Ausgabe 
3.11.1901
 
Einzelbild herunterladen

«-Erlag den 3. Rovcmbrr.

Nr. 158.

1901.

MU

-

mm ft du das Schöne nicht erringen, So mag das Gute dir gelingen. Ist nicht der große Garten dein, Wird doch für dich ein Blümlein sein. Nach Großem dränget deine Seele? Daß sie im Kleinen nur nicht fehle! Thn' heute recht das ziemte dir; Der Tag kommt, der dich lohnt dafür. So geht cs Tag für Tag, doch eben Aus Tagen, Freund, besteht das Leben. Gar viele sind, die das vergessen: Man muß nur nicht nach Jahren messen.

Eduard Banernfeld.

(Nachdruck verboten.)

Gesprengte Fesseln.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Auf der anderen Seite des Wintergartens, durch das dichte Blättergewirr sür die heitere Gesellschaft saft ganz unsichtbar gemacht, standen zwei Männer, ein jüngerer und ein grauhaariger, in leisem, angelegentlichem Gespräche beisammen. Schon durch seine etwas excentrische Kleid­ung, beit weit ausgeschnittenen Hemdkragen, die genial geschlungene Kravatte und die aus dem wirren Kraus­haar über die bleiche Stirn herabfallende einzelne Locke gab sich der jüngere auf den ersten Blick als Künstler zu erkennen. Und sein scharf markiertes, bartloses Gesicht wie die Lebhaftigkeit des ausdrucksvollen Mienenspiels ließen unschwer erraten, daß seine Kunst die des Menschendar­stellers sei. Wenn er, wie es häufig geschah, seine Rede durch eine Handbewegung begleitete, ging es von dem kleinen Finger seiner Rechten wie ein Feuerwerk bunt­farbiger Lichtstrahlen aus. Denn dort trug er einen präch­tigen" Ring, der seiner Fassung nach wohl eigentlich bestimmt gewesen war, die Hand einer Dame zu schmücken, einen von auserlesenen Brillanten . umgebenen Rubin von seltener Größe und wundervollem Feuer.

Felicia sttubarth also heißt fte?" sagte er, einem von den Aelteren genannten Namen wiederholend.Natür­lich! Ich wußte von vornherein, daß es nichts als eine zufällige Aehnlichkeit sein könne. Wer diese Aehnlichkeit ist in der That merkwürdig genug. Die junge Dame gehört einer Bostoner Familie an?"

Jawohl! Ihr Vater ist Mr. George Rubarth, ein ein­gewanderter Deutscher, der es zu großem Vermögen gebracht hat. Sie gilt für eine unserer begehrenswerten Partien, denn sie ist sein einziges Kind."

Mit aufmerksamstem Interesse spähte der Schauspieler zwischen den Blättern hindurch zu dem schönen dunkel­haarigen Mädchen im weißen Seidenkleide hinüber. Dann sagte er:

Würden Sie vielleicht die Güte haben, Mr. Mac Gnrthh, mich Miß Rubarth vorzustellen? Ich möchte wohl wissen, ob ich auch noch im Gespräche mit ihr den Eindruck dieser geradezu wunderbaren Aehnlichkeit behalte."

Der alte Herr war sofort bereit, dem geäußerten Wunsche zu entsprechen, und sie gingen zu den anderen hinüber.

Darf ich mir die Ehre geben. Miß Rubarth, Ihnen Charles Lindham vorzustellen, einen drantatischen Künstler, der soeben in Newyork als Romeo und in anderen Rollen außerordentliche Triumphe gefeiert hat? Wir werden das Vergnügen haben, ihn in einigen Tagen auch auf unserer Bühne zu sehen, da er der leitende Mann von Mr. Clisford Thompson's Truppe ist."

Mit der herablassend freundlichen Würde einer Prin­zessin neigte die Angeredete in Erwiderung von Mr. Lind- hams tiefer Verbeugung den Kopf. Auf ihrem schönen, lächelnden Gesicht ging nicht die kleinste Veränderung vor, während ihr Blick über die Gestalt des Schauspielers hiu- streifte, und daß die von Edelsteinen blitzenden Finger ihrer rechten Hand plötzlich mit krampfartigem Druck den zusammengelegten Fächer umklammert hatten, konnte wohl von keinem der Umsitzenden bemerkt werden.

Wenn ich nicht irre, Mr. Lindham, hörte ich Ihren Namen neulich schon von einer in Philadelphia wohnhaften Freundin", sagte sie in jenem etwas gelangweilten Tone, der ihr im Verkehr mit jungen Herren eigentümlich schien. Vermutlich sind Sie also auch dort bereits aufgetreten?"

Der Schauspieler stand jetzt hart neben ihrem Sessel, und die Art, wie er sie anstarrte, fing an, den Unwillen der übrigen jungen Herren zu erregen.

Nein", erwiderte er.Ich bin bisher ausschließlich in den größeren Städten des Westens thätig gewesen und vor meinem Debüt in Newyork war ich niemals über Saint- Louis hinausgekommen." , ,

Dann muß ich Ihren Namen wohl mit einem ähnlich klingenden verwechselt haben. Werden Sie auch hier den Romeo spielen?"

Ja", sagte er mit eigentümlichem Nachdruck,den Romeo und auch den d'Artagnan in denDrei Musketieren". Kennen Sie das Stück, Miß Rubarth?"

Vollkommen unbefangen schüttelte sie den Kopf.

Ich erinnere mich nicht, jemals etwas davon gehört zu haben. Wahrscheinlich, eine Dramatisierung des be­kannten Romans?" * .

Ja. Es wurde zuerst von der Truppe des Impresario Fielding aufgeführt, der seinerzeit die Vereinigten Staaten von einem Ende bis zum anderen danrit durchreiste. Ich befand mich noch in den ersten Anfängen meiner Künstler­laufbahn, als ick vor etwa drei Jahren von ihm enaasiert