Ausgabe 
2.7.1901
 
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Aber es gießt ein Glück", sagte sie bestimmt,und wer ix- einmal, ob auch nur eine kurze Minute, sein eigen genannt hat, der bleibt reich für alle Zeiten. Wenn ich draußen ganz allein auf der Nixentreppe stehe und mir Wind mtb Wellen ihre alten Sagen zuraunen, da klingt t'v mir manchmal wie eine einzige Stimme, ein einziger lockender Ruf: ,Geltz, suche dein Glück, es harret deiner wie jedes Menschen -'in weiter Ferne vielleicht, aber nicht unerreichbar'. Tann kommt es über mich wie ein trostloser Jammer, daß ich ein Mädchen bin und immer hier bleiben muß. Wie die Königstochter der Sage möchte ich meinen stolzen T-rachen besteigen, die ganze Welt durchschiffen alles sehen, alles lernen!"

Sie schwieg und starrte wie traumverloren vor sich hin. Mir war, als wisse sie gar nicht mehr, daß ich, ein Fremder, diesen ihren geheimsten Gedanken lausche und ich hütete mich, durch eine Antwort den Zauber zu lösen, der mir in dieser kurzen Stunde einen Einblick in ihr eigentlichstes Wesen gegeben hatte, welchen ihre nächsten Umgebungen vielleicht nie gewinnen mochten.

Kein Wind regte sich, nur; das leise Plätschern der Wellen unterbrach die Stille. Tie Sonne trieb aber noch ihr gaukelndes Spiel, ließ ihre Gärten in wechselndem Farben­glanz schimmern und wob eine Strahlenkrone um Gun- Hildas weiße Stirn.

Ta drang ein schriller Pfiff über die lauschenden Wasser dahin. Ein Prusten und Stöhnen, eine schwarze Rauch!- wolke, die sich wie eine riesige Schlange am blauen Himmels­zelt dahinwand . der Dampfer legte unten an der Landungsbrücke an.

Gunhilda fuhr erschrocken zusammen und warf mir einen seltsam fragenden Blick zu. Ihre Lippen bewegten sich leise, als ob sie reden wollte, dann aber richtete sie sich hoch auf, und ohne sich weiter um mich zu kümmern, eilte sie schnell auf die Mole hinaus. Ich folgte ihr langsam und sah den Lenchtturmverwalter mit Paketen beladen das Schiff verlassen.

Ein älterer Herr, der ihm eifrig die Sachen hinreichte, grüßte mich und rief, als das Fahrzeug schon fvrtdampfte: Auf Wiedersehen nach den Manövern! Empfehlen Sie mich der Familie Ström!"

Unser Brigadearzt, Tr. Falsen", sagte mein Wirt, indem er mir die Hand drückte, und gleich wußte ich, wo ich dies scharfe, gelbe Gesicht mit dem kurzen Schnurrbart und den grauen, stechenden Angen gesehen hatte.

Dr. Falsen war ein Freund meines Onkels und hätte ihm noch näher treten sollen, wenn das Gericht recht hatte, welches wissen wollte, er sei dereinst mit Eordelia Raven- skjold, der einzigen Schwester des Gerichts'rats, versprochen gewesen. Nach damaliger Sitte hatten die Eltern die Ver­di.-düng beschlossen, und alles Sträuben der jungen schönen Tochter half nichts: die Verlobung wurde gefeiert, der Hochzeitstag bestimmt. Er kam. Verwandte und Freunde versammelten sich in der geschmückten Kirche. Tie Braut ließ aber auf sich warten, nnd als der Bräutigam ihr entgegeneilen wollte, sagte man ihm, daß Eordelia seit dem frühen Morgen gesucht würde doch- ohne Erfolg. Sie war und blieb verschwunden, und ihr ferneres Ge­schick blieb für immer in Tuntel gehüllt. Im Elternhause wurde ihr Name nie genannt. Auch mein Onkel halle- er­klärt, die Schwester sei fortan für ihn wie eine Tote, und nur der Schwatzhaftigkeit der alten Wirtschafterin verdankte ich es überhaupt, etwas von der ganzen Geschichte erfahren zu haben. Tie Alte wollte aber wissen, ihr schönes Fräulein sei mit dem fremden Marineoffizier entflohen, der so viel int Hause verkehrte und bei den strengen Eltern um ihre Hand geworben hatte. Viel grübelte ich" als Kind über dies Familiengeheimnis nach; dann hatte ich beinahe das ganze vergessen, bis mir der Name Falsen die alte Geschichte wieder ins Gedächtnis zurückrief.

Und der Doktor kommt hierher?" fragte ich, unan­genehm berührt. Vorläufig hatte ich gar nicht die Absicht, von meinem Asyl Bericht zu erstatten.

Erst im August oder September. Er soll jetzt die Rekruten inspizieren, will dann zu seiner Erholung einen Besuch im Pfarrhaus machen. Sie sehen, unsere gute Insel kommt in Aufnahme. Wird am Ende noch eine gesuchte

Sommerfrische. Hoffe, Sie werden den Leuchtturm Ihren Freunden in der Hauptstadt empfehlen, Doktor!"

Er zwinkerte schlau mit den Augen und schritt rüstig voran. Ich behauptete ruhig den Platz an Gunhildas Seite, obgleich ich merkte, daß sie mir lieber ausgewichen wäre. Zeigen mußte ich ihr doch,, daß ich sie verstanden, daß sie endlich in der Wildnis eine wahlverwandte Seele ge­troffen hatte, der sie sich, rückhaltlos anvertrauen konnte. Wie aber den abgerissenen Faden wieder anknüpfen?

Hilfe sollte mir kommen von einer Seite, von der ich sie am wenigsten erwartete. Ter ehemalige Schiffer machte plötzlich Halt, deutete mit dem breiten Daumen nach der Sonne und- meinte:So etwas sehen Sie meiner Treu nicht alle Tage, Sie alter Bücherwurm! Fein, nicht wahr?"

Herrliche, rief ufy, vergeblich nach- Worten suchend, um mein Entzücken zu schildern.Tas wahrhaftige Alfe- land, wie es unser großer Welhaven besingt:

Draußen int Westen bei Helglands Riffen Ruht eine Insel auf goldener Welle, Doch nahen die Dreisten mit ihren Schiffen, So hüllt sich alles in Nebel gar schnelle. Verschwunden ist dann der winkende Strand, Noch- keinem gelang's, zu betreten das Land. Mit Sehnsucht und- im stillen Sinn, Darf denken der Seemann dorthin, dorthin Nach der Elfeninsel, der schönen."

Gunhilda hemmte ihre Schritte. Ihre Augen hingen so gespannt an meinen Lippen, als wolle sie die Worte wegfangen. So fuhr ich fort, und aus dem halbironischen Ton, mit dem ich angefangen, ganz in Ernst übergehend, deklamierte ich- das ganze Gedicht.

Die Geschichte hat der Kerl uns Schiffern ja gestohlen", rief der alteTas ist nichts Neues."

Wer wie er es sagt, ist es neu", sagte das Mädchen leise.

Wenn Sie derartige Lieder lieben, müßten Sie mehr von Welhaven lesen", Hub ich an, sehr befriedigt von dem Eindruck, den ich hervorgebracht hatte.

Ich kenne ihn nicht, ich. kenne gar keine Poesie", erwiderte sie schüchtern, und eine leichte Röte flog über ihr blasses Gesicht.In der kleinen Bibliothek, die mir der gute Doktor hinterlassen hat, finden sich keine Gedicht­bücher und- Sigurd bringt mir immer Reisebeschreibungen mit. Was er selbst gesehen hat, will er mir in dieser Weise näher rücken."

Sie möchten aber gewiß gern unsere neueren Dichter studieren", rief ich so eifrig, als hätte ich! mich mein Lebtag mit der heimischen Dichtung beschäftigt und hielte dies Studium für unerläßlich.Uebrigens gehört Welhaven zu den älteren, von der jungen Generation halb vergessenen Dichtern."

Um so größere Schande, ihn nicht zu .kennen", murmelte sie leise, gesenkten Hauptes weiterschreitend.

Ein schneller Entschluß reifte bei mir.

Fräulein Gunhilda", rief ich-,diesem Mangel, wenn es überhaupt einer ist, wäre leicht abzuhelfen. Auch! ich bin durchaus nicht so bewandert in diesen Sachen, wie es sich gebührte. Was meinen Sie dazu, wenn wir es versuchten, unsere Kenntnisse zu erweitern? Ich- lasse Bücher kommen, wir lernen erst -einheimische, dann fremde Dichter­fürsten kennen. Als treue Kameraden wollen wir einander helfen, zum Fleiß ermuntern, und- uns des Schönen er­freuen. Sind Sie einverstanden?" Ich hielt ihr bittend die Hand hin, ich horchte nach, der Antwort, als hinge für mich Tod- nnd Leben davon ab.

Einen Augenblick zögerte sie, dann schlug sie freudig ein.

Einen Hauslehrer habe ich gewonnen", rief sie über­mütig dem Alten zu.Jetzt beginnt -ein neues Leben im Leuchtturm, Väterchen. Jetzt wird- Gunhilda alles lernen, wonach sie sich all die Jahre gesehnt hat. Haben Sie aber mit mir Geduld", fügte sie plötzlich ernst werdend hinzu, und etwas wie , Angst prägte sich in dem feinen Gesicht aus.Ich bin so dumm, habe so wenig gelernt, und ich weiß. Sie sind- ein gescheiter Mann. Was haben Sie nicht alles studiert!"

Wirst auch fleißig sein und hübsch aufpassen", unter-