Ausgabe 
4.8.1901
 
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ine junge Dame sogleich ihre Hand zurückgezogen, um sich rasch gegen den Pfandleiher zu wenden. Er übergab ihr den Schein jo lute ein Päckchen Banknoten, und sie steckte alles, ohne das Geld nachzuzählen, ziemlich achtlos in die Tasche ihres Regenmantels. Noch ein letzter dankbarer Blick der ausdrucksvollen braunen Augen 'flog zu dem Referendar hinüber, dann schlüpfte sie mit freundlichem Gruße hinaus.

Eine niedliche kleine Person", sagte August Jmberg schmunzelnd.Ja, ja, bei diesen vornehmen Leuten ist auch nicht immer alles so glänzend, wie es aussieht. Viel­leicht hat sie Dir ihr Herz ausgeschüttet, während sie hier mit Dir allein war und Dir mitgeteilt, wozu sie das Geld Jo, notwendig haben mußte?"

Wie hätte sie dazu kommen sollen, Vater, mir ihre Geheimnisse preiszugeben mir, einem Fremden?"

Na, ich meinte nur, daß Tn Dich doch wohl nicht ganz ohne alle Veranlassung so warm für sie verwendet hättest. Hoffentlich werde ich ja keine Unannehmlichkeiten von der Geschichte haben. Der Schmuck ist mindestens das Fünffache wert, und insofern hat es keine Gefahr. Aber ist das erste Mal in diesen dreißig Jahren, daß ich mich gegen die polizeilichen Vorschriften vergangen habe, und wenn der Teufel seine Hand im Spiele hätte--"

iDas erneute Anschlägen der heiseren Thürglocke im Kontor hinderte ihn, weitere Betrachtungen anzustellen, und der Referendar blieb allein. Wohl setzte er sich wieder an seine Arbeit, aber so rechtschaffen er auch bemüht war, ihr alle seine Gedanken zuzuwenden, die Erinnerung an die bittenden braunen Kinderaugen und an den dankbaren Druck der kleinen, weichen Hand kam ihm doch immer wieder störend dazwischen.

Behend war die Urheberin von August Jmbergs erster Gesetzesübertretung durch den dunklen Thorweg und über die stille Straße geeilt. Ein paar hundert Schritte von dem Hanse des Pfandleihers entfernt löste sich ans dem Dunkel eines versteckten Winkels die Gestalt eines großen, elegant gekleideten Mannes, der dort offenbar auf ihr Wieder- erfcheinen gewartet hatte.

Das hat ja verwünscht lange gedauert, Lilli", sagte er, seine Stimme vorsichtig dämpfend, obwohl rings umher kein menschltches Wesen zu erblicken war, das sie hätte belauschen können.Hoffentlich hast Du wenigstens das Geld erhalten."

Ja", erwiderte sie, indem sie ihm hastig die Bank­noten und den zerknitterten Pfandschein reichte.Wer' nicht um eine Million möchte W das noch einmal thun, Papa! Ich habe mich durch flehentliche Bitten vor diesen Leuten demütigen müssen, und dabei habe ich noch eine Todesangst jausgestanden, daß sie mir die Lüge vom Gesicht ablesen könnten, als ich ihnen zu meiner Legitimation Melanies Visttenkarte gab."

Der vornehm gekleidete Herr war in den Lichtkreis einer Laterne getreten, um die Scheine zu zählen. Er war ein Mann von vrelleicht fünfundvierzig Jahren mit scharf mar­kiertem, hagerem Gesicht und mit wohlgepflegtem mar- ttalychem, blonden Schnurrbart. Seiner Haltung und seinem Aussehen nach hätte man ihn am ehesten für einen in Zivil gekleideten Offizier halten können.

'Erst nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Summe stlmmte, antwortete er auf die Klage des jungen Mädchens : Ich kann mir wohl denken, daß es nicht sehr angenehm für Dich war, mein armer, kleiner Liebling! Aber wenn unsereiner 'mal in Geldverlegenheit gerät, ist er eben viel schlimmer daran, als irgend ein armer Teufel, dem es Nichts ausmacht, wenn alle Welt von seiner Bedränanis erfährt .Ich konnte nicht selbst hingehen, um das Ding AU versetzen, das siehst Du doch wohl ein, und ich durfte Mich auch keinem anderen anvertrauen. Du aber wirst ^..uiesem schäbigen Pfandleiher kaum jemals wieder in persönliche Berührung kommen, und da er Deinen Namen urcht erfahren hat, ist es jetzt schon so gut, als wäre es nie geschehen. Er hat doch nicht etwa versucht, Dich aus­zufragen?"

Lilli verneinte, und für einen Moment war' sie in Versuchung, dem Vater von dem freundlichen Referendar zu erzählen, ohne dessen Verwendung sein Wunsch schwer­

lich in Erfüllung gegangen wäre. Aber eine instinktive Scheu, über deren Ursache sie selbst sich keine Rechenschaft zu geben vermochte, hielt sie davon ab. Und der Herv mit dem blonden Schnurrbart war, wie es schien, auch gar nicht sehr neugierig, Näheres über ihre Erlebnisse in August Jmbergs Geschäftslokal zu erfahren.

. »Ich denke, wir nehmen eine Droschke", sagte er,um Seinen Koffer abzuholen und dann sogleich nach dem Bahn­hof zu fahren. Dein Zug geht zwar erst in einer Stunde, über wir können ebensowohl im Wartesaal zu Abend speisen als in irgend einem Restaurant, wo wir doch möglicher­weise auf Bekannte stoßen könnten."

Und ich soll der Tante wirklich nicht lebewvhl sagen? Wird sie mir das nicht sehr verübeln?"

Ich will Dich schon bei ihr entsckWldigen. Sie glaubt ja, daß Du bereits heute früh gefahren bist, und in diesem Glauben müssen darum selbstverständlich auch alle unsere Bekannten erstatten werden. Merke Dir das gut, liebes Kind! Und sei überhaupt in Deinen Aeußernngen so vor­sichtig als möglich. Zu keinem Menschen, wer es auch sein mag, darfst Du jemals von der Brosche sprechen. Denn um meine und um Deine Stellung in der Gesellschaft wäre es rettungslos geschehen, wenn irgend jemand von Deinem Besuch bei dem Kerl da" und er wies mit einer Kopfbewegung rückwärtserführe."

Lilli schwieg, und erst als sie dann in der von ihrem Vater angerufenen Droschke saßen, sagte sie mit einem tiefen Seufzer:Es ist doch eigentlich recht schlimm, wenn man nicht reich ist, Papa! Solche Sachen, wie die von heute abend, sind so- widerwärtig."

Der andere lachte etwas gezwungen.Zu den Freuden des Daseins gehören sie wenigstens nicht das gebe ich Dir gerne zu- mein Kind! Wer es werden ja auch wieder bessere Zeiten kommen, und Du zumal hast alle Ursache, auf sie zu hoffen. Daß Du Dein Herzchen jemals an einen armen Schlucker verlieren könntest, brauche ichj doch wohl nicht zu befürchten nicht wahr?"

Mit großer Entschiedenheit schüttelte sie den Kopf. Niemals, Papa! Ehe ich mich mein Leben lang solchen abscheulichen Notwendigkeiten ausgesetzt sehen möchte, wie es die heutige war, möchte ich doch lieber mit zwanzig Jahren sterben."

Zärtlich streichelte der Vater ihre Hand.Aber das eine wird so- wenig nötig sein als das andere, mein Lieb­ling! Wenn Du Dein Herz nur vor allen Thorheiten zu hüten weißt, wird sich schon eines Tages der Rechte ein­finden, der Dir das Los zu bieten vermag, auf das mein Töchterchen Anspruch! erheben darf."

Wieder atmete Lilli tief auf, aber es klang diesmal wie ein Seufzer heißer Sehnsucht nach diesem herrlichen Tage, und in den braunen Augen, die eben im Vor üb er­fahren an den hellerleuchteten Fenstern eines prächtigen Hauses dahin streiften, leuchtete es wie glühendes Ver­langen nach Glück und Genuß:

Zweites Kapitel.

Es war eine Woche später. August Irnberg befand sich allein in seinem Kontor, als ein trotz seiner bürgerlichen Kleidung sehr soldatisch aussehender Mann in mittleren Jahren mit dem vertraulichen Gruße eines alten Bekannten eintrat.

Ah, Herr Fahrig!" sagte der Pfandleiher, indem er ihm über den Ladentisch hinweg die Hand reichte.Habe ja seit beinahe einem Monat nicht mehr das Vergnügen gehabt. ^Wieder einmal eine kleine Revision des Pfandbuches

Diesmal nicht, Herr Irnberg! Ich bringe Ihnen nur einen Laufzettel über gestohlene Sachen. Viel Besonderes ist nicht dabei außer einem wertvollen Brillantschmuck, der einer Frau Therese Haller schon vor acht Tagen ge­stohlen sein soll. Na, bei einem Manne wie Sie werde ich ihn ja schwerlich finden, das weiß ich im voraus."

Er hatte den gedruckten Zettel aus seinem Notizbuch genommen und ihn Irnberg überreicht. Der überflog ihn rasch, um dann mit einem Ausruf des Schreckens den Kopf zurückzuwerfen.

Was was ist das?" stieß er hervor.Eine Brosche aus Brillanten, Rubinen und Saphiren in Form eitteg großen Schmetterlings Etui von rotem Leder mit