Ausgabe 
4.6.1901
 
Einzelbild herunterladen

1901.

SSMS^SS

Säs

'^DDnff p«f? ^LmLMS

wir eincm^Glaubkn leben, Ob wir echter Kunst uns weih'n, Eins^nur bindet Mcnschcnherzen: Eins nur: schlichtes Menschlichsein.

Carl Siebel.

(Nachdruck verboten.)

Die Göttin des Glücks.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Ich habe gehört, daß Sie die ganze Nacht hier durchgewacht haben. Ich danke Ihnen, Harro dafür und für alles, was Sie meinem Vater bis zum letzten Augenblick seines Lebens gewesen sind. Ich werde Ihnen das gewiß nie vergessen."

Ach, was habe ich ihm sein können, Erika ich, der ich immer nur der Empfangende, der überreich Be­schenkte war!"

Er hatte wieder das beklemmende Gefühl, das gestern abend bei ihrem Eintritt über ihn gekommen war die unbestimmte drückende Empfindung eines schweren Un­rechts, das er gegen sie begangen. Er hätte jetzt so gern ihre beiden Hände genommen, hätte ihr so gerne in den liebevollsten, innigsten Worten von seiner Freundschaft für sie gesprochen, und von seiner Bereitwilligkeit, sie fortan zu schirmen, wie ein treuer Bruder seine Schwester schirmt. Aber es war, als stände eine unsichtbare Mauer unüber- steiglich zwischen ihr und ihm. Der Irrtum, mit welchem Klemens Herbold aus dem Leben geschieden war der väterliche Segen, den er im Augenblick seines Hinscheidens ihrem vermeinten Herzensbunde erteilt hatte, mußte ja fortan jeden unbefangenen freundschaftlichen Verkehr zwischen ihnen unmöglich machen. Er lastete auf ihnen wie etwas, daran sie niemals rühren durften, und dessen sie doch jedesmal aufs neue eingedenkt sein mußten, so­bald sie einander Auge in Auge gegenüber standen. Keine erlösend^ Aussprache konnte sie davon befreien, und keines von ihnen würde überdies jemals den Mut haben, eine solche Aussprache herbei zu führen; denn auch das zarteste, innigste, schonendste Wort mußte noch etwas Demütigen­des und Verletzendes haben, wenn es diese Täuschung des Sterbenden berührte. Dies war ein Geheimnis, das sie beide in den verborgensten Tiefen ihrer Seele verschließen mußten ein gemeinsames Geheimnis zwar, doch eines, dos sie einander nicht näher brachte, sondern sie vielmehr aus ewig von einander entfernte.

Harro fühlte dies alles mit tiefem Schmerz, als er

vor dem teuren Mädchen stand, und kein einziges armseliges Wörtchen zu finden wußte für alle die warmen, zärt­lichen Empfindungen, deren sein Herz so voll war. Nicht einmal eine Frage nach ihrem Ergehen wagte er an sie zu richten, und nur von den traurigen Pflichten begannen sie zu sprechen, die es jetzt noch zu erfüllen galt, von all den peinigenden und widerwärtigen Anforderungen des unerbittlichen Lebens, die für die Hinterbliebenen nut einem Sterbefall unzertrennlich sind.

In aller Stille sollte Klemens Herbold begraben wer­den, ohne jedes Gepränge, ohne Musik, und ohne bom­bastische Leichenrede. Die Welt, die ihn mißachtet, und ihn schon bei Lebzeiten zu den Toten geworfen hatte, sollte nicht mit heuchlerischen Trauergebärden an seinem Grabe stehen. So hatte er selbst es irrt Beginn seiner letzten Krankheit verfügt, und Harro und Erika waren gleich­mäßig entschlossen, diesen seinen letzten Willen zu ehren.

Ein schüchternes Klopfen unterbrach ihre halblaut ge­führte Unterhaltung. Harro ging zur Thür, und wechselte einige Worte mit dem draußen befindlichen Mädchen. Dann wandte er sich gegen Erika zurück.

Es ist Hanna.Sylvander, die Ihnen ihr Beileid aus­sprechen möchte. Wollen Sie sie empfangen?"

Erika preßte die Hände auf ihre Brust. Eine Se­kunde lang schien sie unschlüssig. Dann aber schüttelte sie den Kopf.

Nein, ich kann nicht es geht über meine Kraft. Zürnen Sie mir nicht, Harro! Um Ihretwillen wollte ich es ja gerne thun; denn ich weiß, wieviel sie Ihnen ist. Aber ich kann ich kann sie jetzt nicht sehen."

Ich weiß, wieviel sie Ihnen ist" gleich einem Messerstich war ihm das Wort durch die Seele gefahren. Die Hälfte seines Lebens hätte er freudig hingegeben, wenn er ihr jetzt hätte widersprechen dürfen. Aber er durfte es nicht; denn ihre Vermutung entsprach ja der Wahrheit. Hanna Sylvander war seine Braut, und das hieß, sie war ihm das Kostbarste, was ein Weib dem Manne sein kann. Mit dem Verlobungskuß, den er gestern auf ihre Lippen gedrückt, hatte er das Recht verwirkt, auch nur den kleinsten Teil seines Herzens einer anderen zuzuwenden.

Niemand darf Ihnen zürnen, wenn Sie jetzt keinen Besuch annehmen wollen", sagte er gepreßt.Aber viel­leicht gestatten Sie mir, dem Fräulein Sylvander diesen Bescheid selbst zu bringen."

Ich bitte Sie darum. Und sorgen Sie, daß Sie meine Ablehnung nicht für eine Unfreundlichkeit nimmt. Ich habe gewiß nicht den Wunsch, jemand zu kränken, der Ihnen teuer ist."

Harro wandte sich ihr mit einer ungestümen Be­wegung zu. Sein Gesicht war dunkelrot, und in seinen Augen glänzten Thränen.

Erika!" stieß er hervor. Und es war, als ob er