Ausgabe 
1.6.1901
 
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ausgelöscht, was ich Dir jemals Gutes gethan. Weißt Du es denn noch nicht, Harro? Ich habe die Gruppe zerschlagen."

Wenn Du es gethan hast, wirst Du auch wohl Deine Gründe dazu gehabt haben. Und mit oder ohne Grund jedenfalls ist es gut und recht so. Und ich sehe nicht ein, weshalb wir gerade jetzt darüber reden müßten, wo Tu der Ruhe noch so dringend bedarfst."

Ich werde der Ruhe bald genug haben, und mehr als genug. Und weshalb ich Dich um Verzeihung bitte? Weißt Tu auch, warum ich sie zerschlagen habe, Harro?"

Wahrscheinlich, weil sie Dir nicht mehr gefiel. Das ist doch ganz klar. Und sie hatte ja unzweifelhaft ihre Mängel."

Nein, Du guter Junge! Weil ich eifersüchtig auf Dich war, habe ich sie zerschlagen. Weil ich ihn Dir nicht mehr gönnte Deinen Anteil am Schöpferruhm. Weil ich das Werk noch einmal von vorn anfangen, und es vollenden wollte ich ganz allein! Darum habe ich brutal zerstört, was Du daran geschaffen. Eine edle Hand­lung nicht wahr? Und eines Mannes würdig, der sich so lange Deinen väterlichen Freund genannt."

Diesmal folgte Harros Antwort nicht auf der Stelle, und er hatte sich soweit in seinen Stuhl zurückgelehnt, daß sein Gesicht für Klemens Herbold ganz im Dunkel war. Als er nach Verlauf einiger Sekunden das Schweigen brach, hatte seine Stimme einen auffallend veränderten, gepreßten Klang.

Hatte ich Dir einen Anlaß gegeben, Meister, mir zu zürnen?"

Du? Nein, bei Gott, das hattest Du nicht. Aber Tu hättest es freilich niemals in unser friedliches Haus bringen dürfen, dies dämonische Geschöpf diese schöne Teufelin, die aus mir altem Manne einen hirnverbrannten Narren gemacht hat, und beinahe einen Schurken."

Er redet irre", dachte Harro,seine Worte sind Wahn­sinn, wie es seine That gewesen!" Und nun kostete es ihn keine Ueberwindung mehr, in der alten, liebevollen Herz­lichkeit zu dem Kranken zu reden.

Ich hätte sie nicht hierherbringen sollen", sagte er, das ist wahr; denn Tu würdest dann wohl nicht auf den Gedanken gekommen sein, die Arbeit wieder aufzunehmen, ehe Du ganz hergestellt warst. Aber warum sollen wir jetzt von alledem sprechen? Ist dazu nicht auch morgen noch Zeit genug?"

Etwas von jener zornigen Ungeduld, die ihn sonst so leicht, und so oft übermannt hatte, war in der ab­wehrenden Kopfbewegung des Professors.

Laß mich aussprechen, Harro und schnell, bevor Erika zurückkommt! Sie braucht nichts davon zu ahnen, daß ihr alter, todkranker Vater noch kurz vor seinem Ende daran gedacht hat, ihr eine Stiefmutter zu geben."

Meister! das nein, das ist unmöglich. Einen solchen Gedanken hast Du nie gehabt."

Sagte ich Dir nicht, daß sie einen Narren aus mir gemacht hat, die gefährliche Zauberin? Ihre Augen, ihre Stimme, ihr Lachen alles war Teufelsblendwerk, und Teufelskunst. Bei ihrem Lachen vergaß ich, daß ich ein Greis war, und Sterbender obendrein. Wenn ich ihre Augen sehen konnte, fühlte ich mich jung, und stark genug, um das Glück zu erhaschen und zu halten das Glück, das ihre Züge hatte, und ihre göttliche Gestalt. Ich sah den Tod nicht, der hinter ihr schon seine Knochenarme nach mir ausstreckte. Ich glaubte an das lange, schaffensfrohe, ruhmvolle Leben, das ihre süße, schmeichelnde Rede mir verhieß. Und ich glaubte ihr auch, daß ich meinen Ruhm mit keinem teilen dürfe nicht einmal mit Dir."

Er sagte das alles mit einer matten, tonlosen Stimme, die einen erschütternden Gegensatz bildete zu dem Inhalt seiner Worte. Aber das Sprechen schien ihm weniger Anstrengung zu kosten als sonst; denn seine Atem­züge waren ruhig, und kauni vernehmlich. Und darum konnte Harro für einen Augenblick vergessen, daß es ein Sterbebett war, an dem er saß.

Tas hat sie nicht gesagt", widersprach er.Es ist undenkbar, daß sie etwas derartiges gesagt habe."

Ach, was kümmert es uns jetzt, ob sie es gesagt hat oder nicht! Jetzt ist ja der Zauber gebrochen, und das Phantom ist in nichts zerstoben. Du aber weißt nun,

warum ich den Hammer auf Tein Werk geschwungen habe. Und nun bitte ich Dich noch einmal, Harro: Vergieb mir, was ich gethan!"

Seine schwache, zitternde Hand suchte die des Schülers; Harro aber beugte sich über sie herab, um sie zärtlich und ehrfurchtsvoll zu küssen.

Ich danke Dir, mein Junge! Und nun das andere. Wenn ich jetzt sterbe, bleibt meine arme Erika ganz allein und verlassen in der Welt zurück, und"

Tu wirst noch nicht sterben, Meister", fiel Harro ein. Ter Anfall ist ja glücklich vorübergegangen, und Du darfst Dich nicht mit so schwarzen Gedanken von neuem aufregen."

Ich rege mich nicht auf. Aber Tu darfst mich nicht so oft unterbrechen, mein Sohn! Ich möchte es vom Herzen haben, ehe sie zurückkehrt. Wenn ich tot bin, hat sie auf Erden keinen Menschen als Dich, Harro! Willst Du mir ver­sprechen, sie liebevoll und treu durch's Leben zu geleiten?"

Bei allem, was mir heilig und teuer ist ja, ich verspreche es."

Klemens Herbold nickte befriedigt.

Ich habe mir's niemals anders vorstellen können, als daß ihr beide den Weg gentetnfam machen würdet. Und keinem hätte ich sie auch so freudig anvertraut, als Dir. Nun werde ich ja den Tag eurer Hochzeit nicht mehr erleben. Aber es' ist mir doch ein Trost, daß ich ihre Zukunft in Deinen starken uns treuen Händen weiß. Mach mir meine Erika glücklich, Harro! Sie ist des Glückes wert."

Hätte ihn nicht die Dunkelheit verhindert, das Gesicht des jungen Künstlers zu sehen, so wäre ihm sicherlich der Ausdruck des Schreckens und der Bestürzung nicht ent­gangen, mit denen seine Worte Harro erfüllt hatten. Daß es so gemeint fein könnte, und daß Klemens Herbold seinem Gelöbnis solche Deutung zu geben vermöchte, daran, bei Gott, hatte er nicht gedacht. Es war ihm zu Mut, als hätte sich plötzlich eine furchtbare Last auf ihn herabgewälzt als würde fein Herz von eisernen Klammern zusammen­gepreßt. Er suchte nach einem Wort, das den Kranken schonend über seinen Irrtum aufklären sollte; aber er fand nicht den Mut, es zu sprechen. Und während er noch mit sich selbst rang und kämpfte, wurde leise die Thür geöffnet, und milder Lichtschein flutete in das Gemach. Erikas hohe dunkle Gestalt stand auf der Schwelle, die durch einen grünen Seidenschleier abgedämpfte Lampe in der einen, und den silbernen Teller mit dem Limvnaden- glase in der anderen Hand. Sie war bleich wie eine schöne Marmorstatue, und die großen braunen Augen, die mit angstvollem Blick den Vater suchten, leuchteten mit fast überirdischem Glanze aus dem farblosen Antlitz. Der Truck, den Harro auf feiner Brust fühlte, wurde noch schwerer und beklemmender. Er war sich keines Unrechts bewußt, und doch hatte er die Empfindung, daß eine schwere Schuld auf ihm laste. Er wollte auf ©rUa zugehen, um ihr die Lampe abzunehmen; aber es war, als hielten unsichtbare Hände ihn auf feinem Platze fest, und er schob vielmehr mit einer fast unwillkürlichen Bewegung seinen Stuhl noch um ein geringes zurück, damit der Lichtschein sein Gesicht nicht erreiche.

Wie fühlst Du Dich, lieber Vater?" fragte sie, ihren Jammer und ihre namenlose Seelenangst tapfer ver­bergend.Darf ich Dir jetzt die Limonade reichen?"

Ja, mein Kind! Aber Tu mußt mich ein wenig auf­richten, Harro! Aus eigener Kraft will's nicht mehr gehen."

Erikas Lippen zuckten, aber sie blieb stark, und weinte nicht. Während Harro das Haupt feines greifen Lehrers stützte, fetzte sie ihm das Glas an den Mund, und er trank ein wenig. Dann deutete er durch eine kleine Bewegung an, daß es genug sei.

Lege mich in das Kissen zurück, mein Sohn!" sagte er leise, mit fast schon verlöschender Stimme. Tie Augen fielen ihm zu, und kaum merklich noch hoben in langen Zwischenräumen kurze, schwache Atemzüge seine Brust. Mi­nutenlang stand Erika regungslos, das Glas noch immer festhaltend. Ta erhob sich Harro, und nahm es ihr sacht aus der Hand, ohne daß sie einen Versuch gemacht hätte, es zu hindern.

Mut, liebe Erika!" raunte er ihr zu, und sie hörte, mit welcher Anstrengung er das Schluchzen niederhielt.