Ausgabe 
3.11.1901
 
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allein in dem unbehaglich großen Speisesaale, wo er, von dichten Rauchwolken umschwebt und ganz in seidene Decken gehüllt, lesend in seinem Rollstuhle saß. Die schon zur Hälfte geleerte Portweinflasche stand neben ihm auf einem Tischchen, und rings um ihn her, über den Fußboden und die nächsten Stühle zerstreut, lagen Dutzende von Zeitungsblättern, deren aufmerksames Studium seit mehreren Stunden seine einzige Beschäftigung gebildet hatte.

Als er Felicia eintreten hörte, erhob er den mit einem schwarzen Sammetkäppchen bedeckten Kopf.. Und etwas wie Erstaunen spiegelte sich auf seinem lebhaft geröteten/ ziemlich ausdruckslosen Gesicht, als er sie erkannte. Es schien, daß er die Lippen zu einer Frage öffnen wollte; aber seine Tochter kam ihm zuvor:

Guten Abend, Papa!" sagte sie, indem sie mit einer Handbewegung die auf einem niedrigen Hocker liegenden Zeitungen herabstreifte und ihn neben den Rollstuhl des Vaters schob, um sich hart an seiner Seite niederzulassen. Es freut mich, daß Diu Dich nicht hast zju Bette bringen lassen; denn ich möchte etwas Wichtiges mit Dir besprechen."

Mr. George Rubarth verzog sein gedunsenes Gesicht zu einer kläglichen Grimasse.

Also soll ich wieder einen Ball geben oder dergleichen? Und ich glaubte, ftir ein paar Wochen würdest Du mir noch Ruhe gönnen."

Nicht nur für ein paar Wochen, sondern für viel, viel länger. Ich möchte endlich meinen lange gehegten Ent­schluß zur Ausführung bringen, Papa nröchte morgen nach Newyork und von dort mit dem nächsten Dampfer, für den ich ein Passagebillet erhalten kann, nach Deutschland fahren."

(Fortsetzung folgt.)

Der Mentor der Reisenden.

Ein Gedenkblatt zum 100. Geburtstage Karl Baedekers.

(3. November 1901.)

Von Dr. Albert Lüders.

(Nachdruck verboten.)

Seitdem Eisenbahnen und Dampfschiffe schnelle und im Vergleich mit früher» Zeiten auch billige Verbind­ungen nach überall hin geschaffen haben, hat das Reisen einen gewaltigen Umfang genommen. Wer nicht jeden Pfennig für das zum Leben unumgänglich Notwendige ver­braucht, sucht es möglich zu machen, im Sommer doch einige Tage dem Alltagsgetriebe seines ständigen Wohn­orts anders wohin zu entweichen, oder wenigstens einmal in seinem Leben eine größere Reise zu unternehmen, die ihn nach Gegenden bringt, wo die Menschen einen an­deren Dialekt oder eine ganz fremde Sprache reden.

Unter allen Völkern des Erdballs, auch Engländer und Amerikaner inbegriffen, ist der Deutsche der reise­lustigste Gesell, und so ist es denn auch nicht zu ver­wundern, daß aus unseres Volkes Mitte jener Mann hervorgegangen ist, der dem Reisehandbuch die zweck­mäßigste und wenn man bei so vorwiegend praktischen Dingen den Ausdruck brauchen darf die idealste Form gegeben hat: nämlich Karl Baedekerder getreue Mentor aller Reisenden", seit dessen Geburt am 3. November ein Jahrhundert verstrichen ist.

AlsErfinder" des Reisehandbuchs kann man Baedeker allerdings nicht bezeichnen; denn in der zehnbändigen Peri- egesis oder Rundreise des Pausanias besitzt die Weltlittera- tur ein iiber 1700 Jahre altes Werk, welches in einer im doppelten Sinne des Wortes klassischen Weise die Sehenswürdigkeiten des alten Griechenland für die Zwecke des Touristen schildert, und mit Recht der antike Baedeker genannt werden kann. In den Zeiten des Mittelalters sieht es aber dann mit Reisehandbüchern sehr dürftig aus, weil zunl Vergnügen nur etliche vornehme Herren und Fürsten reisten. Beschreibungen dieser Reisen aus den Federn ihrer gelehrten Begleiter sind zwar massen­haft vorhanden, aber in schwülstiger und ungenießbarer Sprache nur zur Verherrlichung dieser hohen Herren ge­schrieben, welche darin mit Odysseus und Herkules ver­glichen werden.

Streng sachliche Bücher, die nur für das praktische Bedürfnis des Reisenden geschrieben sind, tauchen erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf, wimmeln

aber, da sie nur zum Teil auf Grund eigener Anschauung des Verfassers, zum andern Teil aber nach unzuverlässigen Beschreibungen dritter Personen von ihren Autoren ver­faßt wurden, derart von Nngenauigkeiten, daß sie zu ge­rechten Beschwerden reichlichen Anlaß gaben. Hier setzten nun die Bestrebungen Baedekers ein, welcher als erster der reisenden Menschheit Handbücher schuf, in welchen jedes überflüssige Beiwerk streng vermieden und in kür­zester Fassung alles Wissenswerte über ein bestimmtes Land zusammengetragen war. Die zahllosen Auflagen, die seine rot gebundenen, in deutscher, französischer und eng­lischer Sprache abgefaßten Bücher erlebt haben, und mit jedem Jahre neu erfahren, sind ein bündiger Beweis, dafür, in wie ausgezeichneter Weise ihr Verfasser seine Aufgabe gelöst hat, und es wird kaum einen Reisenden' geben, der es je bereut hätte, seinen Angaben, Ratschlägen und Warnungen gefolgt zu sein.

Karl Baedeker, der in Essen als ältester Sohn des Buchhändlers und Buchdruckers Gottschalk Diederich Baedeker das Licht der Welt erblickte, war eine lebhaft an­gelegte, der Begeisterung für alles Gute, Schöne und Edle fähige Natur. Dies beweist schon der Umstand, daß der noch nicht 11jährige Knabe nur mit Mühe davon zurück­gehalten werden konnte, mit den deutschen Armeen nach Frankreich zu ziehen, als Napoleon I. nach seiner Flucht von der Insel Elba im Jahre 1815 aufs neue die Kriegs­furie entfesselte. Als er im Jahre 1817 nach Heidelberg gegeben wurde, uni dort den Buchhandel zu erlernen, nutzte er die ihm gebotene Gelegenheit zur Erweiterung seines Wissens aus, indem er nach Ablauf der Lehrjahre sich als Hörer an der ehrwürdigen Ruperto-Carola ein schreiben ließ und Vorlesungen über Geschichte und Phi­losophie hörte. Dem Studium folgte dann das Frei­willigenjahr, welches er 1822 bei den Wetzlarer Jägern abdiente, und nach dessen Beendigung er der Landwehr als Leutnant zugeteilt wurde. Später begab er sich dann nach Berlin, wo er im Geschäft des bekannten Buchhändlers Georg Andreas Reimer zwei Jahre lang in Stellung war, und in dessen Familie, den: Vereinigungspunkte der be­rühmtesten, echt deutsch gesinnten Männer des damaligen Berlins, reiche Anregung fand. Später, int Jahre 1827 machte er sich in Koblenz selbständig, wo die seinen. Namen tragende Firma blühte, bis sie im Oktober 1872 nach Leipzig übersiedelte.

Den ersten Anlaß, als Reiseschriftsteller aufzntreten, gab ihm der Erwerb der Rohlingschen Buchhandlung, mit welcher er auch den Verlag von KleinsRheinreise", einem damals viel benutzten Reisehandbuchs, übernahm, dessen große Mängel seinem scharfen Blick nicht entgingen. Jedenfalls waren das von den schon damals zahlreich den Rhein besuchenden Engländern benützte Handbook von Murray in London, und das Werk von ReichardGuide des Voyageurs en Eürope" dem Buche Kleins nicht un- bedeutend überlegen. Als begeisterter Freund der Schön­heiten des Rheinlandes und des ganzen übrigen Deutsch­land machte er sich daher daran, dieses Buch, als es in dritter Auflage erscheinen sollte, selber umzuarbeiten, worauf es im Jahre 1839 die Presse verließ. Trotz des Beifalls, welchen es fand, konnte es Baedeker selbst nicht befriedigen, der kürz entschlossen die noch zur größeren Hälfte vorhandene Auflage unbrauchbar machte, um eine Vielfach verbesserte Neuauflage zu veranstalten, die den hohen Ansprüchen, die er an sich selbst stellte, entsprach.

Der glänzende buchhändlerische Erfolg, den er damit erzielte, veranlaßte ihn noch in demselben Jahre zur Herausgabe von Reisehandbüchern über Holland und Belgien, denen im Jahre 1842 das später in zwei Teilen herausgegebeneHandbuch für Reisende durch Deutschland und den österreichischen Kaiserstaat" folgte. Zwei Jahre päter erschien dieSchweiz", dasjenige Buch, welches nach, einem eigenen Ausspruche am meisten nach seinem Wunsch ausgefallen war. Den Schluß seiner Werke, welche sämt­lich das Produkt eigener Reisen waren, bildete das 1855 n erster Auflage erschienene Reisehandbuch über Paris. Im Jahre 1859 wollte er sich wie alljährlich auf Reisen begeben; aber die preußische Mobilmachung, welche die ganze Armee gegen Napoleon III. an den Rhein ver-. ämmelte, vereitelte seine Pläne, da auch seine besten Mitarbeiter, seine Söhne, dem Rufe zu den Waffen folgen mußten. Mißmutig verschob er seine Reise aus den Herbst.! Die Ausführung derselben vereitelte indes der Tod, tstr