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1901. - Nr. 2
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MM ag's taglang tüchtig auf dich regnen — Stimmung und Wetter wechseln schnell; Ein einzig freundliches Begegnen,
Und alles um dich her ist hell.
Joh. Trojan.
(Nachdruck verboten.)
Die Seekönigin.
Seeroman von -Clark Rüssel.
(Fortsetzung.)
Zweites Kapitel.
Kindheit.
Unbeschreiblich ist' der Reiz, den unser altes Wohnzimmer in ineiner Kindheit für mich hatte. Es war inir streng verboten worden, irgend etwas anzufassen; doch wurde ich nie müde, mir die „Kuriosa", wie mein Vater sie nannte, anzusehen, was wohl zur Genüge beweist, wie groß ihre Anziehungskraft für mich wP. Tenn welches Kind mag lange beschauen, was es nicht ansassen darf? All diese Sachen riefen in mir kindliche, harmlose Gedanken wach. Meines Vaters Gespräche, wenn er daheim war, die Geschichten, die mir meine Mutter von seinen Reisen erzählte, mit) die Wunder der tiefen See kamen mir bei meinen Gedankenbildern zu Hilfe oder bildeten vielmehr das Fundanrent derselben. Meine frühesten Erinnerungen sagen mir, daß ich die Speere und den Schild über dem ovalen Spiegel nie ansehen konnte, ohne an unermeßliche blaue Wasserflächen und- an grüne, schimmernde Inseln zu denken, die wie in einem Bette flüssigen Glases ruhten. Ich sah im Geiste dunkle Gestalten durch- die schneeweiße Brandung schwimmen oder aus dem goldgelben Sande dahinlaufen; die Luft war mit dem Dufte der Orangen» und Limonenbäume erfüllt, und die würzigen Haine verbreiteten einen berauschenden Geruch. Die chinesischen Elfenbeinschnitzereien ließen mich von Stefanien und grünen sonnenschirmähnlichen Palmen und seltsam geformten Tempeln träumen, deren Inneres von Edelsteinen glänzte. Wahrhaftig, im Herzen war ich schon wanderlustig, als ich noch nicht alt genug war, meine Hafergrütze allein zu essen, und ich schwärmte für Seeleute und Schiffe und flog im Geiste wie ein Vogel über den Spiegel des Ozeans, noch ehe meine Zunge die Worte korrekt aussprechen konnte.
Ich- war das einzige lebende Kind meiner Eltern, und aus diesem Grunde hatte ich. obgleich ich viele Kinder kannte und es mir außerhalb nie an Spielgefährten mangelte, im Hanse selbst nur meine Mutter, die Magd und die Freunde,
die uns besuchten, zur Unterhaltung. Daher wurde ichi ohne Zweifel für etwas altmodisch in meinem Benehmen und für über meine Jahre altklug gehalten.
Meine Mutter war nicht ans dem Norden, sondern aus der Gegend von Brighton zu Hause. Wie sie mit meinem Vater bekannt wurde, das ist ein kleiner Roman, der ein interessantes Kapitel bilden würde. Es würbe zu weit führen, die Geschichte ausführlich zu erzählen. Ich begnüge mich also mit einem kurzen Abriß. Als zweiter Steuermann eines Ostindienfahrers befand sich mein Vater auf der Heimreise. In den Breitegraden des Kaps der guten Hoffnung mußte das Schiff eines orkanartigen Sturmes wegen beigedreht werden. Bald darauf wurde am Horizont ein augenscheinlich im Sinken begriffenes Schiff bemerkt, das bereits zwei Masten verloren hatte. Auf dem Wrack befanden sich noch einige Menschen und unter der Leitung meines Vaters gelang es, trotz der schwierigen Umstände, sie sämtlich mit dem von dem Ostindienfahrer ausgesetztem Boote -zu retten.
Einer der Geretteten, ein junger Mann Namens Mills, bat meinen Vater dringend, als er erfuhr, daß er hauptsächlich ihm feine Rettung zu danken habe, ihn nach seiner Rückkehr in Sussex z,u besuchen. Bei dieser Gelegenheit lernte mein Vater seine zukünftige Frau kennen und lieben. Annie war die Schwester des jungen Mills, ein hübsches, sanftes Mädchen von neunzehn Jahren. Sie waren drei Jahre verlobt, ehe sie heirateten, und- der Brautstand hatte möglicherweise noch länger gedauert, wären nicht die alten Mills innerhalb eines Monats gestorben und infolgedesseu Vaters Braut ganz allein aus der Welt zurückgeblieben. Ihr Bruder war nämlich nadj. Indien zurückgekehrt und hatte sich dort niedergelassen. Sie brachte meinem Vater nur ein kleines Vermögen zu; allein sie besaß, was kostbarer ist als Gold — das sanfteste, liebevollste Herz, das je in der Brust eines Weibes geschlagen hat. Äls ich zur Welt kam, war mein Vater vierzig Jahre alt, und mit vierzig Jahren ist ein Seemann so alt wie ein Landbewohner mit fünfzig. Seit seinem dreizehnten Jahre hatte er zur See gefahren, und seit Generationen waren die Männer seiner Familie Seeleute und die Frauen Seemannsfrauen gewesen. Auch ein ganz Fremder konnte nicht in das Gesicht meines Vaters sehen, ohne daß ihn die unverfälschte, großherzige, treue und herzhafte Natur auzvg, die auf demselben ausgeprägt war. Wenn ich an ihn denke, so fallen mir immer die folgenden Worte aus Dibdius Lied ein, das niemand schöner singen konnte als er:
In seinem treuen Antlitz paarten Sich Mut und milder Sinn.
Stets blieb er treu der Pflicht, der harten. Nun ist er längst dahin.
Nie schaute man in seine schönen grauen Augen, ohne daß man ein zutrauliches Leuchten darin sah, welches ihnen


