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länger zu bedienen. So genau und aufmerksam wir die Brigg beobachteten, wir konnten nicht das geringste Zeichen von irgend einem lebenden Wesen an Bord währnehmen.
„Kann sie etwa verlassen sein?" ries Richard. „Aber weshalb? Ihr Rumpf scheint gut und stark. Es ist nichts als die merkwürdige Art, wie die Raaen stehen, wodurch sie dieses unglückliche Aussehen erhält. Auch sehe ich kein Notsignal."
Als wir näher herankamen, wurde es immer klarer, daß, soweit das Schiff selber in Betracht kam, kein Anzeichen von Havarie zu erblicken sei. Die Brigg schwamm leicht auf dem Wasser, und nichts in ihrem ganzen Aeußeren deutete auf etwaige Ursachen, derentwegen sie verlassen sein könnte.
Jetzt zog mein Mann den Riemen ein, mit dem er das Segel ausgebreitet hatte, und als wir fast längsseits waren, fierte er das Segel herunter und stellte sich vorne in den Bug, indem er mir zurief, so zu steuern, daß das Boot mit der Breitseite neben die Großrüsten der Brigg liefe. Das that ich, und nachdem er die Fangleine an den Rüsten festgemacht hatte, sprang er hinauf, half auch mir aus dem Boot, und wir beide stiegen an Deck.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Die Fieber-Brigg.
Das Deck war glatt und ziemlich weiß, aber überall mit losgeworfenen Enden des laufenden Guts bedeckt. Ein ziemlich großes Deckhaus stand hinter dem Fockmast und ein ähnliches, noch etwas längeres, offenbar die Kajüte, achtern. Dieses verdeckte von da aus, wo wir an Bord gestiegen waren, das dahinter angebrachte Steuerrad. Ein schmaler Gang führte aus beiden Seiten des Hauses nach achtern. Auch hier war überall das aufgeschossene Tauwerk von den Eoffeynägeln abgenommen und an Deck geworfen. Alle Boote befanden sich an ihren bestimmten Plätzen. Das große Boot lag mitschiffs, gut gezurrt und versichert, und zwei gut aussehende Boote, scharf an beiden Enden, nach Art der Walfischfängerboote, hingen in den Davits. Hinter dem vordersten Deckhause stand die Kombüse; aber kein Rauch entstieg dem kleinen Schornstein. Wir standen und lauschten. Kein Ton, weder von Schritten, noch von menschlichen Stimmen war hörbar — nichts als das sanfte Geräusch des durch die Wanten fegenden Windes.
„Seltsam!" murmelte mein Mann fast flüsternd. Die überall auf dem Schiffe herrschende Stille schien auch ihn zu veranlassen, seine Stimme zu dämpfen. Damit trat er an das achtere Deckhaus heran und spähte durch die kleinen Fenster.
Das Innere war sehr einfach. Auf der linken Seite sahen wir einen kleinen Tisch und ein Sopha und gegenüber ein paar hölzerne Stühle. Rechts waren, durch ein Schott von diesem Raum getrennt, drei kleine Schlafkammern. Jede Kammer war mit einer ungefähr mannshohen Thüre versehen. Kein lebendes Wesen oder irgend ein Zeichen, das auf die Nähe eines solchen hätte hindeuten können, war sichtbar.
(Fortsetzung folgt.)
Handelsdampfer als Kriegsschiffe.
Von Dr. Albert Lüders.
(Nachdruck verboten.)
Wenn man von dem glücklicherweise auf den Orient beschränkt gebliebenen russische-türkischen Kriege der Jahre 1877 und 1878 und einigen kleineren kaum den Namen „Krieg" verdienenden Unternehmungen absieht, herrscht in Europa seit einem Menschenalter Waffenruhe. Der Friedensengel, unter dessen Walten Europa zu einem Wohlstände heranblühte, wie es ihn früher nie gekannt, schreitet jedoch keineswegs wie ein holder lächelnder Knabe mit deyr Palmzweige in den Händen einher, sondern als ein waffen- gewaltiger Mann in schwerer Kampfesrüstung, unter dessen klingendem Schritt der Boden bebt.
In der That hat der altrömische Spruch„Zivis pacem,parabellum“, — „Willst du Frieden, rüste zum Kriege" — nie mehr in Geltung gestanden als in der Gegenwart. Die Millionenheere sind thatsächlich mit aller ihrer umständlichen Ausrüstung vorhanden und stehen nicht bloß auf dem Papiere wie zu den Zeiten des selig oder unselig entschlafenen deutschen Bundestages, wo man in etlichen deutschen Mittelstaaten unter der schönen Bezeichnung „Unmontiert assen
tiert" 20 Jahre Soldat sein konnte, ohne auch nur ein einziges Mal einen blanken Knopf, geschweige denn gar ein so hochgefährliches Schießgewehr gesehen zu haben. Zwischen der Kriegsbereitschaft jener Zeiten, als Preußen- Deutschland den zu seiner politischen Einigung führenden gewaltigen Landkrieg gegen Frankreich führte, und der Gegenwart besteht aber ein gewaltiger Unterschied, insofern zu" den großen Landheeren von damals die sich immer mehr entwickelnden Kriegsmarinen der Festlandsstaaten getreten sind, welche, toemt man von Frankreich absieht, damals noch in den Kinderschuhen steckten. Es hat sich allenthalben die Üeberzeugung Bahn gebrochen, daß, nur weit die anderen europäischen Großstaaten keine nennenswerte Seegewalt besaßen und sich gegenseitig in Landkriegen zerfleischten, es den Engländern gelingen konnte, auf Kosten jener, die halbe Welt zusammen zu stehlen, und eine Vorherrschaft jenseits des Meeres zu erringen, die auf die Dauer einfach unerträglich ist.
Aus diesen Gründen ist man überall mit der Vermehrung der Kriegsflotten beschäftigt. Versetzt man sich aber im Geiste in den Ernstfall eines Seekrieges, so kann man sich der Wahrnehmung nicht verschließen, daß alle für diesen getroffenen Vorbereitungen noch unzureichend sind; denn um wirklich große Truppenmassen über See zu schaffen, sind sämtliche Kriegsfahrzeuge unzureichend. Als es sich im vergangenen Sommer zum Beginn der chinesischen Unternehmung für Deutschland darum handelte, die ersten kampfbereiten Truppen nach Osten zu führen, mußten bereits 10 große Dampfer des Norddeutschen Lloyd Und der Ham- burg-Amerika-Linie gechartert werden, und wenige Wochen darauf, als die ostasiatischen Brigaden nach China verschifft wurden, befanden sich bereits 43 der größten deutschen Handelsdampfer im Dienst der deutschen Regierung in den chinesischen Gewässern oder auf dem Wege dorthin. Ungleich größer war natürlich noch die Inanspruchnahme der englischen Handelsflotte durch das War Office im Kriege gegen die südafrikanischen Republiken; denn in diesem Falle galt es, eine Trupp en macht von mehr als 200 000 Mann/ also zehnmal mehr Menschen als Deutschland nach Ostasien entsandte, nach der Südspitze Afrikas zn befördern und mit allem Nötigen zu versehen.
Beide Unternehmungen sind, was den Seetransport betrifft, gelungen, und es ist kein Zweifel, daß unsere ein-« heimischen Schiffahrtsgesellschaften auch dem Transport einer noch viel größeren Truppenmacht gewachsen sein würden. Unbehindert und unbehelligt haben die stolzen Kolosse die Wogen des Ozeans durchmessen. Dieser Erfolg war aber nur dadurch möglich, daß England sich mit keiner Seemacht im Kriege befand, und daß die chinesische Kriegsmarine schon mehrere Jahre vor dem Ausbruch der jetzigen Wirren int Kriege mit Japan vernichtet worden war. Ganz anders hätten fid) die Verhältnisse gestaltet, wenn man sich mit einer wirklichen Seemacht im Kriege befunden hätte; denn dann hätte eine kleine Flotte schnellfahrender Krenzer genügt, um diese Truppentransporte zu bedrohen und die wehrlosen Handelsschiffe samt ihrer militärischen Bemann- un'g wegznnehmen, falls diese nicht öon einer starken Hochseeflotte begleitet gewesen wären.
Da letzteres den meisten europäischen Marinen zurzeit in Ermangelung geeigneter schnellfahrender Kreuzer, die den Auslandsdienst versehen könnten, noch nicht mögliche ist, hat man nach Mitteln zur Abhilfe Umschau gehalten und ist dahingekornuten, im Kriegsfall die bedenklichsten Lücken in der Kreuzerflotte dadurch auszufüllen, daß man bei eintretender Mobilisierung der Kriegsmarine eine bedeutende Anzahl Handelsdampfer ankauft, bei deren Bau bereits die eventuelle dereinstige Verwendung als Kriegsschiff, und zwar als sogenannter ungeschützter," d. h. ungepanzerter Kreuzer in Aussicht genommen ist.
Die ersten, welche in dieser Hinsicht mit gutem Beispiel vorangingen, waren die Russen, die in ihrem letzten Kriege gegen die Türkei eine Anzahl aus Privatmittelu gekaufter und als Kreuzer ausgerüsteter schneller Dampfer zu Kriegszwecken zur Verfügung stellten. Diese Dampfer, ivelche lange Jahre zum Transport von Verbannten nach der Insel Sachalin und dem östlichen Sibirien Verwendung sanden, dienen jetzt zur Beförderung von Truppen, werden, obwohl sie vollständig armiert sind, als Handelsschiffe angesehen, und dürfen nach einem neueren Abkommen mit der Türkes


