Ausgabe 
4.4.1901
 
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(Nachdruck verboten.)

Der Bauer vom Wald.

Novelle von An ton v. Per fall.

(Fortsetzung.)

Bereits den nächsten Tag kam Herr Polentz. Er­drückte dem Bauern nur schweigend die Hand, und fuhr sich über die stets feuchten, glänzenden Augen. Gerade als ob man eben einen teuren Toten htnausgetragen hätte aus dem Hause.

Es ist hart, ich begreife es, aber nun in Gottes Namen! Verderben können wir es auch nicht lassen, das schöne Holz."

Das waren seine Worte.

Johannes stand schon wieder in seinem Bann. So hatte die traurige Woche über keines seiner Familie zu ihm gesprochen. Als Polentz ihm aber seinen Begleiter, einen großen, korpulenten Mann als den Vertreter einer .rheinischen Holzfirma vorstellte, der bereit sei, den ganzen Hieb aufzukaufen, und sich die Sache gleich selbst an- schauen wolle, da befiel Johannes etwas wie Uebelkeit. Er mußte sich überwinden, dem Manne die Hand zu reichen, der seinen ganzen Wald mit fortführen wollte, alle seine Bäume, mit denen er aufgewachsen war, von denen er jeden einzelnen kannte.

Dann ging es hinüber in den Wald zur Aufnahme des Bestandes. Grimm wurde geholt zum Hantieren mit der Meßkette und der Klamper, dein Instrumente zum tlmfangmessen. Er hinkte heute inehr wie je, und warf dem Händler wütende Blicke zu, wenn der ihn derb anlieh, wie einen gewöhnlichen Arbeiter, während ihm das Herz blutete um jeden Stamm, der mit der Hacke angemertt wurde.

Auch Johannes war auf das äußerste erregt; denn der unverschämte Mensch, Der Fremde, gab sich! alle Mühe, seinen Wald schslecht zu machen. Da war der Wuchs schlecht, dort alles kernfaul, und gab nur Brennholz ab. Da stand es zu dick, da zu dünn, und der Boden war auch nicht viel wert. Als er aber zuletzt über die Wirtschaft zu schimpfen begann, der Wald hätte ja längst schon abge­trieben werden müssen, der Staat dürfe so eine Ver­schwendung gar nicht dulden, da brach; der Bauer los, und schrie sich all seinen Groll von der Seele.

Herr Polentz hatte alle Mühe, zu verhindern, daß er nicht ein für allemal die Verhandlung abbrach. Der Grimm aber stand mit der Hacke und der Klamper hinter seinem Herrn, als ob er! seines Winkes gewärtig wäre, um den Käufer niederzuschlagen.

Endlich war es geschehen, jeder Baum gemessen und registriert. Im Hofe sollte der Preis bestimmt, der Ver­trag aufgesetzt werden.

Auch Matthes wurde beigezogen, Polentz drang darauf.

Es war in der großen Stube, in derselben Stube, wo sich das ganze Leben der Bauern vom Wald seit Jahr­hunderten abgespielt, an demselben mächtig gefügten Ahorntische, der Geschlecht für Geschlecht um sich ver­sammelt, unter demselben rauchgeschwärzten Herrgott, der schon sein kindliches Gebet vernommen.

Hätte der Händler mit Johannes allein zu thun ge­habt, er hätte leichtes Spiel gehabt. Der Bauer hatte keinen Begriff von den augenblicklichen Preisen und Ver­wertungsmethoden; außerdem war er auch gar nicht vei der Sache. , ' ,. s

Sein Blick streifte traumverloren zum Fenster hinaus, von dem aus man den vernichteten Forst übersah.

Erst allmählich zog ihn der Eifer seines Freundes Polentz, welcher die Verhandlung leitete, in das ^nteresfe. Der stritt sich mit dem Händler herum, als gälte es fein Eigentum. Keinen Fuß breit gab er nach, im Gegenteil trieb er den anderen immer mehr in die Enge.

Ja, was glauben Sie denn? Sie haben es uoctj nicht" mit einem abgehausten Bauern zu thun, der aus Not seinen Wald niederschlagen muß. Da kommen Sie 9Ut Das war dem Johannes aus der Seele gesprochen. Plötzlich war er selbst Feuer und Flamme; er haßte

ihn ja vom ersten Augenblick an, den Menschen, der wie ein Raubvogel gestrichen kommt, wenn es irgendwo ein Aas giebt.

Und Polentz fuhr fort:Das Holz ist beste Qualität, beste Absatzlage. Die Papierfabrik und das Bergwerk reißen sich darum. Wenn Sie auf unser Angebot nicht eingehen, brechen wir lieber gleich ab." Jawohl, dann brechen wir lieber gleich- ab", bestätigte Johannes.

Was ist denn Ihr äußerster Preis?" fragte jetzt der in die Enge getriebene Händler, dem es heiß zu werden anfing in der engen Stube.

Hundert Tagebau tadellos schlagbares Holz, die Neben­nutzung nicht gerechnet hundertfünfzigtaufend Mark", klang die Stimme von Polentz scharf.

Johannes zuckte unwillkürlich zusammen. Ein Schwindel faßte ihn. Hundertfünszigtausend Mark! Das war eine unfaßbare Zahl für ihn. Er gab sich Mühe, sich dieselbe rasch zu versinnbildlichen, er konnte sie nur in Land­preis übersetzen. Dafür kaufte man ja eine Grafschaft. Er-sah jetzt starr auf den Händler.

Doch der war gar nicht einmal so erstaunt, nur dunkelrot wurde er, und einige Zahlen schrieb er auf die weiße Ahornplatte.

Etwas stark, Herr Polentz! Hunderttausend gebe ich", bemerkte er, ohne von seiner Rechnung aufzusehen.

Hundertfünfzigtausend!"

Polentz klopfte mit dem Knöchel seines Zeigefingers auf den Tisch und veränderte keine Miene.

Johannes bewunderte ihn jetzt, zugleich aber kam ihm die Angst. War das kein offener Schwindel? Keine strafbare Uebervorteilung?, Der Bauer vom Wald vor dem Gerichte wegen Betrug!

Der Händler las wohl in seinem Antlitz.Sagen Sie selbst, Herr Altinger"

Johannes gab es einen Stich Gerade in diesem Augenblicke that ihm die ungewohnte Bennung weh.

Ist die Summe nicht doch sträflich hoch gegriffen? Hundertfünfzigtausend Mark!" fuhr der Händler fort. Verlangen Sie das wirklich? Sie, der Besitzer? Das möchte ich wissen".

Er sah ihn scharf dabei an.

Der Bauer zögerte. Es klang wie eine Warnung aus den Worten. Hunderttausend Mark wär ja mehr wie genüg- Sein rechtliches Gefühl sträubte sich- gegen das- Mehr.

Ja, allerdings" er rückte mit dem Stuhl.

Da fiel ihm Herr Polentz in das Wort.Mir hat der Bauer vom Wald den Kauf übertragen. Mit mir allein haben Sie zu reden, wenn Sie wollen, daß aus! dem Handel überhaupt was wird."

Ist das so?" fragte der Händler den Bauern.

Johannes schämte sich jetzt der Rolle, die er spielte. Sein Widerspruchsgeist regte sich; aber ein Blick des Agenten, und er nickte nur stumm.

Also hier ist der Kontrakt". Polentz setzte den Zwicker auf die große Nase, strich den Bogen zurecht, und las näselnd die Bedingungen vor:

Das sämtliche Holz wird am Stamm von dem Käufer übernommen. Dasselbe muß innerhalb drei Monaten ent­fernt sein. Für die Beobachtungen aller forstpolizeilichen Vorschriften ist der Käufer haftbar. Der Preis beträgt hundertfünfzigtausend Mark in bar. Fünfztgtausend Mark find zählbar bei Inangriffnahme des Hiebes, der Rest nach Abführung des sämtlichen Materials."

Totenstille Herrschte in der Stube. Johannes wischte sich den Schweiß von der Stirne. Etwas ganz Fremdes, nie Empfundenes regte sich in seiner Brust, für das er keinen Namen hatte.

Die Zahl 150 000 rollte mit ihren Nullen in seinem Hirne umher. Sie verkörperten sich zu lauter Goldrollen, die den Ahorntisch- füllten. Ja, sie hatten keinen Platz darauf, sie rollten auf den Boden, im ganzen Zimmer umher.

Der Händler schwieg noch immer, und schrieb Zahlen auf Zahlen auf die Ahornplatte.

Hundertvierzigtausend. Mehr kann ich! nicht. Es wäre absoluter Verlust,"