Dienstag den 1. Dktober.
ÜÜMW !VM «WM
)
1901. — Nr. 140,
। »tfert»rgMi *>i »WwÄ
ZMM
* Wx^
•jfc
R
uch ein geschickter Arzt heilt nicht alle Wunden.
। Sprichwort.
(Nachdruck verboten.)
Der Erbe von Petershagen.
Roman von O. Elster.
! ; (Fortsetzung.)
, VH. >
Als sich Eitel Fritz gegen Mittag erhob, fühlte er sich wie zerschlagen in allen Gliedern. Er nahm ein Bad', das ihn erfrischte, und nach und nach kehrte die Erinnerung an die letzte Nacht zurück.
Er hatte gespielt — hoch gespielt, und eine große Summe verloren. Doch wußte er nicht genau wieviel und an wen. Dunkel stand es ihm in derErinnerung, daß er vor seinem Fortgehen mit dein Rittmeister Meyering verhandelt hatte — daß er einen Schuldschein unterschrieben — aber über welche Summe — ob zu Gunsten des Rittmeisters, das wußte er nicht mehr genau.
Tie Ungewißheit quälte ihn. Er zog sich an und begab sich! zu dem Rittmeister, den er in seiner Junggesellenwohnung bei einem kleinen Gabelfrühstück traf.
„Famos, daß Sie kommen, Petershagen", rief ihm der Rittmeister entgegen. „Da — nehmen Sie Platz und essen Sie ein Kaviarbrödchen, das wird Ihnen nach der schweren Sitzung der letzten Nacht bekommen. Ein Glas Sherry darf ich! Ihnen auch! wohl einschenken.
Eitel Fritz war zum ersteninale in der Wohnung des Rittmeisters, die nüchtern und mit steifer Eleganz, tote alle die besseren Junggefellcntovhnnngen Berlins, eingerichtet war. Nichts ließ auf eine gewisse Eigenart, einen bestimmten Charakter des Bewohners dieser Räume schließen; die Wände zeigten nicht einmal einen militärischen Schluck aus der Dienstzeit des Rittmeisters, nur einige schlechte Oeldruckbilder in breiten Goldrahmen zierten sie. Aus dem Schreibtisch lagen geöffnete Briefe und einige Sportzeitungen wirr durcheinander; auf dem grünen Plüschsofa, der Hut, die Handschuhe nnd der Spazierstock, sowie sie von dem Rittmeister heute früh beim Nachhausekommen dorthingeworfen waren. Die Thür nach! dein Schlafzimmer war geöffnet und zeigte das noch ungeordnete Bett.
Eitel Fritz, der an peinliche Ordnung und Sauberkeit gewöhnt war, fühlte sich unbehaglich in dieser achtlosen Unordnung und schäbigen Eleganz der Mietswohnung. Man merkte, daß der Inhaber derselben nicht viel zu Hause war.
Der junge Offizier aß ein Kaviarbrötchen, während der Rittmeister fortwährend plauderte,
„Eine verdammt schwere Sitzung", sagte er. „Der Brandau war ja rein des Teufels — ließ immer wieder Sekt anfahren . . . denkt wahrscheinlich, daß er das Hamburger Derby und den großen Preis von Iffezheim schon in der Tasche hat. Na, wenn Sie feinen Ungar reiten, kann es ja leicht sein — würde an Ihrer Stelle aber aus keinem fremden Pferde reiten, Petershagen . . ."
„Ich habe auch! nicht die Absicht. . ."
„Na, Sie haben es doch! Bxändau versprochen. .■." Eitel Fritz ärgerte sich; Das! Blut stieg ihm in die Wangen. Er hatte das Versprechen total vergessen.
„Oder wollen Sie sich, wieder 'nen Rennstalk zulegen?"
„Dazu habe ich! nicht die Mittel."
„Pah, die finden ftd);! Bei Ihren Aussichten — Sie sind ja durch! den gestrigen Sieg in die erste Reihe der Reiter gerückt. Sie wurden ja gefeiert wie ein siegreickM Feldherr. — Gingen aber auch höllisch ins Zeug diese Nacht beim Spiel — kalt Blut beim Spiel und- Sekt scheint nicht Ihr Fall zu sein, Petershagen. — 's war nur gut, daß ich Sie aus der Patsche reihen konnte, 's ist besser, daß Sie mir das Geld schulden, als dem Herrn Lindemann — weiß der Henker, ich! traue diesem Menschen nicht recht! Niemand weiß, woher der Kerl stammt."
„Aber Sie haben ihn doch! selbst in den Klub eingeführt?"
„Freilich — lernte ihn in Baden-Baden und Homburg kennen. Brachte mir Empfehlungen aus Wien."
„Es ist mir sehr unangenehm, daß ich Ihnen meine Schuld nicht gleich bezahlen kann, Herr Rittmeister. .'1
„Pah, haben Sie sich doch nicht wegen der lumpigen 10 000 Mark! Ich! habe Ihnen ja sechs Monate Ziel gegeben — der Lindemann hätte Sie gedrängt, deshalb übernahm ich! die Schuld' . . ."
„Zehntausend Mark?!" sagte Eitel Fritz erbleichend.
„Ja, Sie saßen eklig drin — bei dem Lindemann — ich habe die Saöhe dann geordnet und Sie gaben mir zwei Wechsel über je 5000 Mark — sechs Monate Ziel. Na — bis dahin sind Sie ja längst verheiratet und die Bezahlung der Schuld ist ein Bettel für Sie."
„Ich verstehe Sie nicht, Herr Rittmeister", entgegnete Eitel Fritz, und eine Art Widerwillen gegen diesen gefühllosen Menschen, der ganz gelassen und spöttisch lächelnd sein Glas Sherry leerte, quoll erstickend in ihm empor.
In dem Tone seiner Worte mußte wohl diese Empfindung sich bemerkbar gemacht haben. Der Rittmeister blickte ihn mit einem raschen, scharfen Seitenblick an, dann nahm sein Gesicht einen ernsten Ausdruck an. Er beugte sich! über den Tisch und sprach! in leisem, aber entschiedenem Ton: „Sie hatten diese Nacht viel getrunken, Petershagen, und waren sehr erregt. Wissen Sie denn nicht mehr, daß Sie mir von der schönen Irma Weserling vorgeschwärmt haben? Wissen Sie nicht mehr, daß wir auf das Wohl Fräulein Weserlings getrunken haben — wir


