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Meines Lehrers Geheimnis.
Erzählung von P. G n j e d i t s ch-
(Nachdruck verboten.)
Julij Fedorowitsch hatte ein Geheimnis — das unterlag keinem Zweifel. Wir waren fünf Geschwister, und alle wußten sehr genau, daß Julij Fedorowitsch ein geheimnisvoller Mann sei. Er trug zwar keinen Mantel mit Degen, was nach unseren damaligen Begriffen jeder Mensch, der mit den dunkeln Mächten in Verbinoung steht, thun muß, allein er hatte ein entschieden geheimnisvolles Antlitz. Er war unser Erzieher, der allerliebste und gütigste Erzieher, und wir liebten ihn unendlich. Er war ein sehr lustiger Deutscher. Trotz seines Alters — er zählte damals sechzig Jahre — pflegte er mit uns „Blinde Kuh" und Versteck zu spielen, und mit uns im Garten herumzurennen, kurz: er war unser allgemeiner Liebling.
Aber sowie der Donnerstag heranrückte, ward er feierlich ernst. Er wechselte die Wäsche, kämmte sein bischen Haar, nahm seinen Stock und verschwand bis zur Mittagszeit. Diese Zeit hatte er sich ausbedungen, und kein Wetter, kein Regen, kein Frost konnten ihn zurückhalten. Er pflegte in der heitersten Stimmung zurückzukommen, nur ein wenig röter als gewöhnlich. Er sing dann allerhand Späße an, richtete die Katze ab, und veranstaltete Aufzüge bei bengalischer Beleuchtung.
Wohin verschwand er denn immer? Unsere alte Amme sagte, er „besuche seine Deutschen". Warum aber blieb er nur so kurze Zeit aus, und vor allem, warum an einem Wochentag, und warum vormittags? Welche Deutsche werden denn an Wochentagen und vormittags Besuche machen? Und warum ist er so gut gelaunt, wenn er zurückkommt? Meine Schwester Katja meinte, daß man ihm wohl irgendwo mit Eierkuchen aufwarte, die er so sehr liebt; deshalb sei er so gut gelaunt.
Manchmal fragten wir unsere Mama, wohin er gehe. Sie aber interessierte diese Frage sehr wenig, und sie pflegte stets zu erwidern:
„Was kümmert es uns? Er ist ein freier Mensch. Er geht hin, wohin er will." Solche Erklärung aber befriedigte uns nicht. . .
Eines Tages teilte uns unser ältester Bruder Nikolaj mit, daß er alles erfahren habe — das Geheimnis war entschleiert. Wir umringten ihn in einem entfernten Winkel des Empfangszimmers, vor Furcht zitternd, und die Aufklärung der Sache erwartend- die uns so lange in Aufregung hielt.
„Julij Fedorowitsch", sprach Nikolaj feierlich- „besitzt einen Keller mit Geld, dahin begiebt er sich jeden Donnerstag, um das Geld zu vergraben."
Wir erstarrten ob dieser Entdeckung.
„Wer hat es Dir gesagt? Woher weißt Du es?" „Hört! Heute habe ich ihm aufgelauert — er nahm zehn Rubel mit und eine Schaufel."
„Eine Schaufel? Welche Schaufel?"
„Unsere Kinderschaufel unter der Stiege. Er nahm sie sehr behutsam, damit niemand es sehe, und ebenso behutsam stellte er sie wieder zurück. Ich sah, wie er sie unter dem Mantel versteckt trug. In der Frühe war die Schaufel ganz rein, und glänzend — und jetzt — da schauet her!"
Er führte uns zur Stiege, und zeigte uns die Schaufel — sie trug die Spuren frischer, weicher, schwarzer Erde.
„Also sammelt er einen Schatz!" riesen wir perwundert aus.
„Einen Schatz! Nach seiner Rückkunft habe ich! eigens sein Geldtäschchen durchsucht — und es war ein Rubel und zwanzig Kopeken darin. Und er hat doch nichts gekauft,, nichts mitgebracht. Einen Rubel und zwanzig Kopeken ließ er sich, um Tabak zu kaufen ,— das übrige hat er vergraben."
Nun bestand unter uns kein Zweifel mehr.
Bald aber mußten wir unsere geistreiche Vermutung fallen lassen. Trotz der schärfsten Beobachtung nämlich konnten wir nicht bemerken, daß er jemals die Schaufel mitnahm. Wahrscheinlich war es nur ein einziges Mal geschehen. Unsere Schwester Katja behauptete freilich!, er grabe den Boden einsach mit den Händen auf, aber diese Bemerkung erklärten wir für unstichhaltig, da wir ja
iie Reinlichkeit unseres Lehrers, und besonders seine ganz sauber gehaltenen Nägel kannten.
Später aber weckte er doch einmal unseren Verdacht hinsichtlich des Grabens wieder auf: wir bemerkten auf seinen lichten Hosen einen großen Erdfleck. Als er diesen ebenfalls wahrnahm, geriet er in Verlegenheit, und ging augenblicklich weg, andere Beinkleider anzuziehen. Woher kommt nun dieser Fleck? Das ist kein Straßenkot, sondern echte Erde, solche, wie sie an Blumenbeeten zu sehen ist.
Die ungewöhnlich heitere Stimmung, die Julij Fedorowitsch sonst an Donnerstagen zeigte, blieb mit einem Male aus: als er diesmal heimkam, trat er mit hastigen, unsicheren Schritten in's Zimmer, und war ganz in sich gekehrt. Erst später, nachdem er ein wenig in seinem Zimmer verweilt, kam er wohlgelaunt wie sonst herein.
Einmal, als er zur bestimmten Stunde zurückkehrte, und eilends das Vorzimmer durchschritt, schwankte er plötzlich, aber so heftig, daß er sich an die Thürpfosten an- klammern mußte; hätte er eben nicht noch Zeit gehabt, sich an diesen festzuhalten, so wäre er sicherlich, zu Boden gestürzt. Nachdem er mit verhülltem Gesicht eine Weile geruht hatte, ging er — noch immer schwankend — in sein Zimmer.
„Ja, ja, er ist der Trunksucht ergeben", rief Nikolaj freudig aus, „seine Füße schwanken vom Branntwein. Hier wagt er nicht zu trinken, und deshalb besucht er die Gasthäuser. Dafür giebt er sein Geld aus-"
„Und die Erdflecken auf seinen Hosen?" fragte ich.
„Die kommen davon, weil er betrunken auf der Gasse liegt, bis der Wachmann ihn zum Aufstehcn zwingt."
Nikolaj fühlte selber, daß er übertrieben hatte. Niemand wollte glauben, daß Julij Fedorowitsch der Trunksucht ergeben sei.
„Aber er ist doch an Donnerstagen ganz rot!" beharrte Nikolaj."
„Vielleicht geht er ins Bad?" sagte Katja.
„Mit einer Schaufel?" erwiderte ich höhnisch
Katja war vernichtet.
Eines Tages rannte Nikolaj, nachdem Julij Fedorowitsch ausgegangen war. Plötzlich ins Kinderzimmer herein mit dem Ruf:
„Folget mir, rasch!"
In einem §aufen stürzten wir ihm nach.
Im Zimmer des Lehrers stand auf der Kommode ein Gegenstand, den wir früher nie zu Gesicht bekommen hatten. Das war ein Plüschrahmen und darin das mit Bleistift gezeichnete Porträt eines Mädchens mit wellenförmigen Locken. Auf der Seite stand der Name „Emma".
„Da seht, wohin er geht!" rief Nikolaj freudig, ...er geht zu Emma. Sie ist seine Braut-"
„Und er ist in sie verliebt, deshalb ist er so rot", bestätigte Katja.
„Und wozu dann die Schaufel?" fragte ich bedenklich!.
„Du Einfaltspinsel!" fiel Nikolaj ein, „das war ein Zufall, nichts weiter."
Nikolaj pflegte schon weise zu reden: denn mit dem Frühjahr hatte er Geometrie zu treiben angefangen.
„Nein, nein", entschieden wir zuletzt, „Julij Fedorowitsch wird sie heiraten, und es toird eine glänzende Partie sein." —
Am Abend desselben Tages, als Julij Fedorowitsch ein großes Kartenhaus machte, und seine gewöhnlichen Späße mit uns trieb, sagte Nikolaj plötzlich:
„Emma, das ist doch ein hübscher Name, nicht wahr, Julij Fedorowitsch?"
Julij Fedorowitsch ließ das Haus aus den Händen fallen.
„Emma?" wiederholte er, „Emma?"
Er stand auf, schüttelte die Kartonschnitzel vom Schoße ab, und begann im Zimmer aus und ab zu gehen.
„Siehst Du, wie stark er verliebt ist?" flüsterte uns Nikolaj erfreut zu, die nervösen Bewegungen unseres Lehrers mit entzückten Blicken verfolgend.
„Nun, wir werden ihm zur Hochzeit schon etwas schenken." —
Warum ist aber Julij Fedorowitsch so wehmütig, so oft er zu seiner Braut geht? Warum empfängt sie ihn nur an Donnerstagen?' Warum erzählte er an den Donnerstagabenden so lustige Anekdoten? Und warum sind seine Beinkleider an den Knieen mit Erde befleckt?
Ich war entschlossen, es um jeden Preis zu erfahren.


