(Nachdruck verboten.)
Prüfung.
Kriminalerzählung von E. H ainb'er g.
Der Schnellzug, welcher zur Abfahrt nach K. bereitstand, war von Reisenden fast überfüllt, trotzdem drängten noch immer neue Ankömmlinge hinzu, nach einem passenden Platze suchend. , ,
Das erste Glockenzeichen war bereits gegeben, als em älterer Herr, an '6er Seite eines jungen Mädchens, sich eilig dem Schaffner näherte. „Bitte um einen Platz zweiter Klasse im Darnen-Abteil", redete er den Eilfertigen an.
„Boll besetzt", kam die Antwort zurück, „aber hier tnt Nichtraucher-Abteil ist noch ein Platz frei."
Der alte Herr eilte mit dem jungen Maochen dem Schaffner nach/„Bitte, hier einsteigen", sagte dieser und eilte wieder hinweg. „ . . . , m3
Der alte Herr hatte seiner Begleiterin in den Brägen geholfen, und nun warf er auch einen Blick auf die übrigen Insassen des Abteils, zwei schon ältere Damen und einen jungen Mann. ..
Ah, Herr Assessor, verzeihen Sie, Herr Amtsrichter , rief er sich verbessernd und zugleich froh erstaunt reichte er dem sich schnell Erhebenden seine Hand. „Sie reisen auch und benutzen diesen Zug?"
Ja, ich muß! morgen schon meine neue Stellung antreten", antwortete dieser. „Es freut mich, Herr Tellheiin, Sie noch einmal begrüßen und mich persönlich von ^hnen verabschieden zu können. Die Kürze der Zeit erlaubte mir nur, meine Karte abzugeben."
Der mit Tellheim angeredete Herr druckte dem Sprechenden herzlich die Hand. „Möge es Ihnen ferner recht wohl ergehen, Herr Amtsrichter! Zugleich aber er-
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Herz, laß ab zu zagen, Und von dir wirf das Joch; Du hast so viel getragen, Du trägst auch dieses noch.
Tritt auf in blanken Waffen, Mein Geist, und werde frei; Es gibt noch mehr zu schaffen, Als einen Liebesmai.
Und ob die Brust auch blutet, Nur vorwärts in die Bahn! Du weißt, am vollsten flutet Gesang dem wunden Schwan.
Em. Geibel.
lanbe ich mir, Sie zu bitten, während Ihrer gerneinschaft- lichen Reise sich meiner kleinen Nichte ein wenig anzunehmen." Er stellte die beiden einander vor als Fräulein Hanna Werner und Herr Amtsrichter Held. „Es ist der erste, selbständige Ausflug der jungen Dame", fügte er noch hinzu, „spielen Sie ein klein wenig den Beschützer!"
„Mit dem größten Vergnügen", beeilte sich der junge Mann zu versichern, indem er der jungen Dame seine Verbeugung machte, und zugleich wahrnahm, daß seine Schutzbefohlene ein Überaus reizendes Mädchen sei.
War sie ebenso nett in ihrem Wesen, wie hübsch von Angesicht, so würde die ihm zugeteilte Beschützerrolle eine recht angenehme Aufgabe sein.
Das letzte Glockenzeichen war gegeben, und der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Der alte Herr trat zurück und lüftete noch einmal grüßend den Hut, während die junge Dame ihr Tuch zum Abschied schwenkte.
Der junge Amtsrichter hatte seine Beschützerrolle damit begonnen, der jungen Dame die kleine Handtasche, ivelche sie als einziges Gepäck bei sich führte, abzunehmen und in dem dafür bestimmten Netze unterzubringen.
Sie dankte ihm mit leiser Stimme.
„Bis wohin werde ich das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben, mein Fräulein?" erkundigte sich Held.
„Ich reise nach C., wo mein Bruder mich mit dem Wagen erwartet, wir haben von da noch etwa eine Stunde bis B. zu fahren, cho mein Bruder, bei dem id> fortan bleiben werde, als Forstmeister seine Station hat."
„Das trifft sich ja herrlich", sagte Held aufs freudigste überrascht, „C. ist auch mein Reiseziel, oder vielmehr mein neuer Bestimmungsort, und- da B. so nahe bei C. liegt, so werde ich wohl öfter das Vergnügen haben, Sie zu sehen. In C. soll man recht gesellig leben, hauptsächlich soll der Winter eine wahre Flut von Festlichkeiten bringen und im Sommer — ich habe mir sagen lassen, daß die Umgebung manch reizenden Punkt hat, der das Ziel so manchen Sommerausfluges bildet." ~ ,
„So schreibt auch! mein Bruder", pflichtete Fraulein Hanna bei. _
„Sie waren bis jetzt im Hause Ihrer Eltern?" fragte Held, doch schon im nächsten Augenblick bereute er diese voreilige Frage; denn er sah, wie plötzlich zwei große Thränen in die Augen des jungen Mädchens verdunkelten, und schwer fiel es ihm nun auch! aufs Herz: seine Reisegefährtin trug Trauerkleidung, und nun hatte er unzart seine Hand an eine jedenfalls frische Wunde gelegt. „Verzeihung", sagte er deshalb, „meine Frage war übereilt. Ihre Kleidung mußte mir sagen, daß Sie vor kürzem einen schmerzlichen Verlust gehabt haben."
„Vor einem halben Jahr habe ich meine Mutter verloren und mein Vater ist ihr v'or Jahresfrist yorange-


