Ausgabe 
1.12.1901
 
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Stiefeln, die den Klang ihres Trittes fast unhörbar machten, die Stiege hinab.

Mit der Gewißheit, von niemand gesehen worden zu sein, gewann sie die Straße; aber erst, nachdem sie, ohne auf die Richtung ihres Weges zu achten, ein halbes Dutzend mal seitwärts in Nebengassen eingebogen war, fühlte sie sich sicher genug, um die Hast ihrer Schritte zu mäßigen. Sie wußte gar nicht mehr, wo sie sich eigent­lich befand, und die Dunkelheit auf deu fast schon menschen­leeren Straßen machte es ihr unmöglich, sich zu orientieren. Da ihr nichts Besseres einfiel, gedachte sie für diese Nacht ein Unterkornmen in dem Pensionat zu suchen, wo sie so lange gewohnt hatte, wenn sie sich auch nur sehr ungern dazu entschloß, weil sie mit Grauen an die Neugier, und die indiskreten Fragen der Inhaberin dachte. In ein Hotel aber, wo man sie nicht kannte, konnte sie sich unmöglich begeben; denn man würde eineni jungen Mädchen, das in solchem Aufzuge kam, unbedingt die Auf­nahme verweigert haben, wenn man sie nicht vielleicht gar der Polizei übergeben hätte. So hielt sie sehnsüchtig Um» schau nach einer Droschke, in der sie sich vor den miß- trauischen oder unverschämten Blicken der wenigen Passan­ten, von denen schon mehr als einer bei ihrem eiligen Borüberstreifen stehen geblieben war, hätte verbergen können. Aber es schien, daß sich in dieser Gegend nirgends ein Standpunkt für öffentliche Fuhrwerke befand, und Felicia wagte nicht, sich bei einem Manne nach der Richtung des Weges zu erkundigen, den sie hätte einschlagen müssen, um nach dem Pensionat zu gelangen.

Da wurde sie, als sie abermals um eine Straßenecke bog, endlich eines weiblichen Wesens ansichtig, einer an­scheinend noch jugendlichen Person, die einen kleinen, schmächtigen, und fortwährend hustenden Mann am Arme führte. Sie gingen in derselben Richtung vor ihr her, aber bei der Langsamkeit ihres Vorwärtskommens wurde es Felicia nicht schwer, sie zu erreichen. Jetzt hatte sie sie überholt, und wandte sich um, im Begriff, die be­absichtigte Frage an das schlanke junge Mädchen zu richten.

Aber ihre schon geöffneten Lippen preßten sich sofort wieder fest zusammen, und sie drehte blitzschnell den Kops, um der anderen den Anblick ihres Gesichts zu entziehen; denn in diesem Moment hatte sie das ungleiche Paar als den Rendastten Lindemann und seine Tochter erkannt. Eine tückische Fügung des Zufalls hatte ihr gerade in dem Augenblick, da das auf schwankendem Grunde errichtete stolze Gebäude ihres Glückes kläglich zusammenbrach, die einst so gehaßte Nebenbuhlerin in den Weg geführt, und es schien ihr fast gewiß, daß Margarethe sie erkannt haben mußte. Eine schwache Möglichkeit aber, daß es nicht der Fall gewesen sei, war doch immer noch vorhanden, um­somehr, als der alte Mann gerade jetzt von einem furcht­baren Hustenanfall heimgesucht wurde, uud als Marga- rethen's ganze Aufmerksamkeit dem Vater zu gehören schien. Jedenfalls war kein Laut der Ueberraschung von ihren Lippen gekommen, und keine an ihren Begleiter gerichtete Aeußerung verriet der Horchenden, daß ihre Befürchtung eine begründete war. Sie beschleunigte ihre Schritte, und nun hörte sie auch das Rollen eines langsam näher kom­menden Wagens, der sich zu ihrer großen Erleichterung wirklich als eine leere Droschke erwies. Sie rief den Kutscher an, und nannte ihm, während sie rasch einstieg, die Adresse des Pensionats. Aber das Gefährt war erst um wenige tausend Schritte weiter, als sie das Fenster heraü- ließ, und den Rosselenker veranlaßte, zu halten:

Ich habe mich anders besonnen", sagte sie,fahren Sie mich nach der Mathildenstraße 7."

Nach der Mathildenstraße, Fräulein? Aber das ist ja am Ende der Welt. Darauf kann ich mich nicht ein­lassen, wenn Sie nicht im voraus bezahlen."

Im nächsten Augenblick hielt er zu seiner Verwunderung ein blinkendes Goldstück zwischen den schwieligen Fingern.

Zehn Mark?" brummte er,daraus kann ich nicht herausgeben."

Ist auch nicht nötig. Behalten Sie nur den Rest, aber sehen Sie zu, daß ich rasch ans Ziel komme."

Tos wollen wir schon machen", klang jetzt in sehr ver­ändertem Tone die Antwort, und unbarmherzig sausten die Peitschenhiebe auf das mißmutige, altersschwache Rößlein nieder.

Vierzehntes Kapitel.

Sie sehen erhitzt aus, Herr Kämmerer! Ich möchte Ihnen empfehlen, etwas Niederschlagendes zu nehmen ein Brausepulver vielleicht, oder wenigstens ein Glas Selterswasser."

Doktor Hermann Müller hatte diese Worte an den eben vorübergehenden Stadtrat gerichtet. Sie klangen wie ein Scherz, und doch hafteten die klugen blauen Augen des Arztes dabei mit einem Ausdruck unverkenubarer Be­sorgnis auf Ludwig Ignatius' hochrotem Gesicht. Mit drolligem Entsetzen aber schüttelte der Angeredete seinen mächtigen Körper.

Um Gotteswillen, lieber Doktor, was für fürchterliche Tinge sind es, die Sie mir da verordnen! Wenn es noch ein Glas Sekt gewesen wäre! Aber Wasser brr!"

Und lachend ging er weiter, um seinen in den ver­schiedenen Zimmern verstreuten Gästen mitzuteilen, daß die Vorstellung im großen Saal sogleich ihren Anfang nehmen werde. Alles drängte herzu, um sich gute Plätze in den Stuhlreihen zu sichern, und minutenlang gab es einen lustigen Wirrwarr, während dessen nur jeder mit sich selbst uud mit seiner unmittelbaren Nachbarschaft beschäftigt war.

Erst als alles sich niedergelassen hatte, gewahrte man, daß die beiden für das Brautpaar bestimmten Sessel in den ersten Reihen noch leer waren, uud da hinter dem Vorhang hervor bereits ein Klingelzeichen ertönte, richteten sich viele Blicke erwartungsvoll aus bie Thür, durch welche die Verlobten eintreten mußten. Aber nur für einen Moment sah man die Gestalt des Assessors dort auftauchen, und nachdem abermals einige Minuten ver­strichen waren, ohne daß sich auch Felicia gezeigt hätte, bemerkte man, wie Ludwig Ignatius mit einer kleinen verdrießlichen Falte zwischen den Brauen zu seinem Sohne trat, um eilte Frage an ihn zu richten. Achselzuckend hatte ihm Herbert geantwortet, und einer der jüngeren Herren wurde hinter die Cvulissen geschickt, um den dar­stellenden Künstlern mitzuteilen, daß man mit dem Beginne der Vorstellung noch ein wenig warten müsse.

In dem festlich gestimmten Publikum wurde es stllgemach immer stiller, und hier und da versteckte sich ein leises Gähnen hinter dem vorgehaltenen Fächer. In kurzen Zwischenräumen hatte der auf der Schwelle stehende Stadtrat dreimal die Uhr gezogen; nun aber schien seine Geduld erschöpft, und er wandte sich mit einer energischem Geste an den Assessor, der anscheinend gleichgiltig in dem Nebengemach auf und nieder ging.

Nein, das ist unmöglich, Herbert", sagte er halblaut, das ist geradezu eine Beleidigung für unsere Gäste. Wenn Tu jetzt nicht gehst, Felicia zu holen, so werde ich es statt Deiner thun. Man kann unmöglich länger auf sie warten."

Ich bitte Dich darum, lieber Vater! Du weißt ja, wo Tu sie findest."

Und der Stadtrat ging wirklich Aber er kam nicht zurück. Einer von den Geladenen näherte sich Herbert, um in teilnehmenden Tone zu fragen, ob sich vielleicht etwas Unerfreuliches ereignet habe, das den Beginn der Vorstellung so lange verzögere. Er erhielt eine be­ruhigende'Antwort, aber er hatte sich noch nickst wieder zu den anderen zurückgezogen, als atemlos und mit ver­störtem Gesicht eines der weißgekleideten Dienstmädchen herbeistürzte:

Ach, Herr Assessor, kommen Sie doch, bitte, ganz schnell! Ich glaube, der Herr Stadtrat befindet sich gar nicht wohl."

Heftig erschrocken folgte Herbert der Boraneilenden über den Gang, und bis an die Schwelle seines Zimmers^ Da sah er denn freilich auf den ersten Blick, daß sie ihn nicht ohne Grund in so große Bestürzung versetzt hatte; denn auf dem Stuhl vor dem Schreibtische ruhte der Körper seines Vaters in einer mehr liegenden als sitzenden Stellung, mit weit nach hinten herabhängendem Kopfe, und dunkel verfärbtem, fast bläulich-rotem Gesicht, Sein Atem ging röchelnd, und seine Augen waren offen; auf die angstvolle Frage seines Sohnes nach seinem Be­finden aber hatte er keine Antwort, und als Herbert den Versuch machte, ihn aufzurichten, fühlte er, daß die schwere Gestalt völlig willenlos in seinen Armen lag.

(Fortsetzung folgt.)