Ausgabe 
2.11.1901
 
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Samstag den 2. November.

1901. Nr. 157.

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Was ich wünschte vor manchem Jahr, Hat das Leben mir nicht beschert; Aber es hat mich dafür gelehrt, Daß mein Wunsch ein thörichter war.

Gcibel.

(Nachdruck verboten.)

Gesprengte Fesseln.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Mit einem einzigen Blick seiner klaren blauen Augen hatte der Gerufene das Bedenkliche der Situation erfaßt, und in fließendem Englisch sagte er mit ziemlich energischem und befehlendem Ausdruck:

Ich muß dringend bitten, imS alle überflüssigen Per­sonen den Raum verlassen. Es ist ollkommen genug, wenn eine der geschicktesten und entschlossensten Damen zu meiner Unterstützung zurückbleibt."

Man gehorchte ihm ohne weiteres, und während er sich über die Bewußtlose herabneigte, schloß nie ältere Schau­spielerin, die als die einzige dageblieben war, auf seinen Wink die Thür.

Es ist doch hoffentlich nicht zu spät", sagte sie.Nicht wahr, Herr Doktor, das arme Kind wird nicht daran sterben?"

Stirnrunzelnd wehrte der junge Arzt durch eine un­zweideutige Kopfbewegung die Antwort auf diese Frage ab. Sein ohnehin ernstes Gesicht hatte einen beinahe düsteren Ausdruck angenommen, und wenn sich auch in seinen schein­bar ruhigen Hantierungen nichts von Aufregung oder Ueber- hastung "kund gab, so "war es doch mtS den Zügen seines Antlitzes zu lesen, daß auch er in tiefster Seele bewegt und erschüttert war.

Nachdem er die verletzte Schlagader unterbunden und die Blutung dadurch wenigstens vorläufig zum Stillstand gebracht hatte, brach er zum ersten Mal das Schweigen, in das er sich so lange gehüllt hatte.

Da Sie mit den persönlichen Verhältnissen dieses be­klagenswerten jungen Mädchens ohne Zweifel näher bekannt sind", wandte er sich an die Schauspielerin,werden Sie mir wohl.sagen können, ob sie hier Angehörige oder Freunde hat, die bei etwaigen weiteren Anordnungen um ihre Meinung gefragt werden müßten."

Nein, Herr Doktor, das glaube ich nicht. Alles, was ich von Miß Howard weiß, ist, daß sie in Saint Louis, wo toir dieDrei Musketiere" zuletzt aufführten, zu dem Im­presario Fielding kam und ihn bat, sie zu engagieren, obwohl sie nach ihrer eigenen Erklärung noch niemals die Bühne betreten hatte. Er sagte uns, daß er durch ihre schönen

Augen bestimmt worden sei, einen Versuch mit ihr zu wagen. Aber die Hauptsache war wohl, daß sie keine Gage ver­langte, sondern vorläniig ohne jede Entschädigung mitwirken wollte . Er gab ihr die -eine Rolle, die sie heute zum ersten Male öffentlich spielen sollte, und sie zeigte auf der,Probe ein so ungewöhnliches Talent, daß die anderen jungen Damen unserer Gesellschaft schon, anfingen, eifersüchtig auf sie zu werden, und daß"

Dies alles hat für mich zunächst kein Interesse", unter­brach der Arzt, der sich fortwährend um die Ohnmächtige beschäftigt hatte, den entfesselten Redestrom der Künstlerin. Rufen Sie mir die leitende Persönlichkeit Ihrer Truppe!"

Gleich darauf erschien Mr. James Fielding in der Thür. Er hatte, wie es schien, eine Menge Fragen in Bereit­schaft. Doktor Hermann Müller aber ließ ihm nicht Zeit, auch nur eine einzige auszusprechen.

Beschaffen Sie unverzüglich einen Wagen!" rief er ihm zu.Die Patientin muß in das Krankenhaus gebracht werden, und zwar ohne jeden Zeitverlust; denn es handelt sich um ihr Leben."

In der Art dieses deutschen Arztes ivar etwas, das jeden Widerspruch auszuschließen schieil, und obwohl es Mr. Fielding für zweckmäßiger gehalten hätte, die unglückliche Debütantin erst dann fortzuschaffen, wenn auch der letzte Zuschauer das Tbeater verlassen haben würde, fügte er sich doch ohne jede Einwendung dem mit solcher Entschiedenheit kundgegebenen Willen des Doktors. Schon nach Verlauf von wenigen Minuten konnte er melden, daß einer der vor dem Theater haltenden Wagen zur Fahrt nach dem Kranken- hause bereit sei. Und er erstaunte nicht wenig, als er sah, wie der Arzt auf diese Mitteilung hin die junge Schau­spielerin in seine Arme nahm und sie gleich einem Kinde vom Stuhl empor hob, um sich daun mit seiner immerhin nicht. leichten Bürde raschen Schrittes dem Ausgange zn- zuweuden . Gewiß war er dabei so vorsichtig als möglich verfahren, aber die unvermeidliche Erschütterung ihres Körpers hatte doch hingereicht, Ellen Howard aus ihrer Ohnmacht zu Wecken.

Mit einem schmerzlichen Seufzer schlug, sie die Augen auf, offenbar ohne zu begreifen, wo sie sich befand und was mit ihr geschah. Aber der Ausdruck angstvollen Schreckens, der für einen Moment auf ihrem totenbleichen Gesichtchen erschienen war, verschwand in demselben Angen- blick, wo ihr Blick auf das Antlitz des Mannes fiel, an dessen Brust sie ruhte. Ohne eine Frage zu thun oder sonst ein Wort zu sprechen, stützte sie ihren unverletzten rechter. Arm den linken hatte Doktor Miiller ihr fest an den Körper gebunden auf feine Schulter, um ihm bie Last zu erleichtern, und mit einem abermaligen Seufzer schloß sie aufs neue die Augen.

Zweites Kapitel.

Seit der ersten Aufführung derDrei Musketiere" waren vierzehn Tage verflossen. Der Oberarzt Doktor Her-