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und Wir würden darüber vielleicht: beide zuletzt sehr unglücklich werden."
Sie sprach ganz ruhig, mit einer kühlen Ueberlegung, die ihre aus dem Munde einer Achtzehnjährigen ohnedies so befremdlich klugen Worte noch seltsamer erscheinen ließ. Hermann Müller aber war nicht gestimmt, Betrachtungen über das Ungewöhnliche ihrer Rede und ihres Benehmens anzustellen. Er hörte nur den zauberisch süßen Klang ihrer Stimme, sah nur den verführerischen Glanz ihrer dunklen Augen, und es wurde ihm zur überwältigenden Gewißheit, daß all seine irdische Glückseligkeit hier leibhaftig vor ihm saß. Hingerissen von der Macht ihrer holden Persönlichkeit, kniete er neben ihr nieder und bemächtigte sich der schlanken Weißen Hände, die sie ihm ohne Widerstreben überließ.
„Sei mein, Ellen — und ich schwöre Dir, daß jene Schatten sich niemals zwischen uns drängen werden. So Wenig will ich mich um Deine Vergangenheit kümmern, als hätte ich Dich an jenem Abend aus den Wolken zu mir herabsteigen sehen."
Ellen entzog ihm ihre Hände nicht, auch als er sie leidenschaftlich an seine Lippen drückte, und langsam wandte sie ihm ihr Antlitz zu.
„Sie würden mich also niemals danach fragen? — Und Sie rechnen nicht darauf, daß ich es Ihnen eines Tages unaufgefordert sagen werde?"
Nichts von holder jungfräulicher Verschämtheit lag in dieser Frage. Dem wonneberauschten Manne zu ihren Füßen aber bedeutete sie nur das heißersehnte Ja, und was auch immer Ellen als Preis für ihre Einwilligung gefordert hätte, er würde es unbedenklich und mit jauchzender Bereitwilligkeit zugestanden haben.
„Nein, mein Lieb — nein, und tausendmal nein!" wiederholte er, indem er die kaum Widerstrebende stürmisch an seine Brust zog. „Weshalb auch sollte ich das Glück fragen, woher es tarn? Ist es denn nicht genug, daß ich es warm und lebendig in meinen Armen halte?" — —
Drittes Kapitel.
Im Hause de§ Senators Boswell Allan, einer jener fürstlichen Villen, die sich am Rande des „Cammon", des prächtigen Stadtparkes von Boston, erheben, war großer Empfang. Die aus fashivnablen Seebädern heimgekehrte vornehme Welt der großen Hafenstadt, die sich so gern das „amerikanische Athen" nennen hört, gab sich hier gewissermaßen das erste Stelldichein der beginnenden Gesellschafts- saisvn, und in den festlich erleuchteten Prunkräumen wogte ein farbenreiches Durcheinander kostbarer Toiletten, schimmernder weißer Schultern und sprühender Edelsteine.
Etwa eine Stunde lang hatte sich der jüngere Teil der Gesellschaft dem Vergnügen des Tanzes hingegeben; dann war eine zur leiblichen Erquickung bestimmte Pause einge- treten, und schön uniformierte Diener reichten den an kleinen Tischen gruppierten Gästen auserlesene kalte Delikatessen nnd schäumenden Champagner.
In dem lauschigsten Winkel des in einen richtigen Palmenhain verwandelten Wintergartens saß eine kleine Gesellschaft jugendlicher Damen und Herren in ausgelassen heiterem Geplauder bei einander. Es mußten wohl die besonders bevorzugten unter den anwesenden Kavalieren sein, die an diesem Tische hatten Platz nehmen dürfen; denn in ihrer Mitte befand sich- die schönste aller Teilnehmerinnen, die erklärtie Königin des Abends.
Bon einem beinahe faltenlos niederfließenden Kleide aus schwerer weißer Seide umschlossen, lehnte die junonische Gestalt dieses jungen Mädchens lässig in dem bequemen Bambussessel, den herrlich geformten dunklen Kopf ein wenig zur Seite geneigt, und mit etwas zerstreutem Lächeln den Worten ihrer Verehrer lauschend, die in heißem Wettkampfe bemüht schienen, einander an schlagfertigem Witz Und geistreicher Galanterie zu übertreffen. Ihre Schultern waren entblößt, aber die Aermel des Kleides reichten bis zu den Handgelenken hinab. Und wenn diese eigentümliche, allen Gesetzen der Mode hohnsprechende Laune im Laufe des Abends auch schon zahlreiche abfällige Flüsterbemerkungen der übrigen Damen herausgefordert hatte, so war e£ doch außer allem Zweifel, daß bei der nächsten Soiree mindestens ein Dutzend der Tadlerinnen die kapriziöse Idee nachgeahmt haben würde.
(Fortsetzung folgt.)
Sein Trick.
Humoreske von Franz Kurz-Elsheim.
(Nachdruck verboten.)
Herr Fuhrmann war sehr niedergeschlagen und mißgestimmt. Das Kontorpersonal wagte gar nicht aufzublicken, wenn er ins Bureau trat. An allem und jedem hatte er etwas zu bemängeln und auszusetzen.
Aber seine böse Laune war erklärlich.
Wer allerdings glaubte, daß er wegen des jungen Buchhalters Max Bergmann so ärgerlich war, der irrte sich, 's ist ja richtig, er war furchtbar aufgebracht gewesen, als er den Angestellten mit seiner eigenen Tochter überraschte. Was? Seine Elly, die Erbin des Fuhrmannschen Vermögens, und der mittellose Kommis? Das könnte dem gerade so passen. Seinem Kinde hatte er tüchtig den Kops gewaschen, dem Frechling hatte er gekündigt, und damit war für ihn die Sache abgethan.
Nein; was ihn nun ärgerte, das war der schlechte Ge- schäftsgang. Ein halbes Dutzend Reisende liefen draußen umher, um Fuhrmanns unverfälschte reine Weine zu verkaufen. Die Spesen häuften sich von Woche zu Woche, der Aufträge wurden immer weniger. Wenn das so fortgeht, dann kann das Haus Fuhrmann eines schönen Tages die Bude zumachen.
So grollte er mit sich selbst.
Der alte Prokurist wußte auch nichts anderes, als stumm die Achseln zu zucken.
Dann probierte er es mit neuen Reisenden.
Dasselbe negative Resultat. Als ob man die Weine Fuhrmanns auf einmal boykottiert hätte.
Elly sah ihm wohl an, daß ihn etwas drücke, aber fragen mochte sie vorerst nicht. Sie kannte ihren Vater. Er wird schon herausrücken.
Und sie hatte Recht. Eines schönen Mittags — cs regnete gerade in Strömen — schüttete er seiner Familie, seiner Frau und seiner Tochter, sein Herz aus. Einen Rat wußten die beiden allerdings auch nicht.
Und der Vater hinwiederum loußte nicht, daß am selbigen Abend noch sein Kind den jungen Buchhalter am Gartenthürchen traf, daß beide lange miteinander plauderten und endlich sehr zärtlichen Abschied nahmen. — .---
Am andern Morgen bat ihn Max um eine Unterredung unter vier Augen. Fuhrmann war wirklich neugierig, was der junge Mann Vorbringen werde, als er ihm nun in seinem Privatkontor gegenüberstand.
„Herr Fuhrmann", begann Max. „Am nächsten Dienstag ist meine Zeit um."
„Allerdings."
„Ich will Ihnen offen gestehen, daß es mir bisher nicht geglückt ist, eine neue Stellung zu finden."
„Aha, da denken Sie wohl, ich soll meine Kündigung zurücknehmen. Nein, ich denke gar nicht daran."
„Habe ich denn das verlangt?"
„Wie? Nein, verlangt haben Sie's nicht. Aber was wollen Sic denn eigentlich?"
„Mich um den Posten eines Reisenden bei Ihnen bewerben."
Herr Fuhrmann war für den ersten Augenblick sprachlos. Und diese Situation nutzte Max schnell aus.
„Ich weiß, was Sie drückt. Ich weiß, daß momentan die Geschäfte schlecht gehen. Und gerade deshalb versuchen Sie's mit mir. Allerdings eine Bedingung."
„Bedingungen haben Sie auch?"
„Mit mir muß noch ein zweiter Mann reisen, der sich meinen Anordnungen zu fügen hat. Und ich gewährleiste Ihnen, daß wir derartige Geschäfte machen, daß Sie mir, wenn ich nochmals um die Hand Ihrer Tochter bitte, diese nicht mehr verweigern.
Diesmal sprang Fuhrmann auf. Er wußte nicht, ob er lachen oder sich ärgern sollte.
„Menschenskind, Sie scheinen mir krank zu sein", polterte er endlich los.
„In Gegenteil", gab Max ruhig zur Antwort.
„Aber Sie gefallen mir. Frech genug zum Reisenden sind Sie. Was aber soll der zweite Mann?"
„Bedaure. Das kann ich vorläufig nicht verraten, das ist mein Geschäftsgeheimnis."
„Na, versuchen möchte ich's wirklich mal, nur daß Sie gründlich hineinfallen —“
„Nur keine Sorge, Herr Fuhrmann."


