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Man hatte mir bereits erlaubt, allein auf die Gasse zu gehen, und ich beschloß, dem Lehrer unMuspüren.
Am nächsten Donnerstag zog er wie gewöhnlich, frische Wäsche an, kämmte sich das §ciar und verließ das Haus. Ich folgte ihm leichten Schrittes, indem ich ihn ein großes Stück Weges vorausgehen ließ, damit er urich nicht bemerke. Diese Vorsicht war aber ganz überflüssig. Er ging mit gesenktem Haupte, niemanden anschauend, niemanden be- merkeud, ganz in sich gekehrt.
Wir gingen rasch und lauge, wir waren schon außerhalb der Stadt — die Häuser wurden seltener — und nun -ist sie bereits hinter uns. Wir aber gingen noch immer weiter, und Julis Fedorowitsch beschleunigte seine Schritte immer mehr und mehr.
Er bog in das Thor des Friedhofes ein.
An Prunkhaften Grabgewölben vorbei, ohne je seitwärts zir blicken, schritt er auf dem längst bekannten Wege immer vorwärts. Kreuze wechselten mit den Grabtempeln, Steinplatten mit den Kreuzen. Hölzerne Gitter, und weiße Kreuze wurden sichtbar. Da ist ein Grabhügel ganz mit Blumen überdeckt. ' Kränze von Immortellen hingen auf dem darüber ragenden Kreuz, und eine gvoße Birke beschattete ihn zeltförmig mit ihren dichtbelaubten Zweigen.
Julij Fedorowitsch trat hinter das Gitter, nahm seinen Hut ab, und kniete nieder.
Aber er betete nicht, und weinte auch nicht. Dre Falten seines Mantels lagen regungslos. Seine Augen blieben auf eine Stelle gerichtet. Mich sah er nicht, obschon ich fast neben ihn: stand. Ringsherum war niemand zu erblicken. Die Bäume rauschten, und die Vögel zwitscherten in der Luft.
Endlich erhob er den Kopf, und fragte verwundert, sich rasch erhebend:
„Was machen Sie denn hier?"
Ich konnte nicht antworten, Thränen erstickten mir die Stimme.
„Julij Fedorowitsch" — stammelte ich zuletzt — „glauben Sie nicht —■ glauben Sie nicht, daß ich! . - ."
Er blickte mir fest in die Augen.
„Sie sind ein guter Knabe", sagte er, seine Hand auf meine. Schulter legend. „Sie sind ein guter Knabe. Warum sind Sie hierhergekommen?"
„Ich bin Ihnen gefolgt."
„Wozu?"
„Ich wollte wissen, wohin Sie gehen?"
„Wozu wollten Sie das wissen?"
„Ich wollte den Grund erfahren, warum Sie an Donnerstagen so heiter sind."
„Warum ich so heitdr sei? Nun, so schauen Sre her! Hier unter dem Kreuze ruht meine Gattin Emma, die mir vor acht Jahren starb. Ich liebte sie mehr als alles auf der Welt, und deshalb wurde sie mir entrissen. , Seit acht Jahren, seit dem Tage ihres Todes, komme ich an jedem Donnerstag hierher; denn sie starb an einem Donnerstag. Und mein Herz krampft zusammen, wenn rch zurückdenke, und mir dieses wundervolle Weib Porstelle. Ich weine hier bei diesen Blumen, die ich eigenhändig pflanzte, und dann gehe ich nach Hause, und bemühe mich, recht heiter zu sein. Sie, lieber Knabe, Sie werden mich fragen, warum ich denn gerade an diesem Tage lustig sei? Deshalb bin ich lustig, weil niemand sich um meinen Kummer kümmert."
„Wir lieben Sie so sehr", versuchte ich zu trösten.
„O ja, Ihre Familie ist sehr liebenswürdig, und rch schäüe und achte Ihre Eltern, aber sagen Sie gütigst, was kann es Sie interessieren, daß ich eine Gattin hatte, dre schöne Emma, daß ich sie anbetete, daß sie starb und hrer beerdigt liegt, und daß diese Blumen wachsen und so wohl- thuend riechen? Was könnte mir's frommen, wollte rch Ihnen alles das erzählen, was mir so teuer und Ihnen so gleichgiltig ist? Nein, ich werde lieber heiter und lustig sein."
Er schlug die Augen zum Himmel empor.
„Emma weiß", sagte er, „daß ich ihr Andenken herlrg halte, daß ich nie jemandem erlaube, dieses anzutasten. Emma sieht alles. Sie glauben, sie sei tot? Nein,, ich sehe sie, auf diesem blauen, strahlenden Himmel. Sie zreht dort droben in Gestalt einer lichten Wolke. Das ist sie- Ich werß es gewiß. Wozu soll ich jemand mitteilen, daß ich an
Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brü
Donnerstagen hierher gehe, um urich mit ihr auszusprechen? Man würde sagen, ich sei verrückt, und nran würde mich fortjagen, und ich bin doch arm und habe keine Mittel zum Leben."
Er blickte auf seinen Hut uird setzte rhn auf.
„Drei Jahre bin ich nun in Ihrem Hause, und drese drei Jahre hat niemand gewußt, daß ich allwöchentlich hier weine. Und mir war froh zu Mute, daß niemand von meinem Kummer weiß, daß nur ich allein ihn kenne. Jetzt haben Sie davon Kerrntnis, und das ist mir unangenehm. Ich liebe Euch, aber dennoch ist es mir unangenehm, daß Sie wissen, wohin und wozu ich jeden Donnerstag gehe. Ich will nicht mehr in Ihrem Hause bleiben..."
Und in der That verließ er unser Haus schon am nächsten Tage. Es war ihm peinlich, sein Geheimnis preisgegeben zu sehen.
Brandmalerei.
Bisher herrschte beim Brennverfahren der sehr empfindliche Uebelstand, daß dem Arbeitenden der Rauch direkt in Nase und Atlgen stieg und so ein , unangenehmes Gefühl verrrr- j sachte, bei anhaltender Arbeit ‘ sogar die Augen thränen ließ.
Diesen Uebelstand zu heben, war einer praktischen kleinen Erfindung Vorbehalten, die mit Leichtigkeit an jedem Brenn- apparat anzubringen ist.
Nebenstehende Abbildung läßt unschwer erkennen, wie der Nauchvertreiber eingeschaltet wird unb auf welche Weise er dem Arbeitenden den lästigen Rauch fernhält, der gar manchem die Brandarbeit bisher verleidet hat. , „ , „r.
Der Rauchvertreiberist zum Preise von 1 Mark erhältlich und zwar in Gießen bei der durch reiche Auswahl tn Kolzbrandaeqenständen bestbekannten Firma Heinrich Noll, Mäusburg 7. ______
Schachaufgabe.
Von Dr. E. Palkoska in Pardubitz. (Nachdruck verboten.)
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Weiß. (0 +
Matt in drei Zügen.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflöstmg des Abstrichrätsels in vor, Nr.: Furcht sieht überall Gespenster.
IW wohlfeiles Schachspiel "W. für 30 Pfennige
zu haben in der Geschäftsstelle der Gießener Familienblätter. hl'scheu UniversitätZ-Buch- und Steiudruckerci (Pietsch Erben) in Gießen.


