwarze endlich Vernunft annehmen werde. Doch das alte Spiel erneuerte sich wieder, weshalb ich das frühere Mittel noch einmal versuchte.
Eine silbergraue Taubenmaid, schlank wie die Palme und lieblich wie die Lilie sollte sein eigen werden, und beide wanderten in den Paarkasten. So hofste ich doch noch, Ruhe und Ordnung im Taubenschlag herzustellen. Doch ich hatte die Rechnung wiederum ohne den Liöbes- wcchu des Schwarzen gemacht. Denn als ich nach zwei Tagen in den Kasten blickte, bot sich mir ein Bild des Jammers dar: Die Silbergraue war nicht nur an vielen Stellen ihres Federschmuckes beraubt, sondern ihre Hirnschale derart verletzt, daß das Gehirn durchschimmerte. Warum diese barbarische Behandlung einer Unschuldigen, die sich ihm ja gar nicht aufgedrungen?! Er konnte sie ja als Genossin betrachten und verlassen, wenn der Kasten sich wieder öffnete. Oder war seine Liebe zur Goldgelben, wie die eines Ulrich von Lichtenstein? Oder aber wollte er der Goldgelben beweisen, daß sie allein in seinem Herzen herrsche, und jede andere ihm gleichgiltig, ja verhaßt sei? Das waren für mich psychologische Rätsel, die ich nicht zu ergründen vermochte. Klar war mir, seine Devise lautete: „Diese, nämlich die Goldelse, oder feine", wie solche Ueber- spanntheiten ja auch bei ideal veranlagten Jünglingen vor-


