Ausgabe 
3.3.1901
 
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näher!"

Dann kam Richard nach achtern und rief:Sieh, dort dort bricht der Tag an. Sobald die Sonne aufgeht, müssen sie uns in Sicht bekommen. Ach, mein Lieb! Dank sei dem allmächtigen Gott um Deinetwillen, mein Kleinod!"

Ich ergriff seine Hand und küßte dieselbe, und während ich sie fest in der meinigen hielt, brach hinter uns die Dämmerung an. Als ich zum Himmel über unserer Mast­spitze emporblickte, sah ich das grünliche Tageslicht sich aus­breiten wie einen vom Winde westwärts gewehten Dunst­schleier. Das Wasser blieb schwarz, selbst als auch bereits der westliche Himmel von dem im Osten anbrechendeu Lichte erhellt war. Als ich mich niederbeugte, erblickte ich unter dem Unterliek des Segels hindurch an dem bleichen Himmel, gegen den sich die kohlschwarze Wasserlinie scharf ab­zeichnete, den Umriß eines kleinen Schiffes in ungefähr drei bis vier Meilen Entfernung. Noch war es in die Schatten der Dämmerung gehüllt, stand aber doch scharf und klar da.

Siehst Du es jetzt, Jeß?" rief mein Mann.

Ich antwortete flüsternd:Ja." Kaum war ich im stände, das Wort anszusprechen bei dem wilden Aufruhr aller meiner Gefühle, den der Anblick des Schiffes in mir erregt hatte.

Jetzt stieg die Sonne gerade hinter uns empor. Jeder­mann, der an das allmähliche Heranbrechen des Tages gewöhnt ist, würde die Schnelligkeit zauberisch vorgekommen sein, mit welcher das Tagesgestirn der Dämmerung folgte. In dem Scheine der Sonne bemerkte ich, daß das voraus befindliche Schiff eine kleine Brigg sei. Sie lag ziemlich tief im Wasser und war mit einem weißen, von schwarzen Stückpforten unterbrochenen breiten Streifen an den Seiten bemalt.

Sicherlich sieht sie uns, Richard ! . Hat sie nicht bel- gedreht, um auf uns zu warten?" rief ich aus, und sprach vor lauter Herzklopfen, als ob ich außer Atem wäre.

Er antwortete nicht, sondern beobachtete fast unausgesetzt das Schiff.

Da ist etwas nicht in Ordnung", sagte er wie zu sich selber.Sieh ihre Raaen! Vorne sind sie Vierkant gebraßt, und das Großmarssegel liegt back. Wenn sie sich überhaupt bewegt, treibt sie über Steuer. Siehst Du den Anßenklüver vom Baum ins Wasser herabhängen? Was kann der Mannschaft fehlen? Es sieht aus, als ob die Brigg schon längere Zeit sich in diesem Zustande befindet und nicht erst seit Tagesanbruch."

Das Schiss wuchs immer schneller, als wir direkt daraus lossteuerten und von der sanften Brise, die, seit wir uns in dem Boote befanden, fast ununterbrochen und stetig von Osten her geweht hatte, dahin getrieben wurden. Das helle Licht eines wolkenlosen Tages lag jetzt über dem ganzen Gesichtskreise, und wir konnten jede Einzelheit an der Brigg deutlich erkennen. Es war oben offenbar nichts in Unordnung. Keine Spiere, keine Raa fehlte, und doch verlieh die seltsame, ungeschlachte Art, mit der die Raaen gebraßt waren, dem Fahrzeuge ein trübseliges, selbst wrack­ähnliches Aussehen. Die meisten Brassen waren lose una hingen in Buchten herab. Das Pikfall war gleichfalls los­geworfen, und die Gaffel hing auf den Falten des Segels. Von der Klüverbaumnvck hing der Außenklüver bis in das Wasser hinab. Es machte den Eindruck, als ob das Schiss von einer Anzahl von Nichtseeleuten bemannt sei, die allev mögliche versucht und schließlich aus purer Verzweiflung darüber, daß sie den richtigen Gebrauch aller dieser L-aue nicht kannten, es aufgegeben hätten, das Schiff noch

Aber ich sehe es!" rief er.Ich kann mich gar nicht irren. Steuerbord das Ruder, Jeß so, das genügt. Ja, ich kann es jetzt deutlich sehen. Es muß ein Schiff sein."

Auf die veränderte Ruderstellung hin bekamen wir den Gegenstand, den er zu sehen meinte, recht voraus und den Wind recht von achtern. Richard fierte die Schorst auf und bäumte mit einem Riemen das Segel aus, damit jeder Zoll mit ziehen sollte. Dann ging er nach vorne, indem er mir die Jochleinen überließ, und kauerte sich dort nieder. Dabei blickte er fortwährend voraus.

Eine volle Viertelstunde mochte vergangen sein, ohne daß mein Mann irgend ein Zeichen gab oder seine Stellung veränderte. Jetzt rief er plötzlich mit lauter vor Erregung zitternder Stimme:

Das ist ein Schjff, Jessie! Und wir kommen ihm

ertönt wie die Klagen einer langen, unsichtbaren Prozession von Geistern. Es war unmöglich, auf die flüssige pech­schwarze Fläche längsseit zu blicken, ohne zuruckzuschaudern.

Wie jene Nacht verging, wäre ich ebenso wenig im stände zu beschreiben, wie etwa einen wilden, verworrenen, unzusammenhängenden Traum. Am besten erinnere ich mich noch daran, daß mein Mann mich ersuchte, , mich auf den Boden des Bootes niederznlegen. , Ich weigerte mich weil ich mich fürchtete, von seiner Seite zu weichen, und weil ich unmöglich hätte schlafen können, während er allein und todmüde wachen und steuern sollte, ^ch weiß, daß wir von der Mannschaft derAurora" sprachen, und Vermutungen aufstellten, welchen Kurs das große Boot steuern möge. Gegen elf Uhr nach der Taschenuhr meines Mannes schlief ich jedoch ein wie ein kleines Baby mit meinem Kops an seiner Schulter.

Mein Teurer ließ mich schlafen, so lange ich wollte. Drei Stunden lang schlummerte ich so, während er auch nicht die leiseste Bewegung machte, um mich nicht zu stören; als ich erwachte, saß er noch immer unbeweglich tote eine Holzfigur, und hielt mich fest. Der Wind wehte noch immer sanft vom Steuerbordquarter her, und das Boot segelte seinen richtigen Kurs nach den Sternen. Der Schlaf hatte mir wohlgethan, und ich bat meinen Mann, sich auch etwas Ruhe zu gönnen, und meine Schulter als Kopfkissen zu benutzen, wie ich es mit der seinigen gemacht hatte. Er wollte zuerst nicht; ich bestürmte ihn jedoch, erklärte, daß ich ein Boot ebenso gut steuern könnte wie er, und versprach, ihn zu wecken, sobald das geringste Anzeichen einer Witterungsänderung einträte oder irgend ein anderer Umstand es verlangte. . .

Schließlich fügte er sich, zeigte mir einen Hellen ©tern und trug mir auf, das Boot so zu steuern, daß dieser Stern stets über dem Mast, lieber etwas nach rechts als nach links stände, da wir so genau als möglich nach Nordwest steuern wollten.und der Stern uns mehr nach Westen führen würde, wenn wir seiner Bahn allzu genau folgten. Dann legte er seine Wange an meine Schulter und war gleich darauf fest eingeschlafen. Er atmete tief, aber regelmäßig. Es war nicht besonders schwierig, das Boot auf dem rich­tigen Kurse zu halten; zuweilen fiel es vor der sanften, langgezogenen Dünung etwas ab. Viel Ruder aber brauchte es uicht/und abgesehen von einem geringen, in langen Zwischenräumen wiederkehrenden Gieren hielt ich den Hellen Stern am Mast fast so stetig, als ob er eine zwischen der Mastspitze und der kleinen Raa ausgehängte Laterne gewesen wäre. , .

Ich weiß nicht, ob irgend eine Frau jemals vor mir eine solche Wache gehalten hat. Manchmal erscheint es mir in der Erinnerung wie ein fchwerer, böser Traum, und doch war es volle Wirklichkeit. Trotzalledem kann ich. zuzeiten kaum glauben, es wirklich erlebt zu haben. Und dennoch brauche ich auch wieder nur die Augen zu schließen, und die schwarze See, die grauenhafte Stille der Nacht und der schwache, phosphoreszierende Schein auf der geräuschlosen Dünung, alles ist mir wieder gegenwärtig. Mein Mann schlief zwei Stunden lang. Dann erwachte er und weigerte sich auf das Entschiedenste, noch länger zu ruhen.

Nein, nein", sagte er, indem er seine Uhr vor das Gesicht hielt und im Sternenschinimer die Zeit ablas,zwei Stunden Schlaf sind genug. Ich sühle mich wie neugeßoren. Es ist halb fünf; bald wird der Tag anbrechen." Damit rieb er sich die Augen, erhob sich und reckte sich nnd blickte aufmerksam in die Dunkelheit über dem Luvquarter. Daun spähte er langsam im Halbkreise umher bis an den Luv­bug des Bootes und begann von neuem mit der anderen Hälfte des Horizonts achteraus in Lee. Als er bis auf ungefähr einen und einen halben Strich weiter voraus als querab in Lee gekommen war, hielt er plötzlich inne. Mir fiel die Pause auf, und ich rief:

Was fiehst Du denn dort im Dunkeln, Richard?"

Sieh, wohin ich zeige", erwiderte er atemlos, indem er dem Arm ausstreckte, der sich deutlich von den Sternen über dem Horizont abhob;ist das dort ein Schatten?"

Ich blickte angestrengt hinüber. Zuweilen glaubte ich eine Art von Flecken in der Dunkelheit zu erkennen, der aber sofort wieder zu verschwinden schien.

Ich weiß nicht", antwortete ich;zuzveilen glaube ich etwas zn sehen."- , _