Ausgabe 
3.11.1901
 
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wurde, um bei den Aufführungen in Denver eine kleine Rolle in denMusketieren" zu spielen. Aber ich spielte sie nur ein einziges Mal. Eine junge Schauspielerin hatte während der Vorstellung in ihrer Garderobe einen Selbst- uiordversttch gemacht, indem sie sich die Pulsader öffnete. Und der menschenfreundliche Impresario jagte mich fort, »veil ich gegen seinen Befehl einen Arzt aus dem Zuschauer­raume herbeiholte, um zu verhindern, daß die Aermste sich verblute."

Ach, was für eilte romantische Geschichte! Und die Schauspielerin? Ist sie gestorben?"

Nein. Der Roman, dessen Heldin sie war, wurde viel­mehr in der Folge noch interessanter. Aber er ist zu lang, als daß ich die Herrschaften mit seiner Erzählung langweilen dürfte."

So erzählen Sie ihn mir, während Sie mir helfen, Florence Allan zu suchen", sagte Felicia Rubarth, indem sie sich erhob.Ich glaube, daß ich! sie zuletzt drüben in dem kleinen Musiksalon gesehen habe."

Artig hatte der von den anderen nicht wenig beneidete Schauspieler ihr seinen Arm gereicht, und sie wandten sich langsam dem Ausgange des Wintergartens zu. Felicia hatte ihren Fächer geöffnet, und während sie sich Kühlung zuzusächeln schien, konnte sie ihr Gesicht fast ganz hinter ihm verbergen.

Was also war es mit jener Schauspielerin, Mr. Lind- Ham? Sie haben mich neugierig gemacht, ihre Geschichte zu erfahren."

Ich werde sie Ihnen sogleich erzählen. Zuerst aber muß ich Ihnen ein Bekenntnis ablegen. Als ich an diesem Abende zuerst das Glück hatte, Sie zu erblicken, !var ich eine Minute lang fest überzeugt, eben jene Schauspielerin in Ihnen wiederzusehen. Unter Zwillingsschwestern konnte keine seltsamere Aehnlichkeit bestehen, als zwischen Ihnen und ihr."

Wie sonderbar! Und es geschah auch wohl deshalb, daß Sie das Gespräch auf Sie brachten? Aber ich habe allem Anscheine nach keinen Grund, mich durch diesen Zufall besonders geehrt zu fühlen."

Jn der That, ich müßte mich einer Unwahrheit schuldig machen, wenn ich Ihnen Miß Howard als ein leuchtendes Muster weiblicher Tugenden schildern wollte. Als ich sie nach jenem mißglückten Selbstmorde zum ersten Male wiedersah, stand sie auf dem Punkte, ihrem Gatten durchzugehen. Sie kam in das Geschäft meines Vaters, der ein Juwelier in Denver ist, um sich durch den Verkauf dieses Ringes das nötige Reisegeld zu verschaffe«."

Er zeigte ihr das funkelnde Kleinod, das seinen Finger schmückte; aber Felicia schien sich nicht sonderlich dafür zu interessieren; denn ihre dunklen Augen streiften es nur mit einem flüchtigen Blicke.

Sie hatte sich also inzwischen verheiratet, Ihre Miß Howard?"

Ja. Sie heiratete denselben Arzt, den ich damals mit so großer Aufopferung aus dem Zuschauerraume geholt hatte. Aber das Glück ihrer Ehe währte kaum ein halbes Jahr. Dann machte sie sich auf und davon."

Und Sie waren ihr durch den Ankauf des Ringes dazu behilflich? Das war eigentlich gar nicht hübsch von Ihnen, Mr. Lindham."

Nicht ich war es, der ihn kaufte, sondern mein Vater, und ich machte nur durch die Glasthür des Nebenzimmers den Zuschauer. Aber wir waren beide weit davon entfernt, die Absicht der jungen Frau zu erraten. Es kommt ja ziemlich häufig vor, daß eine Dame sich durch den Ver­kauf oder die Verpfändung ihrer Schmucksachen Geld sür eine Ausgabe verschafft, von der ihr Gatte nichts erfahren soll. Nach einer Woche erst hörte ich zufällig von der plötz­lichen Abreise der Mrs. Müller, und mein Vater, der ein sehr rechtschaffener Mann ist, hielt es nunmehr für seine Pflicht, dem Doktor den gekauften Ring gegen Erstattung unserer Auslagen zur Verfügung zu stellen. Aber er lehnte das Anerbieten ab."

Wie? Er lehnte es ab?"

Ja. Ich selbst ging damals zu ihm, und ich muß ihm das Zeugnis ausstellen, daß er sich bewunderungs­würdig benahm. Ich habe ihn bei jenem Besuche förmlich studiert, weil man als Schauspieler so etwas immer brauchen kann. Seine Frau sei mit seiner Einwilligung auf un­bestimmte Zeit verreist, sagte er. Und da der Ring ihr Eigentum gewesen sei, über das sie völlig freie Verfügung

gehabt habe, so liege für ihn nicht die mindeste BeraNa lassung vor, den von ihr geschlossenen Verkauf rückgängig zu machen." B a

Er nahm sich also, wie es scheint, die Sache nicht sehr zu Herzen?"

Nun, das möchte ich doch nicht behaupten. Denn sei«! Gesicht stimmte wenig zu seinen Worten, und ich glaube, daß es in seinem Innern nicht sehr lustig aussay. Etz wollte nur eben seine Frau nicht bloßstellen."

Meinen Sie? Und er lebt noch immer in Denver?"

Ich denke wohl. Wenigstens bin ich ihm dort noch vor ungefähr einem halben Jahre begegnet und konnte mich mit eigenen Augen überzeugen, daß er sich nicht zu Tode gegrämt habe; denn er war so schön und stattlich tote immer."

Und seine durchgegaugene Fran die Schauspielerin man hat nichts mehr von ihr gehört?"

Nichts? Sie war und blieb verschollen."

Dies ist also Ihre ganze Geschichte, Mr. Lindham? Nun, ich gestehe, daß ich sie mir interessanter vorgestellt habe. Aber da ist Florence Allan. Ich danke Ihnen für Ihre Begleitung. Auf Wiedersehen in denDrei Musketieren.^

Sie hatte ihre Hand von seinem Arme herabgleiten lassen und verabschiedete ihn lächelnd durch, ein leichtes Neigen des Kopfes. Er aber sah ihr nach, bis andere Gruppen, die sich zwischen ihn und sie geschoben hatten, ihm ihren Anblick entzogen.

Wunderbar!" sagte er bei sich selbst.Geradezu wunderbar! Wenn sie nicht diese prachtvolle Figur hätte, und wenn sie nicht so überzeugend unbefangen gewesen! wäre ich würde noch jetzt an die Möglichkeit glauben, daß sie es sei."

Felicia Rubarth hatte ihre Freundin, die Tochter des Hauses, nur ausgesucht, um sich von ihr zu verabschieden. Sie sei zu müde, um noch zu tanzen, sagte sie, und halb! zu Tode gelangweilt durch das Geschwätz der jungen Herren, die von Jahr zu Jahr einfältiger zu werden schienen. Miß Florence bemühte sich nicht sonderlich, sie zu halten; denn ihre freundschaftlichen Empfindungen hinderten nicht, daß sie ein wenig eifersüchtig war auf Felicias Erfolge. Und so geschah es, daß diese die ohne jede Begleitung in das Haus des Senators gekommen war bereits wieder in Sen. Polstern ihrer Equipage ruhte, während ihre Verehrer! noch in allen Räumen eifrig nach ihr suchten.

Der Wagen rollte in die Einfahrt eines mäßig großen, aber sehr vornehm aussehenden Hauses der fünften Straße, und eilt Diener war Felicia beim Aussteigen behilflich. In dem ersten Zimmer, das sie betrat, nahm ihr die Zofe den Mantel von chen Schultern, und das junge Mädchen fragte:

Ist mein Vater schon schlafen gegangen?"

Nein, Mr. Rubarth ließ sich soeben erst eine Flasche Portwein in das Speisezimmer bringen."

Gut! Helfen Sie mir aus diesem Kleide und bringen Sie mir meinen weißen Schlafrock! Dann können Sie meinetwegen zu Bett gehen; denn ich brauche Sie heute nicht weiter, wünsche aber, daß Sie mich morgen schon um! fünf Uhr wecken."

Um fünf Uhr, Miß Rubarth?"

Ja. Scheint Ihnen das so unfaßbar? Ich gedenke mit dem Mittagszuge nach Newyork zu fahren und muß vorher meine Koffer packen."

Da diese Worte in etwas ungnädigem Tone gesprochen worden waren, enthielt sich die Zofe jeder weiteren Aeußer- ung und war ihrer jungen Herrin schweigend beim Umkleide«! behilflich. Ehe fie in den weichen, weißen Schlafrock schlüpfte, wurde an Felicias schönem, nacktem Arme für einen Moment eine häßliche rote Narbe sichtbar, die sich unmittelbar über dem Handgelenke scharf von der weißen Haiti abhob. Gleich daraus aber war sie unter dem duftigen! Spitzenbesätze des bequemen Hausgewandes verschwunden^ wie denn überhaupt außer der Kammerzofe bisher wohl kaum ein menschliches Wesen aus Felicias Umgebung ihrer ansichtig geworden war.

Nachdem sie sich auch das kunstvoll aufgebaute Haar von dem Mädchen hatte lösen lassen, sodaß es gleich einem seidig glänzenden schwarzen Mantel bis zu den Hüften herab ihre hohe Gestalt umfloß, verließ Miß Felicia Rn- barth das Ankleidezimmer, um ihren Vater aufzusuchen.

Sie sand ihn, wie sie es erwartet hatte, mutterseelen--