Ausgabe 
1.6.1901
 
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'EÄi. icht rasten und nicht rosten, wüf ^ch^uheit und Weisheit kosten, Durst löschen, wenn er brennt, Die Sorgen vertreiben mit Scherzen, Wer's kann, der bleibt im Herzen Zeitlebens ein Student. Viktor v. Scheffel.

(Nachdruck verboten.)

Die Göttin des Glücks.

Roman .von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Elftes Kapitel.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit war keine Veränder- ung in dem Betäubungszustande eingetreten, in welchem sich Klemens Herbold dank der vom Arzt angewandten Be- ruhigungsmtttel seit dem Nachlassen des letzten Anfalls befand. Man hatte ihn in seiir Schlafzimmer zurückgebracht, und wie sein von dem langen grauen Haar wirr umrahmtes Gesicht da mit geschlossenen Augen blutlos und verfallen in den weißen Kissen ruhte, glich es fast schon dem Antlitz eines Toten. Aber er atmete noch, und von Zeit zu Zeit war ein leises Zucken seiner Lider wahrnehmbar, wie wenn er dem Erwachen nahe sei.

Mit in den Schoß gefalteten Händen saß Erika am Kopfende des Lagers. Seit Strmden schon verharrte sie stumm und regungslos in dieser Stellung, die ihr ge­stattete, jede Bewegung des Kranken, und jede Veränderung in seinen Zügen zu beobachten. Kein Wort war in dieser ganzen Zeit zwischen ihr nnd Harro gewechselt worden, der durch die ganze Breite des Zimmers von ihr getrennt aus einem Stuhl am Fenster Platz genommen hatte. Viel­leicht fürchteten sie sich, daß durch den kleinsten Laut die Ruhe des Leidenden gestört werden könnte; aber vielleicht auch wußten sie einander nach dem, was bei Harros Heim­kehr zwischen ihnen gesprochen worden war, nichts mehr zu sagen.

Ta plötzlich wandte Klemens Herbold den Kopf zur Seite, .und sah mit weit offenen klaren Augen in das sogleich über ihn herabgeneigte Antlitz seiner Tochter.

Meine liebe Erika!" flüsterte er, und ein ergreifen­der Klang wehmütiger Zärtlichkeit war in seiner Stimme. Dann, indem er liebevoll die kleine, weichss Hand streichelte, die sich in die seinige gestohlen, fügte er hinzu:

Sie ist fort nicht wahr? Und ihr werdet sie auch nicht mehr zu mir lassen?"

Wen meinst Du, lieber Vater? Vielleicht Fräulein Sylvander?"

Klemens Herbold nickte.

Ich darf sie nicht mehr sehen hörst Du? Ich darf nicht, und ich will nicht. Tu mußt mir versprechen, sie fern zu halten. Es wäre besser gewesen, ich hätte sie nie gesehen."

Es wird niemand zu Dir gelassen werden, lieber Vater, ehe Du nicht wieder zu Kräften gekommen bist. Tu brauchst Dich darüber wirklich nicht zu beunruhigen. Aber hast Tu vielleicht irgend einen Wunsch?"

Wo ist Harro? Ich möchte ihn sprechen. Warum ist er nicht bei mir?"

Die Dämmerung, die das Gemach bereits erfüllte, hatte ihn verhindert, den jungen Bildhauer wahrzunehmen. Nun aber stand Harro auf, und näherte sich dem Lager des geliebten Lehrers.

Hier bin ich, Meister!" sagte er, und bemühte sich rechtschaffen, seiner Stimme einen unbefangen heiteren Klang zu geben, obwohl die Veränderung in dem Aussehen des Professors, und seine Art zu sprechen, ihm das Herz zerriß.Es war ein tüchtiges Schläfchen, daß Tu da ge­macht hast."

Meinst Tu? Nun, ich hoffe, bald einen noch längeren Schlaf zu thun. Aber es ist gut, daß Du da bist. Komm näher, damit ich auch Dein Gesicht sehen kann. Es ist schon so dunkel."

Soll ich die Lampe bringen lassen, lieber Vater?"

Nein. Aber wenn Du mir ein Glas Limonade bereiten möchtest ich glaube, sie würde mir jetzt recht gut munden. Aber Du mußt sie selbst machen, Erika, und Du brauchst Dich dabei nicht so sehr zu beeilen. Harro leistet mir ja Gesellschaft und ich habe einiges unter vier Augen mit ihm zu reden."

Sie entfernte sich zögernd. Doktor Reimers hatte ihnen ja gesagt, daß der Professor den kommenden Tag nicht mehr erleben würde, und es erschien ihr als ein grau­sames Opfer, daß sie von diesen kurz gezählten letzten Augenblicken des Zusammenseins mit dem geliebten Vater jetzt noch einen Teil preisgeben sollte. Ein Widerspruch aber würde ihn vielleicht aufgeregt haben, und das vor allem galt es zu vermeiden.

Setz' Dich hierher, Harro, dicht an meine Seite", sagte Klemens Herbold, sobald sie allein waren. Und in seinen Worten war eine Weichheit, die dem knorrigen Wesen des seltsamen Mannes sonst völlig fremd gewesen.Ich bitte Dich um Verzeihung." _ r

Um Verzeihung mich? O, Merster, sprich nicht so! Was könnte ich zu verzeihen haben ich, der ich Dir alles verdanke!" , ,

Bis heute vielleicht. Aber heute habe ich alles wieder