Ausgabe 
1.6.1901
 
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das ihm die Kehle schnürte.Wir dürfen ihm das Scheiden nicht noch! schwerer machen."

Ohne ihm zu antworten, und ohne ihn anzusehen, sank sie neben dem Bett in die Kniee. Ta schlug Klemens Herbold noch einmal die Augen aus, und sein Blick war so klar, und so strahlend, wie nur je in seinen besten Tagen.

Seid ihr da, meine Kinder? Seid ihr beide da Leide? Gieb mir Deine Hand, Harro und Du, Erika! So füge ich eure Hände zusammen für's ganze Leben, und gebe euch meinen väterlichen Segen."

Nur wie ein schwacher, verklingender Hauch noch waren die letzten Worte über seine Lippen gekommen, aber doch deutlich vernehmlich in der Totenstille, die das Gemach erfüllte. Nun aber atmete er tief auf, und zugleich glitt wie ein Schimmer der Verklärung ein glückliches Lächeln über sein Gesicht. Der Glanz in seinen Augen erlosch, und ein unheimliches Recken ging durch seine Gestalt.

Vater! Mein geliebter Vater!" schrie Erika in aus- brechender Verzweiflung auf.Geh' nicht von mir! Laß mich nicht hier zurück! O sprich sprich nur noch ein einziges Wort!"

Doch Klemens Herbold hörte, und sprach nichts mehr. Die Knochenhand des Todes hatte an sein Herz gegriffen, und seinen Mund auf ewig verstummen gemacht. Seine dornenvolle Künstlerlaufbahn war zu Ende.

(Fortsetzung folgt.)

Betäubungsgift.

(Nachdruck verboten.)

Alle Welt verdammt die Morphinisten; die Aerzte und Sittenlehrer, das Publikum und die Presse vereinigen sich, die verderbliche Gewohnheit jener Unglücklichen energisch zu bekämpfen. Vielleicht würden viele jedoch ein minder hartes Urteil aussprechen, wenn sie einmal den Ursachen dieses schrecklichen Uebels nachspüren und sich vergegen­wärtigen würden, welche Versuchungen an die einzelnen herantreten; wenn sie ermitteln würden, wieviel jugend­liche Opfer den Betäubungsgiften unterliegen, da ihnen die schweren Folgen völlig unbekannt sind.

Vor allen Dingen müssen wir uns vergegenwärtigen, daß es ausnahmslos Unglückliche sind, die zu dem Be­täubungsmittel ihre Zuflucht nehmen. Vielleicht haben sie eine Katastrophe hinter sich, die ihr Glück vernichtet hat, und sie finden nur noch im Morphium Vergessen. Anderen wurde während einer schweren Krankheit starke Morphium­dosen verschrieben, die ihren Schmerz so bedeutend lin­derten, und einen solchen Reiz für sie hatten, daß sie dem Gift auch während der Genesung nicht entsagen konnten, bis es ihnen zur Gewohnheit geworden war. Diese Fälle sind aber nicht einmal so häufig, wie man anzu­nehmen pflegt, obwohl es andererseits vorkommt, daß schon eine von einem Arzte zur einmaligen Schmerz­linderung verschriebene Dosis die Veranlassung zu weiterem Genüsse giebt, der schließlich zum unüberwindbaren Uebel wird.

Die schlimmste Versuchung tritt aber an die jungen Leute in chemischen Fabriken heran, wo sie täglich und stündlich mit den gefährlichen Medikamenten, Opium und Morphium, Cocain, Chloroform und anderen Betäubungs­giften zu thun haben. Sehr häufig werden gerade diese Leute morphiumsüchtig. Die Gelegenheit, interessante Ver­suche anzustellen, ein wenig zu experimentieren, ist zu günstig, als daß man so ganz darauf verzichten könnte. Die Wirkungen dieser interessanten Medikamente sind diesen Leuten nicht ganz unbekannt, aber sie sind zu jung, um dje Größe der Gefahr richtig ermessen zu können. Tie strenge Ueberwachung der Fabrikräume genügt nicht immer, die Neugierde und die Macht der Gelegenheit zu bekämpfen.

Um die wirksamen Chemikalien aus den vegetabilischen Stoffen, wie Blättern, Rinden, Körnern, Wurzeln und Pflanzen zu gewinnen, sind unter anderem große Quan­titäten von Chloroform . erforderlich. (Tie Laien stellen sich häufig unter Chloroform einen Stoff vor, dessen Geruch genügt, augenblickliche Bewußtlosigkeit hervorzurufen. Tas ist natürlich durchaus irrig. Chloroform ist in Wirklich­keit eine schwere Flüssigkeit von süßlichem Geruch und süßem, etwas heißen Geschmack. Der Geruch ist angenehm

und belebend; atmet man jedoch den Duft etwas länger ein, so macht sich das Gefühl des Berauschtseins bemerk­lich. Aber der Effekt ist nicht andauernd. Wer nun häufiger mit dem Stoffe zu thun hat, und unwillkürlich den Chloroformduft einatmet, wird durch die angenehme Wirkung dieses Zufalles verleitet, das Einatmen mit Absicht zu wiederholen. Tas Verlangen nach diesem Genuß wird dann bald so unwiderstehlich, daß der Kranke schließlich nicht schlafen geht, ohne ein chloroformgetränktes Taschen­tuch auf sein Gesicht zu legen, um in einen tiefen, künst­lichen Schlaf zu verfallen. Tas hieraus folgende physische und moralische Elend ist bekannt; auch besteht, infolge der Thatsache, daß Chloroform Erbrechen verursacht, die immerwährende Gefahr, daß der Kranke im Schlaf ersttckt, da er in der Narkose die Speisereste nicht aus dem Schlund herausbringen kann.

Ein anderes wirksames Gift enthält der Metyl-Alkohol. In den Fabriken, in denen feine Chemikalien und phar­mazeutische Präparate hergestellt werden, braucht man im Laufe eines Jahres viele hundert Gallonen dieses Alkohols. Ein großer Teil der Fabrikarbeiter gewinnt dem Artikel sehr bald Geschmack ab, sodaß strenge Ueberwachung nötig wird.

Chloroform und Metyl-Alkohol sind die hauptsäch­lichsten Gifte, denen die Angestellten chemischer Fabriken zum Opfer fallen. Angenehme aber tückisch wirkende Trogen gelangen aber auch sonst in großen Mengen zur Verwendung, und viele, die mit diesen Stoffen zu thun haben, scheinen unfähig, der Versuchung zu widerstehen. Es ist sogar der Stolz vieler Angestellten einer chemischen Fabrik, alles, was die Fabrik produzierte und auf Lager hält, zu versuchen. Tas beweist aber durchaus keine Tüch­tigkeit, sondern eine große, verderbliche Schwäche.

Manches Opfer des Betäubungsgiftes, welches langsam jeden guten Kern in ihm zerstört hat, kann seine tötliche Gewohnheit bis zu dem unglücklichen Tage zurück ver­folgen, von dem er von dem verbotenen Baume der Er­kenntnis zum ersten Mal genossen hat. An diesem Tage ist er einem schrecklichen liebel verfallen, . von welchem er kaum je wieder geheilt werden kann; denn die Ent­ziehungskuren sind meist noch schrecklicher als das Uebel selbst und meist völlig fruchtlos.

Arnold Rohde.

Eine wenig beachtete Ursache für Halsdrüsenschwellnngen.

Ein Beitrag zum Kapitel der Zahnpflege.

Zuweilen finden sich Halsdrüsenschwellungen bei vor­her ganz gesunden Kindern gesunder Eltern, und letztere zerbrechen sich dann vergeblich den Kops über die Frage: woher wird mein Kind plötzlich skrophulös. Denn diese Drüsenpakete gelten ja meist als Zeichen der Skrophulose. .Es wurden nun jüngst in der chirurgischen Klinik in Heidel­berg bei 113 Kindern mit solchen Drüsen die Zähne unter­sucht, und es ließ sich bei 14 Prozent aller Untersuchungen die Entstehung der Halsdrüsen aus Zahnfäule zurückführen. Tabei ließ sich konstatieren, daß die Drüsen fast stets dem Sitze der kariösen (angefaulten) Zähne entsprachen, so daß bei linksseitiger Karies zugleich links die Drüsen saßen; waren die hinteren Backenzähne kariös, so befanden sich auch die Drüsen in der Gegend des Kieferwinkels, während sie weiter vorn saßen, wenn es sich um Karies der Schneide­zähne handelte. So konnte ein ziemlich beharrliches ört­liches Verhältnis zwischen den Drüsen und kariösen Zähnen festgestellt werden. In vielen Fällen ließen sich auch zeit­liche Beziehungen zwischen beiden Affektionen verzeichnen, indem häufig dem Entstehen der Drüsen Zahnweh voraus­ging, oder doch die Zahnfäule früher da war. Auch aus der Ausdehnung beider Prozesse ließ sich ein Zusammen­hang erkennen; denn bei Karies mehrerer Zähne war oft ein ganzer Kranz von Drüsen zu fühlen, bei geringgradiger Karies, besonders bei nicht eröffneter Pulpa war die Drüsen- affektiou eine entsprechend geringere. Das unter solchen Umständen auch einmal durch die kariösen Zähne sogar tuberkulöse Giftkeime in den Organismus geraten, und so eine Drüsentuberkulose erzeugen können, ist naheliegend. In der genannten Klinik wurden Fälle festgestellt, in denen