„Nein, durchaus nicht — sondern wie ich Dir schon sagte: ich gab ihm seine Küsse zurück."
„Aber, Hanna — ist es möglich? Tw — meine stolze, unnahbare Schwester!"
„O, in jenem Augenblick war ich garnicht stolz, nicht im mindesten. Ich war nur glücklich; denn ich liebte den Mann, der mich küßte, und es beseligte mich, zu fühlen, daß er stärker war als ich."
„Nach einer Bekanntschait von einer Stunde? Und vielleicht wußtest Tu noch nicht einmal, wer er war."
„Nein. An eine gegenseitige Vorstellung hatten wir bis dahin wirklich nicht gedacht. Man vergißt derartige Förmlichkeiten in solcher Lage, und inmitten einer solchen Natur. Da wir anfingen, französisch zu sprechen, sobald wir einen Zuhörer hatten, konnte uns der biedere Aelpler, der die Schutzhütte bewirtschaftete, für ein junges Ehepaar halten. Und ein paar Stunden lang ließen wir ihn in diesem Glauben."
Der Rechtsanwalt schüttelte den Kopf.
„Wenn es ein anderer wäre, der mir das von Dir erzählte, Hanna — ich glaube, ich würde ihn auf Pistolen fordern."
„Es wäre kein Grund dazu, falls er bei der Wahrheit bliebe; denn es geschah selbstverständlich nichts, dessen ich mich in der Erinnerung vor mir selbst oder vor irgend jemand zu schämen hätte. Aber ich werde nie in meinem Leben wieder so glücklich sein, wie ich es in jenen Stunden gewesen bin, obwohl ich zeitweilig vor körperlichen Schmerzen laut hätte aufschrcieu mögen."
„Nun? Und weiter? Wie endete das Abenteuer?"
„Auf die nüchternste Art von der Welt. Meine russische Begleiterin, die mich schon aus dem Grunde irgend einer Gletscherspalte geglaubt hatte, erschien mit zwei Führern und einem Tragsessel. Mein Ritter wurde dadurch veranlaßt, sich vorzustellen, und erwies sich als ein auf Ferienurlaub befindlicher Volksschullehrer Müller aus Brandenburg an der Havel."
„Während Du ihn bis dahin für einen verkleideten Prinzen gehalten hattest, nicht wahr?"
„Nicht gerade für einen Prinzen, da ich mir unter der Mehrzahl dieser Herren weder ausnehmend schöne, noch ausnehmend geistreiche Männer vorstelle, immerhin aber für etwas anderes, als er es. seinem Geständnis nach war."
„Und Tu warst nun mit einem Mal von Deiner Leidenschaft für ihn geheilt?"
Hanna machte eine verneinende Gebärde.
„Er verlor in meinen Augen keinen seiner Vorzüge, weil er nur ein Volksschüllehrer war. Aber die Sache mußte unter solchen Umständen natürlich sofort ein Ende haben. Ich nannte ihm weder meinen richtigen Namen, noch den meiner Begleiterin, und benutzte die zufällige Bemerkung eines Führers, daß irgendwo in der Nähe ohne allzu große Lebensgefahr Edelweiß zu erlangen sei, um mich seiner zu entledigen. Sobald ich sicher war, daß er nicht vor Ablauf von zwei Stunden wieder in der Schutzhütte sein konnte, begann ich in meinem Tragsessel den Abstieg, und der Vorsprung, den ich damit gewann, erwies sich denn auch glücklicherweise als groß genug."
„Du hast diesen Herrn Müller nicht wiedergesehen?"
„Nein; denn ich war vierundzwanzig Stunden später wieder in Zürich; und wenn er mich überhaupt gesucht hat, kann es nur nach der entgegengesetzten Richtung gewesen sein."
„Und dawit glaubst Tu die Gefahr bestanden zu haben, von der wir vorhin sprachen? Nein, Hanna, wie romantisch auch Dein Reiseabenteuer gewesen sein mag, die Macht einer wahren Liebe hast Du damit noch nicht erfahren."
Sie legte ihr Zigarettenstümpfchen in die Aschenschale, und stand auf.
„Es liegt mir nichts daran, Bernhard, Dich vom Gegenteil zu überzeugen. Für mich aber ist es sicher, daß ich nie wieder einen Mann lieben werde, wie ich diesen geliebt habe. Gelang es mir damals, die Versuchung zu meistern, so wird es mir, wenn es jemals nötig werden sollte, wohl auch künftig gelingen. Und nun, gute Nacht! Ich fange an, müde zu werden. Und morgen ist auch noch ein Tag."
„Ein fröhlicher, wie ich hoffe; denn für morgen abend lade itty uns bei den Restorps zu Gast. Und ich freue mich
schon letzt darauf, zu sehen, wie gute Freundinnen ihr nach Verlauf der ersten Stunde sein werdet — Du und Inge."
Sie bot ihnr ihre Wange, ohne zu antworten, und auf ihrenl schönen, ruhigen Gesicht war nicht zu lesen, ob sie seine Hoffnung teilte.
(Fortsetzung folgt.)
Thslers letzte Erdentage.
Von H. Berdrow (Berlin).
(Nachdruck verboten.)
Die Tage, welche in fröhlicher Runde das alte, lustige Gesellschaftslied vom wandernden Thaler erklingen hörten, sind anscheinend gezählt. Nicht lange mehr soll der Thaler hinieden wandeln; zum letzten schwersten Gange, von dem es keine Wiederkehr giebt, muß auch er sich rüsten. Wenngleich gegen den Tod überall, selbst für einen so unverwüstlichen Gesellen, kein Kraut gewachsen ist, so wollen wir ihn — das heischen Dankbarkeit und alte Anhänglichkeit — wenigstens nicht ohne Sang und Klang von hinnen fahren lassen.
Das Reichsgesetz vom 1. Juni 1900, welches den Vorrat von Scheidemünzen von 10 auf 15 Mark für den Kopf der Bevölkerung zu erhöhen beschloß, hat unserem Freunde das Todesurteil gesprochen; denn das zur Ausprägung dieser Mehrsumme erforderliche Silber sollte durch Einziehung der Thaler, deren Bestand vor kurzem auf etwa 120 Millionen Stück geschätzt wurde, gewonnen werden. Zunächst nahm man unter Einberufung der ältesten noch umlaufenden deutschen Jahrgänge und der landfremden Oesterreicher die Ausmünzung von 22 einhalb Millionen Mark in Angriff; sie wird gegen Ende März 1901 beendet feilt. Dann sollen weitere Prägungen in Höhe von 30 Millionen Mark stattfinden, denen außer den noch nicht ertappten Oesterreichern deutsche Gepräge aus den Jahren 1823 bis 1856 zum Opfer fallen werden. Jüngere Jahrgänge werden bei dem unablässig steigenden Bedarf an Reichssilber voraussichtlich bald Nachfolgen.
Mit unseren Thalern geht ein anschaulicher, klingender Abriß deutscher Geschichte des vor 1870 liegenden halben Jahrhunderts dahin. Es sind so charakteristische Gestalten, so „ausgeprägte" Individualitäten darunter, daß der Samm- ler seine Helle Freude an ihnen hat, und auch der Laie sich gern in einem solchen „Thalerkabinett" umsieht. Die nun zunächst zur Einziehung bestimmten Stücke tragen auf der Kehrseite sämtlich die gleiche Umschrift: XIV eine feine Mark. Diese Gehaltsbestimmung bildete das einzige gemeinsame Merkmal der in Porträt, Wappen und Wahlspruch so unendlich verschiedenen norddeutschen Thalergepräge. Preußen münzte nach diesem Fuße schon seit 1823, und ihm schlossen sich 1832 Kurhessen, 1834 Hannover undl Anhalt-Bernburg, sowie 1837 Braunschweig an. Erst int Jahr 1839 gelang es, im Anschluß an den Zollverein eine Münzkonventivn durchzusetzen, die dem preußischen Münzfuß wenigstens in Norddeutschsänd allgemeine Geltung verschaffte und bestimmte, daß aus einer feinen Mark Silber 14 Thaler oder 24 einhalb Gulden zu prägen seien.
Mnen erheblichen Fortschritt brachte der zu Wien im Januar 1857 geschlossene Münzvertrag, durch den sich die Zollvereinsstaaten mit Oesterreich! dahin einigten, das neue Pfund feinen Silbers zu 30 Thalern oder 45 österreichischen resp. 52 einhalb süddeutschen Gulden auszuprägen. Diese Thaler tragen die Umschrift: XXX ein Pfund fein. Auch dieser Versuch einer wenigstens ideellen Einigung blieb nicht ohne Erfolg; allmählich prägten alle deutschen Staaten, ausgenommen die nichi im Zollverbande stehenden Hansestädte, an Stelle der bisherigen Thaler und Gülden die neuen Vereinsmünzen, und auch die süddeutschen Staaten haben seit 1857 zahlreiche Thalergepräge in die Welt gesandt. Oesterreich schied infolge der Ereignisse des Jahres 1866 aus diesem Münzverbande aus, und hat seitdem das Ausmünzen von Thalerstücken eingestellt. Im Jahre 1871 fand die Thalerprägung mit Einführung der Markwährung ihren Abschluß. Tie von den vier Königreichen und der freien Stadt Bremen hergestellten Siegesthaler beschließen auf glorreiche Weise die


