Ausgabe 
4.4.1901
 
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geregte Gestalten durchbrechen den Kordon und rennen in exzentrischen Sprüngen in dem freien Raum um die Ka­pelle. Mühsam wird etwas Ruhe hergestellt; denn nun naht von der Ostseite der Kirche her die Prozession, und da der orientalische Christ glaubt, daß die Gegenwart der muhammedanischen Soldaten das Zustandekommen des Wunders hinders, stürzt sich alles aus diese, welche nach scheinbarer Gegenwehr sich aus der Kirche zurückziehen. Im nächsten Augenblick ist es aber auch um die Ordnung in der Prozession geschehen; denn nun stürzt sich alles auf diese; die Kirchenfahnen wanken in dem dämmerigen Raume; die Priester in ihren goldgestickten Gewändern hasten und eilen, und die Hauptperson der Prozession, der Bischof des heiligen Feuers", wird von einer Schar Pilger zur Kapelle gedrängt, deren Thor sich hinter ihm schließt. Drinnen vollzieht sich nun dasWunder". In früheren Jahrhunderten bestrichen, während alle Lichter ringsum aus­gelöscht waren, die Priester den Draht, an welchem der über Christi Grab hängende Leuchter schwebt, mit ätheri­schem Balsamöl und zündeten oben an, sodaß das Feuer wie eine Blitzesschlange am Draht herniederlief, heute aber ist das Entflammen des Feuers ein Akt, der hinter den Mauern der Grabeskapelle sich abspielt, und vielleicht einfach mit den bekannten Hölzchen aus Jönköping in Szene gesetzt wird. . In ungeheuerer Erregung harrt nun alles des Augenblicks, in welchem aus dem Loch in der Wand der Kapelle eine Helle, rötlich-gelbe Lohe hervorzüngelt, an der der am­tierende Priester seine Leuchte entzündet. Das ist das heilige Feuer, welches Gott alljährlich aus das Grab seines Sohnes herniedersendet, und nun bemühen sich die Zunächststehenden, ihre Kerze an der heiligen Flamme zu entzünden. So wandert es nach allen Teilen der Kirche, und endlich schwimmt der ganze Raum in einem Flammenmeer, wäh­rend der Bischof, halb ohnmächtig von den angreifenden Ein­drücken der göttlichen Nähe ins Freie getragen werden muß. Die Atmosphäre in der Kirche, in der die Düfte des Weih­rauchs und im Uebermaß verwendeten Rosenwassers sich mit den Ausdünstungen vieler .Tausende mischen, welche seit Beginn der Karwoche das fast stets gefüllte Gotteshaus besucht haben, ist unbeschreiblich, und es sucht fast jeder mit seiner Leuchte sobald wie möglich nach Hause zu kommen. Das ist aber nicht so leicht; denn die Kirche hat nur ein großes Thor, und so kommt es fast immer zu mehr oder minder schweren Unglücksfällen. Im Jahre 1834 kamen bei diesem Gedränge sogar weit über hundert Menschen ums Leben. Nun ist aber auch die größte Aufregung vorbei; denn die Tausende, welche die nach Hause Eilenden ab­lösen, machen es sich bequem; sie lagern sich meistenteils aus den Fliesen der großen Rotunde hin, schlafen auch wohl und verbringen so den Ostersamstag in Erwartung des großen mitternächtigen Auferstehungsgottesdienstes, während die türkischen Soldaten wieder ihre Bank im Innern der Kirche am Ausgang beziehen und Zigaretten rauchen oder Kaffee trinken.

Wie anders verläuft dagegen die Karwoche im päpst­lichen Rom. Tas ist ein Gepränge, dessen schon seit langen Jahrhunderten feststehende Einzelheiten immer wieder wirk­sam sind, und von dem auch ein unkirchliches Gemüt bei größter Objektivität zugestehen muß, daß eine Religion den Opfertod ihres sich zum Zwecke der Erlösung preisgebenden Stifters kaum in einer auf die Menge eindrucksvolleren Weise feiern kann. Ihren Höhepunkt erreichen diese Feier­lichkeiten am Gründonnerstag und Karfreitag. Aber die Palmenweihe am Palmsonntag, die Fußwaschung der 13 Diakonen, die Feuer-, Wasser-, Weihrauch- und Kerzenweihe, sie alle reichen nicht heran an dieTene'bre", die wohl eine der ergreifendsten Szenen im vatikanischen Pomp sind, und von welchen es vergeblich wäre, eine bessere Schilderung zu entwerfen, als sie Maurus Jokai mit folgenden Worten giebt:Die Tenebre sind der Prunk der Trauer. Die Six­tinische Kapelle ist völlig schwarz ausgeschlagen, nur der bleiche Schein von 13 Wachskerzen kämpft gegen die Finster­nis an, aus deren Tiefe wie aus Grabesnacht die Lamenta­tionen und die klagenden Stimmen der Antiphonien er­schallen. Die Menschengesichter sind kaum wahrzunehmen. Die sich dort um das Kreuz bewegen, scheinen nur wandelnde Schatten zu sein. Dann beginnt man die Wachskerzen aus­zulöschen. Von den 13 gelben Kerzen erlischt eine nach der andern. Nur die mittlere, eine große, weiße Wachs­

kerze, bleibt brennen. Das ist Jesus. Und in dieser die Trauer der Menschheit symbolisierenden Finsternis erschallt von einem unsichtbaren Chore das Miserere. Es ist Allegris weltberühmte Komposition, deren mysterische Akkorde den Vorgang auf Golgatha erzählen, Töne, in welchen die Schmerzen des sterbenden Erlösers das verruchte Hohn­gelächter der Liktoren und die Klagen der heiligen Frauen ausgedrückt sind; dazwischen hört man das Geschrei der Toten, deren Gräber sich aufgethan, und die um Barmherzig­keit rusen, das Rauschen, mit dem der Vorhang im Tempel in zwei Stücke reißt von oben bis unten und den klagenden Chor der Engel aus dem offenen Himmel. Alles dies er­greift das menschliche Gemüt mit einer Gewalt, vor der den Zuhörer kein Zweifel bewahrt. Es erschüttert jede Kraft, macht jede Zuversicht erbeben, lähmt jeden Gedanken und macht die Phantasie zur Herrin über die Vernunft."

Wenn sich das Straßenbild der ewigen Stadt in der Karwoche weniger verändert, als man eigentlich erwarten sollte, so wird in Spanien das Alltagsleben durch die kirch­lichen Zeremonien fast erdrückt. Dem Palmsonntag, der als Tag der allgemeinen Freude gefeiert wird, folgt un­mittelbar die tiefste Trauer. Am Palmsonntag schließen sämtliche Theater für die ganze Woche ihre Pforten; von Mittwoch bis Samstag Abend wird kein Tier geschlachtet, keine Glocke ruft mit ihren Klängen zum Gebet; auf den öffentlichen Gebäuden und in den Hafenstädten auf den Schiffen sind die nationalen rot-gelb-roten Fahnen und Flaggen eingezogen. Vom Mittwoch an verschwinden die Modehüte, und kein weibliches Wesen von der Frau eines Granden bis zur Zigarettenarbeiterin würde es wagen, auf der Straße anders als mit der schwarzen Mantille zu er­scheinen, die übrigens den spanischen Schönen weit besser steht, als der modische Pariser Kopfputz. Bleischwer aber legt sich endlich der Gründonnerstag auf das Land. Vom Glockenschlag 12 mittags ist jedes Fahren mit Wagen ver­boten; die meisten Persouenzüge auf den Bahnen sind ein­gestellt, und wer mit größerem Gepäck an diesem Tage an­kommt, mag sehen, wie er sich und seine Koffer in ein ent­fernteres Hotel bringt. Die meisten Ladengeschäfte schließen schon jetzt, um erst am Ostersonntag wieder zu öffnen; verödet liegen die Markthallen, und selbst die Schildwache stehenden Soldaten tragen das Gewehr verkehrt. In den Kirchen aber beginnt um die Mittagsstunde der feierlichste Gottesdienst des ganzen Jahres, der früher volle 24 Stunden bis zum Karfreitagmittag dauerte, jetzt aber in der Nacht auf einige Stunden unterbrochen wird. Zuerst besuchen die Regimenter unter Anführung ihrer Vorgesetzten sämt­liche Kirchen; dann folgt die Schuljugend und dann wandert alles, hoch und niedrig, jung und alt, von Kirche zu Kirche, um die Darstellungen der Passion zu beschauen, welche zu­meist mit vollendetem dekorativen Geschick inszeniert sind. Wehe dem Fremden, der sich unter den zu einem Kirchen- thore sich hineinergießenden Menschenstrom mischt, er glaubt zu schieben, und er wird geschoben, und kann nicht eher das Freie gewinnen, als bis er mit der sich schlangengleich fortwälzenden Menge sämtliche Altäre passiert hat. Dann folgt am Karsreitagabend die große Prozession, an der sich alles von Rang, Stand und Namen beteiligt. Damit ist es aber auch so ziemliche mit den Trauerzeremonien zu Ende; bereits am Ostersamstag ist alles emsig beschäftigt, die Deli­katessen und Leckereien für die kommenden Feiertage zuzu­bereiten; denn der Spanier ist ein Fresser schlimmster Sorte, und ohne zehnerlei Gebäck und den hergebrachten Lamm­braten ist ein Osterfest für ihn gar nicht denkbar, und der goldbraune Wein fließt da noch einmal so geschwind beim Klange der Mandolinen durch! die Kehlen. .

Von diesen Bräuchen südlicher Länder sticht freilich du deutsche Karfreitagsfeier gewaltig ab; die katholische Kirche sieht ihn bei uns allerdings kaum als halben Feiertag an, und in Oesterreich gehen die Werktagsgeschäfte ruhig ihren Gang fort. Wenn aber in protestantischen Gegenden am Tage, der dem Gedenken an oen Tod des Heilands geweiht ist, friedliche Ruhe sich! über Städte und Dörfer breitet, wenn in der Kaserne kein Signal geblasen, keine Trommel gerührt wird, so ist das sicher eine Feier, die der ernsten Be­deutung des Tages besser entspricht, als der Pomp des Morgenlandes.