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so beginnen wir eben von neuem; denn Klemens Herbolds Werk soll der Welt nicht verloren gehen. Es in seinem veiste zu vollenden, ist das heilige Vermächtnis, das er nir hinterlassen hat."
Der Alte sah mit einem fast zärtlichen Blick zn ihm ms, und schüttelte wortlos seine Hand. Dann verließ Harro d>s Atelier, um noch einen Blick auf die Züge seines Deisters zu werfen, und sich nach dem Befinden Erikas zu ekundigen, ehe er Hanna aufsuchte.
Leise öffnete er die Thür des Sterbezimmers, und btroffen blieb er auf der Schwelle stehen, als er sah, dß Erika neben dem Lager des Toten kniete. Er hätte e nicht gewagt, ihre schmerzvolle Andacht zu unter« bechen; aber sie hatte seinen Eintritt wahrgenommen, ud richtete sich langsam auf. Sie war sehr bleich, und ds Aussehen ihrer Augen verriet, daß sie viel geweint htie; ihre Züge hatten einen Ausdruck starrer Ruhe. Und eie fast unheimliche Ruhe war in der Art, wie sie ihm etgegen ging, und ihm die Hand reichte.
(Fortsetzung folgt.)
Grotzmütterchen und Großmama.
Skizze von G. von Beaulieu.
(Nachdruck verboten.)
Ich sehe es noch vor mir, das Großmütterchen von d: alten Art. . .
Sie hatte sich von der Außenwelt zurückgezogen zu eietn beschaulichen Dasein, das nur Miterleben, nicht mehr eien eg Erleben war. Freud und Leid brandeten an sie h au; doch sie berührten kaum noch die Spitze ihrer kleinen Me, die stets in warmen Hausschuhen, sogenannten Filz- pcksern, steckten. Es waren Elfenfüßchen, aber niemand alte davon etwas in der unförmlichen Hülle.
Man fand Großmütterchen meist in ihrem weichen Lmstuhle, eine mollige Decke auf dem Knie, ein Kissen im Men. Nur mit Mühe entschloß sie sich zu einem kleinen Scziergang in der Nähe des Hauses. Besuche machte sie nit; wer sie sehen wollte, mußte zu ihr kommen. Dort tr er sie stets in der gleichen Weise — die knochigen, lien, alten Hände mit dem Strickstrumpfe beschäftigt, den sckchten weißen Scheitel mit einem Häubchen bedeckt, eine Bile auf der feinen, geraden Nase. Ihre schmalen Lippen läelten kindlich und wohlwollend, und auch ihre Augen hcen den Ausdruck eines Kindes.
Nahe war auch in früherer Zeit das Schroffe und Hte des Lebens nicht an sie herangetreten; Großvater w der Eisbrecher gewesen, der sie vor Winterstürmen bhützt hatte. Als er starb, war sie fast hilflos zurück- gäeben, bis ihr Schwiegersohn sich ihrer annahm.
Er besorgte für sie das, was Großmütterchen mit einer gissen Ehrfurcht und doch zugleich Verachtung das Ge- scftliche nannte. Das Geschäftliche waren Geldsachen, das Men der Wohnung, der Verkehr mit dem Wirt und vor am die Steuern. Diese haßte. Großmütterchen von Herzen, u sie sah nie ein, wozu sie da wären. Sie scheute die Wfe mit dem Doppeladler, mit denen die Aufforderung zi Steuererklärung einging und öffnete diese nie, sondern h- sie für ihren Schwiegersohn auf.
Großmütterchen wußte auch nie genau, was die Dinge toten. Sie konnte sich nicht merken, wie viel man für ei Droschkenfahrt bezahle, wohin die Pferdebahnlinien gien und welche davon man nehmen müsse. Und nun gc die Eisenbahnzüge! Sie lächelte mitleidig, wenn send erwartete, s i e könne an geb en, auf welchem Bahn- h'iman abfahre und wann ein Zug abgehe.
Früher brauchten Frauen so etwas nicht zu wissen, das A-buch war Männersache.
„Mein Mann wußte stets alles", Pflegte Großmütterchen zuagen.
Eins aber gab es, was sie genau kannte: die Preise vLebensmitteln, besonders von Konfekt. Da sah sie ihrer Km und ihrem Fräulein — der Gesellschafterin — scharf achte Finger. Wehe ihnen, wenn sie einen Apfel oder eii Bonbon zu wenig bekamen. Diese kleinen Vorkomm- ni brachten Großmüterchen mehr in Harnisch als große Wegebenheiten.
Loch sie beschäftigte sich nicht nur mit Wirtschafts
fragen, sondern las gewissenhaft die Zeitung und sah, wer gestorben und geboren war. Sonst wisse man ja nichts von „Tuten und Blasen", meinte sie. Wenn sie die Zeitung nicht lese, sei es ihr, als habe sie sich nicht gewaschen, das gehöre mit zur Tagestoilette. Auch machte ihr das Vermischte und Lokale Spaß; die Unglücksfälle verursachten ihr ein angenehmes Gruseln, in das sich heimlich die Freude mischte: „Gut, daß Tu es nicht warst."
Vor Sozialisten und Anarchisten hatte Großmütterchen eine gewaltige Angst. Sie konnte sich diese Menschen nie anders als mit wildem, struppigem Haar, ungewaschen, den Revolver in der schwieligen Faust, die Bombe in der zerrissenen Tasche, vorstellen. Von Angesicht hatte sie in ihrem langen Leben nie einen gesehen.
Man wähne aber nicht, daß Großmütterchen ungütig oder beschränkt gewesen sei. Gegen jeden einzelnen! Menschen war sie das Wohlwollen selbst. Jeder Bettler wurde an ihrer Thür gespeist, sodaß einige davon sich bei ihr schon als Pensionäre fühlten.
Es fehlte Großmütterchen nicht an Lebensweisheit, die sich hauptsächlich im Erkennen und Lösen verwickelter Familienangelegenheiten äußerte. Zwei Feinde zu versöhnen, zwei Suchende zusammen zu führen, die Kinder durch einen leisen Wink auf das Richtige zu leiten, die Enkel milde zu beeinflussen, das verstand Großmütterchen vortrefflich.
Wie viele Romane spannen sich bei ihrem hohen Lehnstuhle an, und ach! wie viele endeten dort. Wie verstand sie, zu trösten, mit linden Worten zu heilen. Jeder vertraute ihr seine Geheimnisse an; sie war der Beichtvater der ganzen Familie, man empfand es schon als Wohlthat, vor ihr seinem Herzen Luft zu machen, und dann ihr sanftes: „Min oll leiw Kindting" zu hören.
Großmütterchen lebte in Berlin, war aber eine Mecklenburgerin, und sprach, wenn sie erregt war, noch plattdeutsch. Wenn man ihr etwas bekannt hatte, erschien es plötzlich leichter. Sie fand es gar nicht so entsetzlich, sie entdeckte meist einen Weg, wie es zu ordnen, „in Rick und Schick zu bringen sei.
Und nun Großmama, die flotte, junge Großmama von heute.
Sie wird nicht weniger geliebt als Großmütterchen, aber sie ist nicht mehr das behütete Altchen, keine Spur. Mit dem Lehnstuhl macht sie höchstens nach einem guten Mittagessen, zu einer Siesta, Bekanntschaft. Doch nein, sie zieht die Chaiselongue zur Ruhe vor.
Meist ist sie gar nicht zu Hause, überhaupt nicht in Berlin, wo sie bodj. ihren Wohnsitz hat.
Sie hält in der Woche einen Empfangstag ab, damit die Leute sie — tote sie in richtiger Selbsterkenntnis sagt — doch mal zu Hause treffen. Sonst steht Abend für Abend im Hausflur eine Lampe, damit Großmama, wenn sie von Ge- sellschaften oder vom Theater heimkehrt, nicht die Treppe im Dunkeln zu ersteigen braucht; denn sie kommt immer nach zehn Uhr heim, wo das Gas im Haufe schon aus- gelöscht ist.
Großmama hält sich auch kein Fräulein, keine Gesellschafterin. Es ist ihr zu langweilig, einen Schatten um sich zu haben; sie hat statt dessen zwei Dienstmädchen, die sie schalten und walten läßt, um im Vergnügen oder in der Vereinsthätigkeit nicht behindert zu sein.
Großmama ist eigentlich mehr wie ein Mann, wie ein flotter Junggeselle in den besten Jahren, beileibe nicht alt.
Seht sie einmal an! Keine Spur von Haube, von Sich- gehenlassen in der Kleidung; ihr Haar ist zwar ein wenig grau, aber gerade nur soviel, um pikant zu ihrer frischen Hautfarbe auszusehen. Es ist sorgfältig und modern frisiert, das Kleid zwar anscbeinenb einfach, aber überaus kleidsam, von kostbarem Stoffe und vom ersten Schneider gearbeitet.
So kommt es, daß sie, im Halbdunkel des Empfangs- salons, häufig für ihre eigene Tochter gehalten wird. Ja, dies Verkanntwerden ist ein stehender Spaß für sie.
Großmama ist eine Dame von Welt, sehr vornehm und klug. Ein wenig kühl; denn sie weiß, daß diese Temperatur gut. erhält, und ein erhitzter Teint ihr nicht steht; Aufregung macht kupfrig, und das haßt sie.
Dennoch radelt Großmama) trotzdem es erhitzt; aber


