Nr. 173.
1901
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ff die Seele dir verzagen In der Leiden Ueberinaß, Wehre deinem Mund die Klagen Und bewahre dich vor Haß.
Lies des Kummers tiefe Zeichen Auf so manchem Angesicht;
Deine m Leid wird manches gleichen, Und das einz'ge ist es nicht.
Nein, der Menschen Thränen qnillen Rings, soweit die Sonne scheint, Und nur der kann Thränen stillen, Welcher bitter selbst geweint.
Trage drum mit stiller Stärke All das Leiden, das dich kränkt; Zn der Liebe heil'gem Werke Ward cs dir von Gott geschenkt.
Ernst ü. Wildenbruch.
(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman von Reinhold O r t m a n n.
(Fortsetzung.)
. Aber sie bedurfte auch einer Kopfbedeckung, und nachdem sie eine Minute lang vergebens nach einem Shwal oder einem Tuche gesucht hatte, das die Stelle eines solchen hätte vertreten können, griff sie kurz entschlossen nach einem weichen Filzhute des Assessors, um ihn mit einigen geschickten Griffen wenigstens annähernd in eine Form zu bringen, wie sie neuerdings hier und da von etwas emanzipationsfüchtigen Damen getragen wurde. Die üppige Fülle ihres Haares glich den Unterschied in der Kopfweite hinlänglich aus, um auch diesen Teil der Maskerade bei ungewisser Beleuchtung nicht gar zu auffällig erscheinen zu lassen, und es war jedenfalls wenig wahrscheinlich, daß ein Vorübergehender sie in solcher Verkleidung sofort erkannte.
Den Mantel fest um ihre Gestalt zusammenziehend, schickte sich Felicia an, das Zimmer zu verlassen. Aber sie hörte draußen auf dem Gange, den sie notwendig passieren mußte, den Klang von Stimmen, und vernahm, wie Hilde fröhlich nach den Dienstmädchen rief, um ihnen, wie sie sagte, etwas sehr Schönes zu zeigen. Abermals also war sie gegen ihren Willen zum Zögern und Warten verurteilt, und abermals ballten sich ihre kleinen Hände in ohnmächtigem Zorn. Aber sie wollte die verlorenen
Minuten wenigstens nicht ganz ungenützt lassen. In peinlicher Ordnung lag das'Schreibgerät des Assessors auf seinem Arbeitstische, und Felicia setzte sich nieder, um mit fliegender Feder einige Zeilen auf einen Briefbogen zu werfen, den sie dann in einen mit Herberts Adresse versehenen Umschlag steckte, und an einer sehr in die Augen fallenden Stelle des Schreibtisches niederlegte.
T«ie lachenden Mädchenstimmen hatten sich inzwischen entfernt, und für eine kleine Weile blieb es draußen ganz still. Dann aber — Felicia war eben im Begriff gewesen, vorsichtig die Thür' zu öffnen — erklang auf dem Korridor der Schritt eines Mannes, und die Lauschende konnte nicht zweifeln, daß er sich ihrem Versteck näherte. Rasch schob sie den Riegel iviedcr vor, und harrte mit pochendem Herzen. Sie hatte sich nicht getäuscht; denn in der nächsten Minute schon legte sich eine Hand auf den Drücker, der natürlich nicht nach,geben konnte. Jetzt noch einmal galt es für Felicia, Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart zu bewahren.
„Bist Du's, Herbert?" fragte sie mit dem Bemühen, ihrer Stimme einen möglichst heiteren und unbefangenen Klang zu geben, und da in merklich erstauntem Tone eine bejahende Antwort erfolgte, fuhr sie fort:
„Vergieb, tvenn ich Dein Zimmer in Anspruch genommen habe, ohne Dich zu fragen. Aber die übrigen waren alle von unseren Gästen mit Beschlag belegt worben, und ich fand keinen anderen Zufluchtsort, wo ich eine kleine Unordnung an meiner Toilette hätte beseitigen können."
„So entschuldige die Störung", bat er. „Willst Du, daß ich eines der Mädchen herschicke, um Dir behilflich zu fein?"
„Nein, nein, ich besorge mir das schon lieber selbst. Kehre nur, bitte, zu der Gesellschaft zurück, damit man uns nicht beide gleichzeitig vermißt. In längstens zehn Minuten finde auch ich mich wieder ein."
Sie hörte, wie er sich gehorsam entfernte, und nachdem sie noch ein Paar Sekunden gelauscht hatte, öffnete sie die Thür, fest entschlossen, nunmehr auf jede Gefahr hin die Flucht zu wagen. Mit lautlosen Schritten huschte sie über den Gang, dem hinteren Ausgange der Wohnung zu. Sie mußte dabei die Thür der Küche passieren, und sie sah zu ihrem Schrecken, daß dieselbe um mehr als Handbreite offen stand. Nach dem Lärm der Durcheinändersprechenden zu schließen, mußten sich mindestens fünf oder sechs Personen darin befinden; und wenn nur eine einzige von ihnen gerade jetzt ihren Blick auf den Thür- spalt gerichtet hielt, so war alles verloren. Aber es schien, daß sie alle durch ihre Arbeit vollauf in Anspruch genommen waren; denn Felicia kam an der gefährlichen Stelle vorüber, ohne daß mau sie angerufen hätte, oder daß ein neugieriges Gesicht hinter ihr aufgetaucht wäre. Nun schlüpfte sie durch die unverschlossene Hinterthür, drückte sie behutsam hinter sich zu, und eilte auf ihren leichten


