310
hätte — nein, so meine ich es nicht. Aber sie fand es nicht recht, daß der Professor Sie an seinem großen Werk hatte Mitarbeiten lassen. Sie stellte ihm vor, daß kein anderer einen Anteil haben durfte an seinem Rnhm. Und sie meinte ---"
„Genug, Kruschke, genug! Und darauf hat der Meister die ganze Gruppe zertrümmert?"
„Es war hier drinnen eine kleine Weile ganz still gewesen. Dann hörte ich den Professor fragen, ob sie seine Muse sein wolle, wenn er das Werk noch einmal von vorne anfinge. Er fragte sie auch wohl noch etwas anderes; aber das war so leise, daß ich es nicht verstehen konnte. Aber daß sie ja sagte, habe ich ganz dentlich verstanden. Und dann — nun, dann hörte ich eben einen Schlag und ein Klingen, als ob eine Gipsform in Stücken ginge. Ich lies herzu, so schnell ich konnte, und wollte ihm in den Arm fallen, als er den vierten oder fünften Schlag führte — mit dem großen Hammer, Sberr Harro, der selbst für einen starken, gesunden Mann fast zu schwer ist — aber da stöhnte er mit einemmale ans, und taumelte zurück. Hätte ich ihn nicht ausgefangen, wäre er zu Boden gestürzt. Die Person aber — entschuldigen Sie, das Fräulein Sylvander — stand in ihrem schönen Kostüm da, mit einem so ruhigen Gesicht, als ob das Ganze sie garnichts anginge. Und erst als ich ihr in meiner Herzensangst zuschrie: So helfen Sie mir doch — sehen Sie denn nicht, daß Sie ihn umgebracht haben--"
„Wie, Kruschke — das haben Sie ihr zu sagen gewagt?"
„O, ich hätte wohl noch ganz anderes gewagt in b e m Augenblick, wenn ich nicht gedacht hätte, daß der Professor doch vielleicht noch Bewußtsein genug haben könnte, es zu hören. Sie erwiderte kein Wort, aber sie kam, und war mir behilflich, ihn in den Lehnstuhl zu betten. Auch von der Medizin flößte sie ihm ein paar Tropfen ein, die Fräulein Erika immer zu diesen verdammten Sitzungen mitbrachte. Und dann sagte sie, ich sollte hinüber gehen, die Tochter des Herrn Professors zu rufen."
Harro hatte seine ganze Willenskraft aufbieten müssen, nm dem Manne nichst zu verraten, was bei seiner Erzählung in ihm vorging. Tie Uebereinstimmung dieser von einem so tiefen Groll durchzitterten Darstellung mit den halben Andeutungen des Sterbenden gab ja den Vorgängen des gestrigen Tages für ihn ein ganz anbereS' Aussehen, als sie bis dahin in seiner Phantasie gehabt hatten. Nun konnte er in der That nicht länger mehr daran zweifeln, daß Hanna einen entscheidenden Anteil an der Herbeiführung der verhängnisvollen Katastrophe gehabt, und er sah sich vor etwas Unfaßbarem und Unbegreiflichem, das ihn mit Schrecken und Entsetzen erfüllte.
War er noch vor einer Viertelstunde entschlossen gewesen, die — wie er meinte — von einem krankhaften Wahn geborenen Anklagen des Professors für immer als ein unverbrüchliches Geheimnis in seiner Brust zu verschließen, so erschien es ihm jetzt geradezu als eine heilige Pflicht, Aufklärung und Rechenschaft über die gestrigen Ereignisse von ihr zu fordern. Und heute noch, nein, gleich jetzt auf der Stelle mußte er es thuu.
„Ich kann Ihnen auf Ihre seltsame Geschichte jetzt nichts erwidern, Kruschke," sagte er, „obwohl ich sicher bin, daß Sie fast allem, was Sie gehört haben, eine falsche Deutung geben. Aber Sie müssen mir mit Wort und Handschlag geloben, daß Sie zu niemandem sonst davon sprechen werden. Nicht bloß um unseres geliebten Toten, sondern auch um Fräulein Erikas willen. Es soll kein Schatten auf das reine und herrliche Bild fallen, das sie von ihrem Vater in her Erinnerung bewahrt. So ist es doch auch Jhre Meinung — nicht wahr?"
Die harte, ausgearbeitete Hand des alten Mannes lag schon in der f einig en.
„So wahr mir Gott helfe, Herr Harro — ich werde zu keinem Menschen davon reden."
„Gut, Kruschke! — Haben Sie die zerschlagenen Stucke aufgehoben?" •
. „Alles bis aus den letzten Brocken. Wer es laßt sich nicht wieder zusammensetzen; es ist garnicht daran zu denken." ,,
„Nun, wir wollen sehen. Und wenn es nrcht gehn
behalten können, wenn nicht diese — aber nichts für ungut, Herr Harro — sie ist ja wohl Ihre Freundin?"
„Von wem sprechen Sie, Kruschke? Doch nicht von Fräulein Sylvander?"
Er hatte es in einem strengen Tone gefragt, in einem Tone, der jeder unehrerbietigen Aeußerung über Hanna vorbeugen sollte. Doch hatte er wohl nicht das rechte Mittel gewählt, diesen Zweck zu erreichen. Der strafende Verweis im Klang seiner Stimme schien vielmehr den mühsam niedergehaltenen Groll in der Brust des alten Mannes zur hellen Flamme angefacht zu haben. Ingrimmig fuhr er auf:
„Von wem sonst, als von ihr! Ist es etwa ein Verbrechen von ihr zu reden?"
„Ich muß mir jedenfalls ausbitten, Kruschke, daß Sie den Namen der jungen Dame nicht anders als mit der schuldigen .Hochachtung nennen."
Der Alte lachte kurz auf.
„Hochachtung? Wüßte nicht, was ich ihr davon schuldig wäre! Und wenn Sie gestern hier gewesen wären, als das da geschah —" er machte eine Handbewegung nach der zerschlagenen Gruppe hin — „so würden Sie wahrscheinlich auch nichts derartiges von mir verlangen."
Harro dachte an die Anspielungen des sterbenden Meisters, die er für krankhafte Ausgeburten seiner schon von den Schatten des Todes verdunkelten Phantasie gehalten, und ein furchtbarer Argwohn regte sich in seinem
„Ter Professor hat den Abguß zerschlagen", sagte er unsicher, „weil er ihm mißfiel, und weil die Gruppe neu geschaffen werden sollte. Fräulein Sylvander hat damit nichts zu thuu."
„So? Meinen Sie wirklich, daß Sie nichts damit zn thun hatte? — Nun, ich weiß es zufällig besser. Sie mochte ja glauben, daß sie mit dem Professor allein wäre, und daß niemand etwas von ihrer Unterhaltung hörte. Aber ich war zurückgekommen, und faß drüben im Vorraum. Jedes «Wort Habe ich verstanden, das sie mit einander gesprochen."
’ „Und Sie wollen behaupten, daß Fräulein Sylvander den Meister angestiftet hätte, das Werk zu zerstören?"
„Nicht so gerade heraus, und mit deutlichen Worten. Aber ein nichtswürdiges, schändliches Spiel hat sie mit ihm getrieben — das sage ich ihr, wenn es sein muß, ins Gesicht. Um den Verstand gebracht hat sie ihn, mit ihrem Schmeicheln, und Girren, und Lachen, daß er zuguterletzt alles vergaß, feine Krankheit, und seine grauen Haare, und daß er eine Tochter von zwanzig Jahren hatte. Ah, wie es mir in den Fäusten gejuckt hat, als ich dasaß, und das alles anhören mußte."
„Sie haben geträumt, Kruschke, oder Sie haben einem harmlosen Scherz diese unsinnige Deutung gegeben. Niemand wird Ihnen Glauben schenken, dem Sie das erzählen."
„Es ist mir gleichgiltig, ob man mir Glauben schenkt. Aber was ich gehört habe, das habe ich gehört. Und es war kein Scherz, sondern bitter ernsthaft gemeint — wenigstens bei nnserm armen Professor. Ich habe ja nicht alles behalten, was sie ihm sagte. Und ich kann es noch weniger mit so schönen Worten wiedergeben, wie sie gebrauchte. Aber einiges davon iü mir doch im Gedächtnis geblieben. Und Sie würden wenig Freude daran haben, wenn ich's Ihnen wiederholte."
„Gleichviel — ich wünsche, daß Sie es thnn. Wäre es auch nur, damit ich Sie von der Thorheit Ihrer Anklagen überzeugen kann."
„Nun gut, wenn Sie es so wollen. Sie sagte ihm, daß sein Leiden gar nicht gefährlich! sei — daß er sicherlich wieder ganz gesund werden würde, und daß er ja eigentlich noch ein junger Mann sei. Er müßte aus seiner Zurückgezogenheit heraustreten, sagte sie, müßte das Leben genießen. Und dabei machte sie allerlei Andeutungen, daß er sicb ja noch einmal verheiraten könnte."
„Und weiter?" drängte Harro mit heiser klingender Stimme. „War das alles?"
„O nein! Dann sing sie an, ihn gegen Sie auf» znhetzeu."
„Gegen mich? Sie waren nicht bei Sinnen, Kruschke, als Sie das zu hören glaubten."
„Nicht, daß sie etwas Schlechtes von Ihnen gesagt


