Ausgabe 
4.6.1901
 
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noch etwas anderes, bedeutsames hätte hinzufügen wollen. Mer die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, und es gab eine tiefe, peinliche Stille, bis er sich gesenkten Hauptes der Thür zukehrte, und das Gemach verließ.

Dreizehntes Kapitel.

Hanna stand an dem Fenster des Gartenzimmers, in das sie von dem Mädchen geführt worden war. Ihr Blick war auf das jenseits des stillen Hofes liegende Atelier­gebäude gerichtet, aber in ihrem schönen, ruhigen Gesicht verriet sich nichts von den Empfindungen, die ihre Seele bewegen mochten. Sie hatte Harros Eintritt überhört, und als sie sich nun auf seinen halblauten Gruß umwandte, schien sie ein wenig überrascht, daß es nicht Erika war, die sie vor sich sah.

Guten Morgen, Harro!" sagte sie, ihm freundlich die Hand reichend. Und ihre Brauen zogen sich für einen Moment unmutig zusammen, da er diese Hand sogleich wieder freiließ, ohne sie an seine Lippen zu führen, ja, ohne daß sie auch nur einen warmen Druck seiner Finger verspürt hätte.Ich war gekommen, mich nach dem Befinden des Professors zu erkundigen. Und nun mußte ich leider von dem Dienstmädchen hören, daß er bereits gestorben sei."

Ja, er ist gestorben, Hanna gestern abend. Aber Du kannst davon wohl kaum überrascht sein; denn Du sagtest mir ja schon am Vormittag, daß er es diesmal nicht überstehen würde."

Sie mochte der Meinung sein, daß der auffällig ge­messene und zurückhaltende Ton, in dem er zu ihr sprach, durchs die Trauer um seinen dahingeschiedenen Lehrer nicht hinlänglich erklärt werde; denn das winzige Fältchen über ihrer Nasenwurzel wurde tiefer.

Ich müßte allerdings meine Lehrzeit schlecht ange­wandt haben, wenn ich das Bedenkliche seines Zustandes nicht erkannt hätte. Aber werde ich nicht dem Fräulein Herbold selbst mein Beileid aussprechen dürfen?"

Nicht heute, Hanna! Und vielleicht auch noch nicht in den nächsten Tagen. Sie fühlt sich zu angegriffen, Deinen Besuch zu empfangen."

Sichtlich gekränkt, warf Hanna mit einer stolzen Gebärde den Kopf zurück, und wandte sich zur Thüri

Dann habe ich also in diesem Hause nichts mehr zu schaffen."

Betroffen trat ihr Harro in den Weg.

Du hast keinen Anlaß, Dich verletzt zu fühlen. Erika versicherte mir ausdrücklich, daß dies gewiß nicht ihre Absicht sei."

Um so weniger hätte sie mich abweisen lassen dürfen. Sieht das nicht beinahe aus, als ob sie mir eine Schuld beimäße an ihres Vaters Tode?"

Das Wort war gefallen, das auszusprechen Harro viel­leicht nicht den Mut gehabt haben würde. Nun aber, da sie selbst es mit spöttischem Ausdruck hingeworfen, hatte, trat er in höchster Erregung dicht an sie heran, um seine Stimme bis zum Flüstern dämpfen zu können, und sagte:

Wenn sie es thäte, Hanna sie oder ein anderer würdest Du dann mit gutem Gewissen antworten können, daß es eine Lüge, eine aus-der Luft gegriffene Anklage sei?"

Soll ich diese unsinnige Frage als ernsthaft gemeint ansehen, Harro? Du hältst es für möglich, daß ich i ch den Professor umgebracht hätte?"

Nicht s o natürlich, wie ein Mörder sein Opfer um­bringt. Niemand denkt daran, daß Du die Absicht gehabt hättest, ihn zu töten. Aber Du warst mit ihm allein, ehe er diesen Anfall erlitt. Wovon hast Du während dieses Alleinseins mit ihm gesprochen?"

Von tausend Dingen vom Leben, von der Kunst, vielleicht auch von seiner Krankheit. Wie soll ich das jetzt noch wissen?"

Nun denn, wenn Dein Gedächtnis so kurz ist, das {einige war es nicht. Noch kurz vor seinem Hinscheiden hat er mir Anderctungen gemacht, die ich für Wahnvorstell­ungen eines Sterbenden hielt, bis sie mir zu meinem Ent­setzen heute von einem Zeugen eurer Unterhaltung bestätigt wurde."

Ah, ist es das? Die Angebereien eines vermutlich! von Fräulein Erika bestellten Spions haben Dich in diese merk­würdige Aufregung versetzt?"

Das Blut schoß ihm °ins Gesicht. Er preßte die Lippen

zusammen, und sah ihr zugleich mit einem vorwurfsvollen und tieftraurigen Blick in das schöne, kalte Antlitz.

Dann, nach einem schweren Aufatmen sagte er:

Das war ein häßliches Wort, Hanna! Und ich hoffe. Du bittest das edle Mädchen, das Du damit beleidigt hast, in Deinem Herzen schon jetzt um Verzeihung. Wie fremd müssen Dir die Bewohner dieses Hauses geblieben sein, daß Du solchen Verdacht aussprechen kannst! Nein, unter Klemens Herbvlds Dach hat es niemals einen Spion gegeben."

Nun wohl, ich habe ihr also Unrecht gethan! Aber was ist es denn nun eigentlich, dessen man mich beschul­digt? Welche schreckliche Andeutungen über unser letztes Gespräch hat der Professor Dir gemacht?"

Es fällt mir schwer, es zu wiederholen. Und Du darfst nicht vergessen, daß er nichts von unseren Bezieh­ungen ahnte, als er mir sagte, daß er nun, daß er allen Ernstes daran dachte, Dich zu seiner Gattin zu machen?"

Und wenn es so gewesen wäre? Bin ich etwa ver­antwortlich für die unsinnigen Einbildungen eines thörichten alten Mannes? Oder glaubst Du im Ernst, ich hätte diese lächerliche Wahnvorstellung geflissentlich in ihm geweckt?"

Wenn es nicht Deine Absicht war, sie zu begünstigen, weshalb denn das grausame Spiel mit dem unglücklichen Kranken? Weshalb ließest Du ihn glauben, daß er noch einmal genesen könnte? Weshalb versprachst Du ihm, seine Muse zu sein bei dem neuen gewaltigen Schaffen, zu dem er sich nach Deiner Versicherung noch einmal sollte auf­raffen können."

Du bist gut unterrichtet, wie ich sehe", erwiderte l'ie_ spöttisch.Aber hätte ich ihm etwa sagen sollen, daß er ein hoffnungslos Verlorener fei ein armer Todeskandidat, auf den schon die Würmer warteten? Seid nicht auch Ihr unermüdlich darauf bedacht gewesen, den schönen Wahn einer Genesung in ihm zu nähren? Und sollte ich ihm nicht versprechen, seine Muse zu sein, da ich doch wußte, daß ich dies Versprechen niemals würde einzulösen brauchen?"

Ja, wenn es nur das gewesen wäre, Hanna! Aber Du hast Dich damit nicht begnügt. Dein Werk soll es gewesen sein, daß er sich in leidenschaftlicher Aufwallung dazu vergaß, unsere gemeinsame Arbeit, die Arbeit mehrerer Jahre zu vernichten."

Sie richtete sich plötzlich hoch auf, und sah ihn mit sprühenden Augen an.

Wenn es mein Werk gewesen wäre, so solltest Du mir jetzt dafür dankeu, statt dieses lächerliche Verhör mit mir anzustellen. Begreifst Du denn wirklich nicht, Du Kurzsichtiger, für wen, und zu welchen Zweck ich das alles gethan?"

Für wen?" wiederholte er in aufdämmerndem Ver- ständnis.Doch nicht etwa für mich?"

Für Dich allein, Harro! Dieser alte Mann und sein Zerwürfnis mit der Welt galten mir nichts. Dein Verhält­nis zu ihm, wieviel Ehre es auch Deinem guten Herzen machen mochte, erschien mir vielmehr als eine schwere Versündigung an Dir selbst und an Deiner Zukunft. Ich sah, daß Deine übergroße Liebe Dich! blind machte für Deinen eigenen Vor­teil. Darum wollte ich versuchen, ein wenig Schicksal zu spielen zu Deinen Gunsten. Die große Gruppe, die sicherlich! viel mehr D-eine Schöpfung war als die {einige"

Nein, Hanna, ich wiederhole es Dir, sie war es nicht-"

Nun, gleichviel! Diese Gruppe erschien mir als ein Kunstwerk, wie unser Jahrhundert vielleicht noch! keines hervorgebracht. Ich wußte, daß sie Dich mit einem Schlage berühmt machen würde, wenn die Welt Deinen Namen als den ihres Urhebers hören würde. Und so, das war mein Wille, sollte es geschehen."

Wer ich verstehe noch immer nicht"

Es scheint in der Thai, daß Du mich noch immer nicht verstehst. Klemens Herbold war ein Sterbender, das wußte ich in dem Augenblick, da ich ihn zum erstenmal sah. Ich gewährte ihm die Sitzungen, die er von mir erbat, weil ich sicher war, daß er nicht über die erste oder zweite hinauskommen würde, und weil es mich beglückte, zu denken, daß ich dann Dein Modell fein würde, Harro! Mer ich! hatte mich getäuscht. In dem Fortschreiten seines Leidens