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Diese Antwort gefiel dem jungen Amtsrichter nun wieder ausnehmend gut, und das machte ihn heiter und frei von innerlichen Borwürfen, er sprang nun auch sofort auf anderes über, erzählte aus seinem eigenen Leben Frohes und Trauriges, wie es das Schicksal gefugt hatte. Auf diese Weise flogen ein paar Stunden dahin, ohne daß dre beiden eifrig Plaudernden es merkten. M _
Tie letzte Station, der Ausgangspunkt ihrer geniein- samen Fahrt war erreicht; der Zug fuhr jetzt langsamer. Hanna trat an das Fenster und spähete hinaus, dann liest sie ihr Tuch lustig flattern.
„Mein Bruder wartet bereits", sagte sie, sich zurnch wendend mit aufleuchtenden Augen. ,
Held stand auf und langte ihre kleme Reisetasche herunter. Hanna dankte und streckte die Hand danach aus.
„Bitte", sagte Held, „erlauben Sie mir, ste Ihnen hinausreichen zu dürfen." ,
„Aber ich bereite Ihnen so viel Muhe."
„Nicht im mindesten", versicherte er, „es macht nur
Der Zug hielt, und zugleich stand auch der Forstmeister an dem geöffneten Schlag und streckte seiner Schwester beide Arme entgegen, hob sie herab und schlang, ohne Rücksicht auf etwaige Zuschauer, seine Arme um sie und druckte seine bärtigen Lippen auf ihren roten, schwellenden Mund.
Held stand, den Hut lüftend, die Reiset«, che m der Hand, dem Paare gegenüber. .
Mein Bruder", sagte Hanna vorstellend, „Herr Anits- richter Held-, der die Güte hatte, sich unterwegs meiner
an^Ser^orftnieifter reichte ihm kordial die Hand: „Dann auch meinen Dank, Herr Amtsrichter! Wie ich vermute, sind Sie der erwartete Nachfolger unseres verstorbenen Amtsrichters, und da darf ick wohl hoffen, daß wir unv heute nicht zum letzten Mal gesehen haben/'
„Ich werde mich Ihrer gütigen Erlaubnis mit Ver- gnügen erinnern, Herr Forstmeister."
„Also dann auf Wiedersehen und hoffentlich recht bald! Doch nun Adieu! Die Pferde werden unruhig und meine Frau erwartet uns." . .
Held versprach noch kurz, in den nächsten Tagen seine Aufwartung zu machen, und nahm dann mit einer tieseil Verbeugung endgiltigen Abschied von feiner Reisegefährtin, die an der Seite ihres Bruders den Fußsteig hmabschritt, wo der Wagen des Forstmeisters ihrer harrte
Held sah noch einmal von ferne das liebliche Gesicht des jungen Mädchens ihm zugewendet und sein Herz setzte für Minutendauer zu rascherem Schlage etn, sein Gang wurde beschwingter, und der neue Bestimmungsort schien ihm mit einem Male der Eingang zu einer glückverheißenden Lebensepoche. —
Held hatte sich nur schwer von seinem bisherigen Wohnsitze, in dem er eine Reihe von Jahren in recht angenehmen Verhältnissen zugebracht hatte, und aus einem ihm liebgewordenen Freundeskreis losgerissen. Und mit I einem recht unangenehmen Gefühl hatte er den nächsten I Wochen in der neuen Umgebung entgegengesehen. Nn- I rnand kannte ihn, und ihm würde alles fremd und un- j gewohnt sein. Es würden einsame Stunden und Tage wer- I den Nun hatte sich ungeahnt, gleichsam beim Eintritt in I seinen neuen Wohnort, die Gelegenheit zu einem ange- I nehmen Verkehr erschlossen. Er beschloß!, schon an dem I nächsten freien Tag seine Antrittsvisite int Forstmeister- I h Helt?war vorerst im Gasthause abgestiegen. Hier wollte I er bleiben, bis es ihm gelang, eine für ihn passende Privat- I wohnung zu erhalten. . .
Am nächsten Morgen wachte er schon frühzeitig auf. I Tas Neue, Unbekannte, was ihn eAvartete, hatte ihn nun I doch gefangen genommen, und er sah den nächsten Stunden I mit Spannung entgegen. Er nahm sich vor, etwas zeitiger I nach .dem Amtsgericht zu gehen, um sich vor Eröffnung I des heutigen Termins mit den daselbst arbeitenden Herren I bekannt zu machen, unb- sich zugleich ein wenig zu infor- I mieren. Cs war heute Gerichtstag, unb da wurde eme I Reihe von Fällen zur Verhandlung kommen, die ihm alle I noch fremd waren, da wollte er vorher noch Enjftshk in | die Akten nehmen. Er stand daher rasch aus, kleidete sich
Baters-rmes ^nb", dachte Held bei sich, „so jung und so I allein auf .der'Welt." r, I
Nun wurde Hanna auf einmal beredt- Sie schilderte I dem Reisegefährten ihr Leben im Hause der Eltern, wie I schön und sonnig es daheim gewesen, als beide geliebte I Eltern noch lebten, tote innig sie von beiden geliebt und I wie der große Bruder sie verzogen habe, wenn er m den I Ferien auf Besuch nach Hause gekommen und wie lieb ex I dvch zu ihr gewesen, mit ihr gespielt und alle möglichen I Tollheiten getrieben habe, um sie zu erfreuen. Da habe I der Tod in diesen glücklichen Kreis die erste Lucke gerissen, I der Vater sei, ohne vorherige Anzeichen, ganz plötzlich an I einem Schlagfluß gestorben, kurz vor der angesetzten Hoch- I zeitsfeier des Bruders, und tote von da ab alles ver- I ändert gewesen, die fröhliche Stimmung aus dem Haiise I gänzlich verschwunden sei, Ernst und Trauer sich dagegen I
^Vor einem halben Jahre sei nun auch die Mutter I aestorben; von des Vaters Tod an habe diese gekränkelt, I überhaupt nicht wieder froh werden können, der Schmerz I habe sck wohl zu plötzlich getroffen. Der Bruder Jet nun der einzige von allen denen, bte sie lieb gehabt, der ihr I geblieben; an ihn und- seine Gattin wolle sie sich nun I ?rtttia anschließen Aufs neue stieg ein warmes Mitgefühl I mit8Jeltffien Mädchen in "der Brust, des Mannes empor, dem er mit den Worten Ausdruck verlieh. „Kennen I Sie Ihre Schwägerin, lieben Sie dieselbe?
Ich weih nicht", antwortete Hanna etwas verlegen, I aber aufrichtig. „Meine Schwägerin habe ich^ bisher nur zweimal gesehen, einmal nach des Vaters Tod und zum I Zweitenmal, als meine gute Mutter gestorben war. I
„War sie lieb und freundlich zu Ihnen? konnte er sich nicht enthalten, zu fragen, obgleich er tm uachsten Augen-
dieselbe Frage sofort wieder Bereute, sie klang etwas sonderbar einer ihm bis dahin völlig fremden lungen Dame gegenüber; er wußte selbst nicht, tote es kam, aber er ließ sich heute fort und! fort unbedacht zu Aeußerungen hm- j reißen, die er wohl bei sich erwägen, aber Nicht so offen aussprechen durfte.
Hanna indes schien das nicht bemerkt zu haben; denn sie antwortete unbefangen: „Mir ist das Gegenteil wenigstens nicht aufgefallen, ich war zu sener Zeit so traurig, daß ich darauf wenig geachtet habe; auch setzt denke ich nur es ist der Bruder, der einzige Mensch, der btt nahe steht, und er liebt dich, unb ba wirb auch feine Frau nicht unfreundlich zu Fräulein, wenn ich unwillkürlich
vielleicht Zweifel in Ihnen erweckte, es sollte nicht fern, nur- meine Teilnahme für Sie", hatte er sagen wollen - ba§ bürste er aber doch nicht dem jungen Äiadchen, das er heute zum erstenmal sah, so- offen bekennen, deshalb verbesserte er sich und sagte nur: „doch das entspringt aus meinem Beruf,, der immer ein gewisses Mißtrauen bedingt, nun bereue ich, Sie damit unbefugt-erweise vielleicht beunruhigt Sie sich darüber keine Gedanken", entgegnete sie schlicht, „ich habe ein unbegrenztes Vertrauen zu meinem Bruder, und in seiner Gattin sehe ich meine Schwester."
aangen. Seitdem lebte ich int Hause Herrn Fellheims, eines entfernten Verwandten meiner Mutter; seine Gattin war leider noch zuletzt durch eine heftige Erkältung verhindert, mich zu begleiten, sonst wurde ich m ihrer Gesellschaft die Reise unternommen haben, so aber, da ment Bruder und meine Schwägerin mich erwarteten, mußte ich die Reise allein unternehmen."
„Ihr Herr Bruder ist verheiratet?" , Ja, seit zwei Jahren. Er wünschte mich eigentlich
sogleich nach dem Tode der Mutter in sem Han» zu nehmen. Aber es gab da noch allerlei Hindernisse, bauliche Veränderungen, die eine Beschränkung ihrer Wohnraume
Ihr Herr Bruder muß aber bedeutend alter fetit als Sie, mein Fräulein, wenigstens läßt seine Stellung uL Forstmeister darauf schließen."
„Fünfzehn Jahre", erwiderte sie, „er, ist nicht mein rechter Bruder, meine Mutter war die zweite Frau meines


