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mann MMer machte seinen gewöhnlichen Rundgang durch die Krankensäle des St. Anthonys Hospitals, von den Patienten überall mit freudig aufleuchtenden Augen empfangen. Freundlich und teilnehmend hörte er die Klagen sedes einzelnen an, und nienrals wandte er sich von einem Leidenslager ab, ohne zuvor das rechte Wort gefunden zu haben, das die Seele des Kranken mit linderndem Trost und neuer Hoffnung erfüllte.
Ganz zuletzt kam er auf den Gang, an dem die Einzelzimmer der vornehmeren Patienten lagen, und er schien einen Augenblick unschlüssig zu zaudern, ehe er an die erste der Thüren klopfte. Eine wohlklingende, Helle Frauenstimme forderte von drinnen zum Eintritt auf, und im nächsten Momente stand der Arzt vor der jungen Lebensmüden von Mr. Fieldings Truppe.
In einem reizenden und sehr eleganten Morgenanzuge lag Ellen Howard auf bent Ruhebette. Ihr Gesicht war von einer fast durchsichtigen Blässe, und die schönen dunklen Augen leuchteten in wunderbarem Glanze daraus hervor. Um das linke Handgelenk trug sie noch einen leichten Verband; aber sie schien sich nicht mehr als Patientin zu betrachten; denn sobald sie den Eintretenden erkannt hatte, ließ sie die kleinen Füße von der Causeuse herabgleiten und richtete sich auf.
„Guten Tag, Herr Doktor!" sagte sie mit einem liebenswürdigen Lächeln. „Ich fürchtete schon, Sie hätten mich ganz vergessen."
„Ich hatte heute einen heißen Arbeitstag, Miß Howard, sonst wäre ich sicherlich früher gekommen. Darf ich fragen, wie Sie sich befinden?"
„Ausgezeichnet — bis auf diesen lästigen Kopfschmerz, der sich noch immer einstellt, sobald ich länger als eine Viertelstunde zu lesen oder zu schreiben versuche. Glauben Sie, daß ich ihn mein Leben lang behalten werde?"
„Gewiß nicht! Es wäre denn, daß Sie selbst es nicht anders wollen. Sie wissen, daß ich Ihnen das Lesen wie das Schreiben auf das strengste verboten habe."
„Allerdings — und ich bitte demütig um Verzeihung, daß ich das1 Verbot schon wieder übertrat. Aber diese Unthättgkeit ist schrecklich. Und ich sagte Ihnen schon einmal, daß ich noch eine recht ungeübte Anfängerin bin in der schweren Kunst des Gehorchens."
Wieder war das bezaubernde Lächeln auf ihren Lippen. Hermann Müller sah ihr in die Augen, und über dem Entzücken, in das ihre Schönheit ihn versetzte, vergaß er zu antworten, sodaß sie nach einer kleinen Weile fortfuhr:
„Aber ich werde ja nun bald Gelegenheit haben, sie zu erlernen. Denn wenn Sie mir — wie ich hoffe — morgen meine Freiheit wiedergeben, werde ich mich sofort um eine Stellung als Gesellschafterin oder dergleichen bewerben."
Sein Auffahren verriet ihr, mit welcher Bestürzung ihre Worte ihn erfüllt hatten
„Als Gesellschafterin? In Ihrem jetzigen Zustande? Das werde ich niemals zugeben. Haben Sie denn wirklich gar keine Angehörige, bei denen Sie eine Zuflucht suchen könnten?"
Es legte sich wie ein Schatten über das Gesicht der jungen Schauspielerin, und ein trotziger Zug erschien an ihren Mundwinkeln, als sie rasch und entschieden erwiderte:
„Nein. Ich habe keine, oder ich will keine haben. Es giebt kein freieres und kein einsameres Geschöpf auf Erden, als ich es in diesem Augenblick bin."
„Wenn es so ist, weshalb haben Sie denn das Anerbieten meiner Mutter abgelehnt, zunächst in unserem bescheidenen Hause Ihre volle Wiederherstellung abzuwarten? Zweifeln Sie etwa daran, daß es ehrlich und aufrichtig gemeint ist?"
„Keineswegs. Un8 ich werde Ihnen dafür immer zu Dank verpflichtet bleiben. Denn es geschah doch wohl auf Ihre Veranlassung, daß Ihre Frau Mutter die freundliche Einladung an mich ergehen ließ. Es würde mir wehe thun, zu denken, daß Sie mir wegen der Ablehnung zürnten."-
„Nein, ich zürne Ihnen nicht. Aber giebt es denn wirklich gar kein Mittel, Ihren Entschluß zu ändern?"
„Ich denke wohl, daß es dabei sein Bewenden haben muß. Ich kann nun einmal keine Almosen annehmen, die ich picht zu vergelten vermag. Es ist gegen meine Natur."
„Wie mögen Sie von einem Almosen sprechen! Sie würden im Gegenteil vom ersten Tage an Pmendmal mehr zurückgeben, als Sie empfangen."
„Sie scherzen, Herr Doktor! Worin sollte denn diese Rückzahlung bestehen?"
„In Ihrer bloßen Gegenwart, Miß Ellen; denn Sie würden das Licht und der Sonnenschein unseres Hauses! ein. Und da Sie doch, wie Sie sagen, entschlossen sind/ eine Stellung als Gesellschafterin anzunehmen — —"
„O, das wäre etwas ganz anderes^, fiel sie ihm irr die Rede. „Und Sie werden es mir gewiß erlassen, Ihnen! den Unterschied klar zu machen — nicht wahr?"
„Aber dieser Stolz würde Sie Ihre Gesundheit, viel- leicht Ihr Leben kosten. Und ich werde nicht dulden, daß Sie ihm solche Opfer bringen,"
„Sie wollen es mir verbieten? Gehen die Rechte eines! Arztes so weit?"
„Es ist nicht mehr der Arzt, der zu Ihnen spricht/ sondern der Mann, der Sie liebt. Ja, Ellen, lassen Sitz mich offen bekennen, was Ihnen ja doch nicht lange mehr hätte verborgen bleiben können. Mein Herz gehört JhnenI seit dem Augenblick, da ich Sie in meinen Armen zum! Wagen trug. Und wenn Sie mich jetzt zurückweisen, werden! Sie mir einen sehr bitteren Kummer bereiten."
Sie lehnte sich in die Polster des Ruhebettes zurück/ und indem sie die Arme über die Brust verschränkte, richtete sie ihre dunkle Augen über Hermann Müller hinweg aus die kahlen Baumwipfel vor dem Fenster.
„Sie sprechen von einer Zurückweisung — aber Sie denken doch gar nicht im Ernst daran, mich zur Frau zu begehren"
Die Gelassenheit dieser Erwiderung machte ihn fast betroffen.
„Können Sie daran zweiseln, Ellen? Wie hätte ich! Ihnen von meiner Liebe sprechen dürfen, wenn ich nicht entschlossen wäre, Ihnen zugleicb mit meinem Herzen auch meinen Namen und meine Hand zu bieten?"
„Und das ohne mich zu kennen? Ohne irgend etwas über meine Herkunft und meine Vergangenheit zu toiffert?
„Hatte ich nicht in diesen vierzehn Tagen Gelegenheit genug, Sie kennen zu lernen? Und glauben Sie, daß man! erst über die Herkunft und die Vergangenheit eines Mädchens unterrichtet fein muß, um es lieb zu gewinnen?"
„Nein. Aber wir sprachen vom Heiraten. Herr Doktor! Eine hergelaufene Komödiantin, von der sie nichts als! ihren Namen wissen, werden Sie Ihrer Mutter doch wohl kaum. zuführen wollen."
„Willigen Sie ein, meine Gattin zu werden, Ellen/ und meine Mutter wird Sie mit offenen Armen empfangend
„Da Sie es sagen, muß ich's wohl glauben. Aber Sie selbst, Herr Doktor — haben Sie nicht doch vielleicht erwartet, daß ich Ihnen jetzt, nachdem Sie mir einen so schmeichelhaften Antrag gemacht, aus freien Stücken Aus- krmft über mich geben werde?"
„Ich würde allerdings sehr glücklich sein, damit den ersten Beweis Ihres Vertrauens zu erhalten."
„Und wenn ich mich außer stände erkläre. Ihnen diesen Beweis zu liefern?"
„Dann werde ich mich bescheiden, bis Ihnen der rechte! Augenblick gekommen scheint."
„Aber ich könnte Ihnen nicht versprechen, daß er jemals kommen wird. Es ist sogar sehr wenig wahrscheinlich * denn als ich mich aus Verhältnissen befreite, die mir un-t erträglich geworden waren, geschah es mit dem festen Entschlüsse, zugleich alle Brücken hinter mir abzubrechen. Ich will nicht an das Vergangene erinnert sein, und das würde unfehlbar immer aufs neue geschehen, wenn ich es einem! andern preisgäbe." •
„So bewahren Sie es in Gottes Namen als Ihr Geheimnis, ich will geduldig warten, bis Sie es mir freiwillig offenbaren."
„Wie? — Sie wollten mich wirklich nehmen, p tote, ich bin — unbekümmert um alles, was bis zur Stund? unserer ersten Begegnung in meinem Leben vorgeganaen ist? Das ist fürwahr sehr großmütig, aber Sie würden! wahrscheinlich nicht immer in so großmütiger Laune sem/ Eines Tages — gleichviel ob nach Wochen oder nach Zähren — würden Sie mir das Recht bestreiten, als Ihre Frau etnj Geheimnis vor Ihnen zu haben. Und wenn ich dieses Recht dennoch für mich in Anspruch nähme, würdet! Ste stcheE zu dem Schlüsse kommen, daß es notwendig etwas Schlimmes sein müsse, was ich da verberge. Mißtrauen und Verdacht würden sich als finstere Schatten zwischen uns drängen/


