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und noch einige Herren? —Man spielt doch nicht mit dem Ruf einer jungen Dame. . ."
„Das hätte ich gethan?!" rief Eitel Fritz aufspringend.
„Bleiben Sie ruhig sitzen, Petershagen, und lassen Sie uns vernünftig sprechen. Der Ruf Fräulein Weser-. lings ist natürlich in keiner Weise angetastet. Das würde ich nicht geduldet haben — aber Sie sprachen von der jungen Dame in einem solch warmen Tone, daß jeder, der es hörte, annehmen mußte. Sie interessierten sich sehr für Fräulein Weserling. — Und alle Wetter, Petershagen, ist denn das so schlimm? Ichj wüßte in der Thal keine passendere Partie für Sie. Sie sind mit einem Schlage alle Sorgen los. Sein Sie kein Thor, Petershagen, greisen Sie zu. Das Glück ist launig, und bietet sich nicht zum zweitenmale an."
Eitel Fritz ging erregt im Zimmer auf und ab. Die Worte des Rittmeisters blieben nicht ohne Eindruck. Der gestrige Tag schien ihn in seinem Denken umgewandelt zu haben. Heiß rollte ihm das Blut durchs die Adern — er sah die Möglichkeit, mit einem Male aller Schwierigkeiten sichj entledigen zu können — er konnte wieder frei das Haupt erheben — er konnte den Pflichten seiner Familie gegenüber Nachkommen — das alte Stammgut seiner Familie erhalten — seiner Mutter, seinen Schwestern ein behagliches Leben verschaffen — seinem Vater ein sorgenfreies Alter, und sich selbst eine glänzende Zukunft. Verführerisch schwebte ihm das reizende Bild Irmas vor den Augen. Er hörte ihre weiche, traurige Stimme wieder, als sie ihm ihr Unbefriedigtsein, ihre Sehnsucht nach einem geregelten Leben klagte — er fühlte wieder den weichen, warmen Druck ihrer schmalen Hand — er atmete tief und heftig auf.
„Das sind schöne Zukunftsbilder. . ." sagte er.
„Die sich aber leicht in Wirklichkeit umsetzen lassen", vollendete der Rittmeister lachend. „Da — lassen Sie uns auf diese schönen Zukunftsbilder anstoßen!"
Tie Gläser klangen aneinander, und im hastigen Zuge leerte Eitel Fritz das feurige.
Dann verabschiedete er sich, unzufrieden mit sich und doch voller Wünsche unb stiller Hoffnungen.
Am folgenden Tage fand er eine Einladung der Majorin zum Diner für den nächsten Sonntag vor. Er schwankte, ob er ihr folgen sollte — als der Sonntag kam, begab ir sich dennoch nach der Villa Mon Repos in Schöneberg, und wiederum umfing ihn der Zauber der eigenartigen Schönheit Irmas.
Irma empfing ihn mit ihrem freundlichsten Lächeln und als er fidj über ihre Hand zum Kusse neigte, glaubte er an dem leisen warmen Druck ihrer weichen Hand zu fühlen, daß auch sie sich der Stunde der vertrauten Aussprache in dem Wintergarten erinnerte.
Von diesem Tage an traf man sich öfter, bald auf dem Rennplatz, bald im Zoologischen Garten oder einem feinen Weinrestaurant. Eitel Fritz war nun ein häufiger Gast in der Villa Mon Repos, unb von Tage zu Tage zogen sichj die Fesseln einer Leidenschaft fester nm ihn zusammen, deren er sichj fast schämte. Die Photographie Else Brey- manns, der lieblichen Tochter des Inspektors, die sie ihm während seines letzten Urlaubs geschenkt, und die auf seinem Schreibtisch gestanden, verschwand von dem Tische, und lag unbeachjtet in dem Schubfach — ihr Bild verschwand auch mehr und mehr aus seinem Herzen, nur zuweilen tauchte es in seinen Träumen wieder auf, und bann war es ihm, als verrieten feine Augen und fein Herz brennende Thronen um ein verlorenes Glück.
Aber die Leidenschaft für Irmas Schönheit überwucherte fein Herz und feine Träume, und die neuerwachte Lebens- lust, die ueuerwachte Gier nach Genuß, Glanz und Reichj- tum, Ehre unb Ruhm, verscheuchte die heimlich- Wien Wünsche seines Herzens.
Ter Herbst kam ins! Laub — noch war bas entfcheibenbe Wort zwischjen ihm unb Irma nicht gesprochen, als ein Ereignis eintrat, welches die Entscheidung in seinem Schpße trug.
Als er eines Tages vom Dienst heimkehrte, fand er eine Depesche vor.
„Komm sofort. Vater schwer erkrankt. Wagen znm Abendschuellzuge >am Bahnhof. Wanda."
So meldete die Depesche in ihrem kurzen Lapidärstil, dessen wenige Worte doch fi-j inhaltsreich waren.
Er erschrak heftig. Er erinnerte sich der ahnungs
vollen Worte des Vaters beim letzten Abschied — er erinnerte sich des leichten Schlaganfalls, den der Vater vor zwei Jahren gehabt — sollte sich dieser wiederholt haben? Sollte das Ende nahe sein? dann war auch die Entscheids ung über fein eigenes Leben gefallen.
Rasch gab er seinem Burschen die nötigen Aufträge. Der Zug ging um zwei Uhr, er hatte noch drei Stunden Zeit.
Er fuhr zu feinem Oberst, sich Urlaub zu erbitten, bann fuhr er nach Schöneberg hinaus, um sich von Fran Weser- lmg und Irma zu verabschieden.
„ . Er traf Irma allein — ihm sehr angenehm, denn die Lebhaftigkeit der Majorin wäre ihm in dieser Stunde sehr peinlich gewesen.
„Ich! bebaute unendlich diese traurige Veranlassung Ihrer Reise", sagte Irma teilnehmend. „Ich hoffe von Herzen, daß Ihnen das Schlimmste erspart bleibt."
„Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme, gnädiges! Fräulein. Aber ichj fürchte, mein Vater hatte recht mit feinen Ahnungen..."
„O, nicht doch — Sie dürfen die Hoffnung nicht aufgeben. Ich werbe in diesen Tagen oft an Sie denken — werben Sie uns Nachricht geben, wie Sie Ihren Herrn Papa gesunben haben?"
„Dars ich an Sie schreiben, Fräulein Irma?"
Sie senkte ben Blick, und eine flüchtige Röte huschte über ihre Wangen.
„Gewiß. . ." sagte sie leise.
„Ichj danke Ihnen —" er küßte ihre Hand, ihm toar's als sollte er die schlanke, feine Gestalt an die Brust öiehen, er fühlte, daß sie nicht widerstreben werde.
Dennoch bezwang er sich. Er wollte erst Gewißheit haben, wie sich fein Schicksal gestaltete.
„Vielleicht vergeht eine lange Zeit, bis wir uns Wiedersehen", sagte er auf atm en b, noch immer ihre warme, weiche Hand in ber feinigen haltend. „Vielleicht ändert sichj mein ganzes Leben . .
„Weshalb jetzt schon von einer solchen Möglichkeit sprechen?" *
„Weil ich eine Gewißheit mit mir nehmen möchte, Fraulein Irma..."
Sie schien leicht zu erbeben, und blickte plötzlich mit vollem, tiefen Blick zu ihm auf.
„Tie Gewißheit", fuhr er fort, „daß ich Sie so wieder- fmde, tote ich Sie verlassen — die Gewißheit, daß Sie meiner nicht vergessen, und daß Sie auch unter veränderten Verhältnissen meines Lebens mir Ihre Freundschaft erhalten wollen. . ." L '
, „Wie seltsam Sie sprechen... ich pflege nicht so leicht zu vergessen . . . wenn Sie nur meiner gedenken werden..."
„Immer unb ewig, Irma!" Und er küßte leidenschaftlich ihre kleine zuckende Hand.
„So leben Sie wohl — unb auf baldiges Wiedersehen . . ."
„Auf Wiedersehen, Irma..."
Langsam löste sie ihre Hand aus der feinigen, er ging — an der Thür blieb er noch! einmal stehen, mit lächelndem Blick schaute sie zu ihm hinüber, da hielt er sich! nicht länger zurück, er eilte auf sie zu, umfing sie mit den Armen, und preßte sie leidenschaftlich ans Herz.
„Irma — gieb mir die Gewißheit Deiner Liebe!"
„Weißt Du es nicht schon längst, daß ich Dichj liebe", sprach! sie, und sah mit einem sehnsüchtigen Lächeln zu ihm auf.
„Dank — Dank —" flüsterte er, und küßte in überquellender Leidenschaft ihre Lippen.
Regungslos lag sie in seinen Armen. Dann drängte sie ihn sanft von sich
„Nun geh, Geliebter — unb bleibe treu . . ."
Er eilte davon, tote im Fieber raste fein Blut. Sie aber sah ihm überlegen lächelnd nach, sie hätte ihr Ziel erreicht.
(Forffetzung folgt)
Messer, Gabel, Schere.
1 ! Von Fred Hood.
(Nachdruck verboten.)
Alle Tinge, die wir beständig vor uns sehen, pflegen wir mit gleichgiltigem Auge zu betrachten, insbesondere


