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Aus dem SomlemMangs-LmM.
Von Wilh. F. Brand.
Nachdruck verboten.
V.
Die Geischa. — Unser Tanzsaal. — 'Speisekarte. — Mit Stäben essen. — Kredenzung des Sakee. — Dcusir und Tanz. — Tie Moral. — Küssen ist unanständig. — Die goldenen Käsige der Joschiwara. — Bon den Eltern verkauft. — „Eben "auf Kündigung. — Wirkliche Ehen. ^rauungml.-
— Scheidungszahlen und Scheidungsgrunde.
Tie Geischa! Welch ein Zauber liegt in diesem Worte für jeden Japaner, ja, imb auch für mancye Europäer. Tie Geischa ist eine berufsmäßige Täuzerm. Man nennt sie wohl eine öffentliche Tänzerin, aber nur insofern, als sie für Geld langt, man könnte sie aber eoenso gut als erne private Tänzerin bezeichnen, insofern cs in Japan offentlrche Tanzaufführungen eigentlich gar nicht giebt. Wie der Japaner keine Gesellschaft zu Hause giebt, so ist er auch, allen öffentlichen Geselligkeiten und Vergnügungen sehr abhold. Selbst im Hotel lebt er ganz für sich auf, seinem Zrmmer, oder dock' nur im Kreise seiner Angehörigen. Oeffentlrche Speise-, Lese- und Rauchzimmer find in rein japanischen Gasthöfen völlig unbekannt. Will er ein Fest geben, so ladt er seine Freunde in ein Theehaus, aber unbedingt m ein Separatzimmer, läßt die Frau daheim und amiisiert sicy mit seinen Gästen in Gesellschaft 'der Gerscya Dre Idee ist ebenso selbstisch wie genußsüchtig und sinnlich., indessen : die Form, der ganze Don bei solchen Gelagen ist so verfeinert, dein Japaner ist alles Gemeine so zuwider, daß man jene Idee darüber ganz vergessen könnte.,
«wei japanische Herren waren so liebenswürdig gewesen, mich"zu einem solchen „Geischa-Tanz" und einem japanischen Tiner einzuladen — denn zum „Tanz" gehört unerläßlich ein Schmaus — und außer mir noch ein Mitglied einer europäischen Gesandtschaft, das aber, auch schon etliche ^ahre in Tokio ansässig, fast ebenso gut mit den einschlägigen Verhältnissen bekannt schien, wie die beiden Japaner ftcbst. Ich! durfte also wohl sicher sein, daß uns hier alles in der echten und besten Art vorgesührt und wir nicht etwa so wie manche durchreisende Planeten-Pilger Mit Schein und Schaum abgespeist wurden.
' Unser Gesellschaftsraum war groß, nach japanischer Art ringsum Von Wänden eingeschlossen, die, nur aus leichtem, verschiebbarem, mit Papier überklebtem Rahmenwerke gebildet, am Tage nur ein gedämpftes, aber um so, woyl- thuenderes Licht durchlassen. Der Fußboden war überall mit den üblichen Binsenmatten belegt, und. wie in allen japanischen Zimmern fehlte jedes Stück Möbel. Nur hatte man in Erwartung unseres Besuches bereits wer Kissen auf den Fußboden gelegt, und neben jedem stand , das übliche Hibaschi, ein mit feurigen Holzkohlen angesullter Behälter, die einzige Heizvorrichtung in den von Papicr- wändlein eingeschlvssenen Räumen des oft empfindlich kalten Japan.
Unsere Stiefel hatten wir der Landessitte gemäß bereits an der Hausthür ausgezogen und waren eben in Strümpfen in den „Tanz-Saal" marschiert. Kaum hatten wir uns auf unseren Kissen niedergelassen, als nun bald nacheinauoer, einzeln und zu Paaren, zehn bis zwölf allerliebste junge Mädchen eintraten, zu unserer Begrüßung mit vollcudeicm Anstand sich bis auf .den Boden verneigend, alle tn prächtigen Gewändern, in schmetterlingsfarbenem Kimono und noch bunterem Obi. Je jünger sie waren, um so Heller, ihre Kleidung; und es waren einige recht junge darunter, einige wenig über zwölf Jahre alt. Und so war mir's den ganzen Abend, als wären wir in ein Mädchenpensionat eingebwchen. War dock'! auch das Benehmen der Geischa durchweg wie das lustig aufgelegter, aber durchaus wohlerzogener junger Mädchen aus einer Pension für Töchter höherer Stande. Sie lagerten sich uns gegenüber oder auch, um uns per in bunten Gruppen auf dem Boden, während die Wienerinnen kleine, niedrige Gestelle für uns hereinbrachten, auf denen sie dann die Speisen servierten.
Und was für Speisen! Ta gab es Misoschlvo und «a- hana und Tamago-Yaki und Schigi-nabe und Unagi-meschi. Ja so, es versteht nicht jeder Japanisch Ich nämlich auch nickst. Aber ich glaube, wir hatten eine Art recht schmackhafter Bohnensuppe, einen mir unbekannten Fisch roh, etwas wie eine Omelette, geschmorte Schnepfen, Reis, mit Aal, und was weiß ich, was noch, alles in ganz kleinen Portionen, in ganz kleinen niedlichen Gefäßen, und alles wurde Mit den landesüblichen Stäbchen zum Munde gefuhr^.
Tas thue einmal einer, der es nicht gelernt hat: Ich wäre denn auch, obschon die Schmauserei eigentlich den aanzen Abend hindurch dauerte, gewiß zu kurz gekommen, wenn nicht ein paar allerliebste kleine Backfische nur zur Seite in buchstäblichem Sinne des Wortes inichi gefuttert hätten. Tie ganze Gesellschaft lachte mich! aus — natur ich — ebenso wie man über „mein Japanisch lachte, aber selbst! bei diesen kleinen Unarten benahmen sich die Mädchen so artig und taktvoll, daß ich ihnen nichts weniger als gram 'eUT Uebrigens habe ich: die Grundbegriffe des Stabessens dock: auch, wcgbekommen, und im Laufe des Abends noch manchen Stab voll ganz —oder doch wenigstens teilweise !— seinem Bestimmungsort zugeführt. Die Stabe sind ungefähr von der Größe zweier gewöhnlicher, ungespchter Bleistifte. Man stemmt nun das Ende des einen m den Einschnitt zwischen Daumen uiid Zeigefinger feft dagegen, während man den andern mit Daumen, Zeige- und Battcl- fiuaer hält. So werden sich die unteren Enden der «stabe leicht berühren, und auch wieder auseinander bringen ^'^en Geiscka lag es nun ob, uns zu bedienen und zu unterhalten, den Sakee, einen ganz schmackhaften Branntwein aus Reis, unter besonderen Formalitäten, iim.> zu kredenzen und, sich malerisch gruppierend', uns eine Augenweide zu bieten. Tann und wann Huben sie auch ihren mysteriös feierlichen, klagenden und in Anbetracht der steten Dissonanzen kann ich nur sagen: kläglichen Gesang an mit Musikbegleitung auf Samisen und Koto, und ihren Tanz. Indessen /stanzen" die Japanerinnen weniger mit den Füßen als mit den Händen und dem ganzen Körper Graziöse Gesten mit entsprechendem Facher,prel, schöne Wendungen des Körpers sind stets, Mel wichtiger als der Fußsatz, aber graziös, liebreizend ist ja das ganze Auftreten der Geischa, ob sie „tanzt" oder uns zur «eite am Boden kauert und ein Pfeiflein raucht.
Und ihre Moral? — Wer verlangt gleich nach einem Sittenzeugnis unserer Tänzerinnen, toeiui er eines Lallet- Aufführung beiwohnt! — Moralischer innere Tänzerinnen werden die Geischa auch nicht sein, wohl aber sind sie in ihrem Auftreten sittsamer und fein er. den Vertragshäfen, wo die Europäer aufasiig sind, und die fremden Reisenden vorwiegend sich aushalten und „was sehen wollen", da sollen auch die „Tanze" einen^ganz anderen Charakter anuehmen, da sollen. sth^uilose Pinge Vorkommen. Aber es ist nicht mehr die eigentliche Geischa, die dort auftritt. Es sind verkommene Dirnen, verdorben aber durch europäische Lüsternheit und europäisches Geld. Hier war nichts Ungeziemendes, nichts Lauten, Nichts Ge-
gewagteste Unterfangen, dessen sich eines des . jungen Mädchen einmal erdreistete, war, dap sie auf ; einen Augenblick das elektrische Licht abdrehte. Und was
und Verständnis sand'. Er mußte ihm sagen, welche Stürme i sein Herz, sein Leben durchtobten!
Aber kein Wort der Erwiderung, des Erkennens, des Verständnisses drang über die bläulichen Lippen des reaunaslos Daliegenden — nur die keuchenden, rasselnden, pfeifenden Töne des Atems, der die Brust zu zersprengen br°f,llnb aufschluchzend sank Eitel Fritz an dem Lager des Sterbenden nieder. Er wußte, das luar das Emde!
Tann eilte er fort, seine Mutter, ferne Schwestern zu benachrichtigen — nach kurzer Zeit umstanden alle rn leisem Weinen das Lager, der alte Diener hielt den Sterbenden in den Armen, Rufcha verbarg rhr Antlitz an der Brust des Verlobten, in thränenlosem Schmerze starrte Wanda vor sich hin, während die Baronrn am Bette niederkniete und Eitel Fritz den alten Diener unterstützte, um des Leidenden letzte Minuten zu erleichtern
Der Arzt kam ^-schmerzlich bewegt zuckte er die Achseln, ein neuer Schlaganfall war eingetreten — menschliche Hilft war machtlos — gegen Mitternacht entschlief Hans Joachim, der allezeit so fröhliche, geniale Hans Joachim, in den Armen seines Sohnes, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. — — —
(Fortsetzung folgt.).


