Ausgabe 
4.8.1901
 
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Sonntag den 4. August

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t)ebensweisheit steht,

Wenn der Trug verweht;

Wahrheit ist die Pforte,

Die znm Himmel zieht. Tiedge.

(Nachdruck verboten.)

Der Schmetterling.

Novelle von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Abermals legte er die s^eder hin, um sich! von seinem Stuhl zu erheben.Ich mische mich sonst niemals in die geschäftlichen Angelegenheiten meines Vaters, aber wenn ich Ihnen dadurch dienen kann, mein Fräulein, daß ich ein gutes Wort bei ihm einlege"

Sie kam nicht mehr dazu, ihm zu danken; denn eben erschien August Jmberg wieder auf der Schwelle der in das Kontor führenden Thür.

So! Ich habe mir ein bißchen Luft gemacht", fagte er,und wir können, wenn es Ihnen lieber ist, die Sache je nun gleich hier drinnen ins reine bringen. Sie haben doch einen Ausweis?"

Jetzt wurden die runden braunen Augen für Rudolf Jmberg wieder sichtbar. Sie sandten einen ängstlichen, hilfeflehenden Blick zu ihm hinüber, und er beeilte sich, fein Versprechen zu erfüllen.

Das Fräulein sagte mir soeben, daß es leider ver­säumt habe, sich mit einer solchen Legitimation zu ver­sehen. Vielleicht könntest Du, wenn Pflicht und Gewissen es Dir nicht geradezu verbieten, diesmal eine Ausnahme machen, lieber Vater."

Der Pfandleiher sah den Sprechenden verwundert au. Dann schüttelte er den Kopf.Als Jurist mußt Du doch wissen, Rudolf, daß ich das beim besten Willen nicht kann und darf. Noch dazu bet einem so wertvollen Stück. Führen Sie denn gar nichts bei sich-, mein liebes Fräulein, das Ihnen als Ausweis dienen konnte? Ein Auge dürfte ich im Vertrauen auf Ihre Ehrlichkeit und auf die Fürsprache meines Sohnes hin wohl zudrücken, aber alle beide--"

Sie griff in die Seitentasche ihres Regenmantels und brachte daraus eine zierliche Brieftasche von grünem Saffianleder zum Vorschein.

Hier!" sagte sie beklommen, indem sie August Jmberg ein Kärtchen von der schmalen, länglichen Form überreichte, wie sie die neueste Mode den Damen zum Gebrauch bei ihren Besuchen vorschrieb.Wollen Sie sich nicht aus Menschenfreundlichkeit damit begnügen?"

Melanie von Neuhofs, Parkstraße 2", las der Pfand­leiher.Das ist freilich ein Name und eine Adresse. Aber am Ende stehen sie doch blos auf einer Visitenkarte und nicht auf einem amtlichen Papier. Meinst Du wirklich, Rudolf, daß ich es daraufhin wagen kann?"

In einer Sache, für die Du allein die Verantwortung zu tragen hättest, kann ich Dir natürlich keinen Rat erteilen, Vater", erwiderte der Referendar, der die braunen Augen noch immer auf sich gerichtet fühlte, zögernd.Aber wenn Du mich fragst, ob ich es thun würde, so antworte ich Dir freilich mit einem unbedenklichen Ja."

Der Alte zauderte noch ein wenig, aber die Meinung seines Sohnes, zu dem er emporsehen mußte, weil der Referendar ihn um ein so gewaltiges Stück überragte, schien für ihn doch von so großem Gewicht, daß sie endlich alle seine Bedenken besiegte.

Nun, wenn Du es wagen würdest Du, ein Rechts­gelehrter, dann darf ich es ja am Ende auch thun. Sie werden einen alten Mann, auf dessen Namen bis jetzt kein Makel haftet, nicht in Ungelegenheiten bringen nicht wahr, mein liebes Fräulein?"

Wie käme ich dazu! Ich werde Ihnen vielmehr für Ihre Freundlichkeit immer eine dankbare Erinnerung, be­wahren."

Na, was das betrifft, so vergönnen Sie die dankbare Erinnerung lieber dem, dem sie gebührt. Ohne die Ver­wendung meines großen Jungen da hätte ich es schwerlich gethan."

Er ging hinaus, um den Pfandschein auszufüllen und das Geld zu holen. Tie beiden Zurückgebliebenen standen sich erst etwas verlegen gegenüber, dann aber ging das junge Mädchen mit mutigem Entschluß auf Rudolf Jmberg zu uud reichte ihm die Hand.

Ich danke Ihnen aufrichtig, Herr Referendar! Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen. Aher ich darf wohl darauf rechnen, daß Sie zu niemand darüber sprechen werden, nicht wahr?"

Bedarf es erst einer Versicherung, um Sie darüber zu beruhigen, mein Fräulein? Ich beginge ja eine Ehr­losigkeit, wenn ich mich Ihres Vertrauens unwürdig zeigte."

'Er fühlte durch den feinen schwedischen Handschuh die jugendliche Wärme der kleinen, weichen Hand, die sie länger als es vielleicht unbedingt nötig gewesen wäre, in der seinigen ließ. Ein Wort, das von der Hoffnung auf ein Wiedersehen sprach, wollte sich ihm auf die Lippen drängen. Aber da fiel ihm ein, daß ein solches Wieder­sehen ihr ja nur peinliche Verlegenheit bereiten könne, und darum behielt er seinen Wunsch und seine Hoffnung für sich.

Schon nach sehr kurzer Zeit trat auch August Jmberg wieder ein, und bei dem ersten Knarren der Thür hatte