Ausgabe 
31.7.1900
 
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Mein Gott, ich kenne ihn seit den frühesten Tagen meiner Kindheit; wir haben miteinander gespielt, und er ist ein Schwestersohn meiner verstorbenen Mutter. Ist das alles nicht Erklärung genug dafür, daß ich ein wenig Freundschaft für ihn empfinde?"

Aber man thut nicht aus bloßer Freundschaft, was Sie für diesen Herrn von der Räcknitz gethan haben. Sehen Sie, mein gnädiges Fräulein, wenn er mein leib­licher Bruder gewesen wäre, und wenn er mich bei all meiner brüderlichen Liebe um solchen Dienst beschworen hätte, ich würde doch lieber mit ihm gestorben sein, als daß ich den Rock meines Königs mißbraucht hätte zu so frevelhaftem Thun".

Die nach ihrem Empfinden wenig ritterliche Art, wie er sie die Schwere des von ihtn gebrachten Opfers fühlen ließ, kränkte sie tief.

Wie sehr müssen Sie mich dann verabscheuen, Herr von Plothow, weil meine Bitten Sie zu so sträflichem Handeln verleiteten!"

Ich Sie verabscheuen? Wie wenig Sie doch in meinem Herzen lesen können, Fräulein Elisabeth! Nein, bei Gott, ich bürde Ihnen keinen Anteil auf an der Ver­antwortlichkeit für mein Thun. Aber es schmerzt mich freilich, daß ich Ihnen mit alledem keinen besseren Dienst leisten konnte, als gerade diesen. Nichts wäre mir zu schwer gewesen für den Mann, der Ihrer.Liebe wahrhaftig würdig war; dieser Herr von der Räcknitz aber doch Sie werden die traurige Wahrheit noch frühe genug erfahren, und nicht ich mag es sein, der Ihnen eine so schmerzliche Ent­täuschung bereitet".

Was für eine Enttäuschung? Ich verstehe Sie nicht. Hat mir mein Vetter denn irgend etwas verschwiegen?"

Schlimmer als das er hat Sie schmählich belogen! Nicht ein unschuldig Bedrängter, ein gemeiner Meuchel­mörder war dem wir zur Flucht verhalfen".

Nein!" rief sie entsetzt.Es kann nicht sein. Oder, wenn Sie Ihrer Sache gewiß sind bei allem, was Ihnen teuer ist, Herr von Plothow, beschwöre ich Sie, mir die ganze Wahrheit zu offenbaren".

Nun, es ist vielleicht auch besser so; denn Ihre Bestürzung könnte Sie verraten, wenn Sie es unvor­bereitet von einem andern erführen. Herr von der Röcknitz war im Irrtum, wenn er sein Opfer bereits tot glaubte. Obgleich schwer verwundet und in nahezu hoffnungslosem Zustande, ist der Franzose doch auch heute noch am Leben, und seine Aussagen sind vernichtend für den Mörder. In einem Hause, wo heimlich Hazard gespielt wird, sind die beiden gestern in einen Woüwechsel geraten, und der Ko­mödiant beschuldigte Ihren Vetter, daß er ihn mit falschen Würfeln beim Spiele betrogen habe. Man verlangte von ihm, daß er vre Würfel zur Besichtigung vorlege, aber er nahm statt dessen seinen Mantel, und machte sich eilends davon. Eine halbe Stunde hernach wollte auch der Fran­zose sich auf den Heimweg begeben. Da er aber den finsteren Flur des Hauses durchschritt, wurde ihm hinter­rücks ein Dolchmesser in den Rücken gestoßen. Eine Auf­wärterin, die auf sein Wehegeschxei herzueilte, erkannte den fliehenden Mörder und rief ihn bei Namen. So war seine Angst, daß die Verfolger ihm bereits auf den Fersen sein könnten, allerdings erklärlich genug".

Totenblässe hatte Elisabeths Antlitz überzogen, und sie stützte sich mit beiden Händen auf den Rand des Tisches, weil ihr die Kniee zu brechen drohten.

O mein Gott! Und um dieses Elenden willen brachte ich. Sie in Zwiespalt mit Ihrem Gewissen, vielleicht sogar in eine ernste Gefahr! Ja, nun! begreife ich's freilich, daß Sie mir nimmer verzeihen können."

Was hätte ich Ihnen zu verzeihen, Ihnen, die sicherlich am härtesten getroffen wird von dieser Ent­hüllung? Denn Sie hatten dem Unwürdigen Ihr Herz geschenkt und"

Mein Herz? Ja, es ist wahr, seine Thränen und seine Verzweiflung hätten mich gerührt; es drängte mich, ihn um jeden Preis vor seinen Verfolgern zu retten. Aber dann gestern abend schon als ich ihn neben Ihnen stehen sah in der ganzen Jämmerlichkeit feiner Feigheit und Schwäche, da war doch für ihn nichts anderes mehr in meiner Seele als Abscheu und Verachtung".

Wie? Ist das Wahrheit, Elisabeth? Nur Mit­leid war es, daß Sie so warm für ihn eintreten ließ, nicht Liebe?"

Eine heiße Blutwelle stieg bis über die Stirn hinauf in dem eben noch marmorweißen Gesicht empor, und das feine Köpfchen senkte sich tief.

Womit habe ich es verdient, daß Sie so schlecht von mir denken konnten, Herr von Plothow? Nie habe ich mehr als verwandtschaftliche Zuneigung für meinen Vetter empfunden, nie habe ich ihn geliebt".

O, dann ist alles gut!" rief er in einer Aufwallung von Fröhlichkeit, die sich seltsam von seinem bisherigen Benehmen unterschied.Was auch immer"

Aber er kam nicht weiter; denn hochroten Antlitzes riß der General von Marschall in diesem Augenblick beide Thürflügel auf und sagte, beiseite tretend, mit einer ein­ladenden Handbewegung nach dem Vorzimmer hin:Nur gefälligst hereinspaziert, Messieurs! Sie können gleich hier in meinem Kabinett mit der Visitation beginnen. Keine Exküsen und Ausflüchke, wenn ich bitten darf! Die Justiz muß ihren gehörigen Lauf nehmen, und vor dem Gesetz gilt kein Ansehen der Person".

Er befand sich unverkennbar in einer ganz außer­ordentlichen Erregung, und die beiden nach Art der Ge­richtspersonen gekleideten Herren, die zögernd seiner nach- drücklichen Aufforderung gehorchten, fühlten sich ersicht­lich keineswegs wohl in der Hisübung ihrer amtlichen Obliegenheiten.

Der Herr General wollen gütigst verzeihen", sagte überaus ehrerbietig der eine,nur die bestimmte Depo- sition derer beiden Zeugen"

Zum Henker, wie oft soll ich den Herren noch er­klären, daß mir selber daran gelegen ist, mein Haus vom Giebel bis zum Kellergelaß visitiert zu sehen? Ich mache keine gemeinschaftliche Sache mit Falschspielern und Meuchelmördern. Wenn man den Burschen unter meinem Dache findet, so mag man ihn meinetwegen gleich vor der Hausthür aufknüpfen und den dazu, der ihm Unter­schlupf gewährt hat hinter meinem Rücken".

Elisabeth war einer Ohnmacht nahe; aber sie kämpfte ihre Schwäche nieder und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. Durch eine gebieterische Handbewegung des Ge­nerals wurde sie daran gehindert.

Nicht von der Stelle! Die Herren sollen nicht glauben, daß hier Durchstechereien getrieben werden. Wenn Sie mit der Durchsuchung dieser Zimmer fertig sind, Messieurs, so werde ich Sie in die Appartements meiner Tochter und in die Kammern der Dienstboten führen. Es soll durchaus nicht anders Verfahren werden, wie bei einem gewöhnlichen Burgersmann. Wenn Sie auch nur den kleinsten Winkel undurchsorsckck lassen, so thutt Sie das aus Ihre eigene Gefahr! Denn ich kann für keines Menschen Rechtschäffenheit garantieren als für meine eigene".

Elisabeth war wieder an den Tisch zurückgekehrt. Sixtus von Plothow, der sie seit dem stürmischen Eintritt des Generals noch keinen Moment aus den Augen gelassen Hatte, sah, wie sie sich verfärbte und am ganzen Körper zu zittern begann. Er brachte sich unauffällig an ihre Seite und flüsterte ihr zu:Mut, gnädiges Fräulein um Gottes willen, Mut! Sie haben nicht das geringste zu fürchten. Im Fall einer Entdeckung nehme ich alles ganz allein auf mich!"

Da der General eben mit großem Geräusch die Thür eines Schrankes aufriß, darin sich übrigens nicht einmal ein Zwerg hätte verborgen halten können, fand das ge­ängstigte junge Mädchen die Möglichkeit, ihm mit beben­den Lippen als Erwiderung zuzuraunen:Es ist umsonst ich bin verloren. Der blutbefleckte Mantel in meinem Schlafgemach muß verraten".

Auch der junge Offizier wurde um ein Geringes bleicher; aber der ruhig feste Ausdruck seines Gesichts blieb doch ganz unverändert. Ohne daß der General oder die Gerichtpsersonen es hätten wahrnehmen können, er­griff er einen vor ihm auf dem Tische liegenden Stift und schrieb stehend in fliegenden Zügen auf ein weißes Blatt:Was jetzt auch geschehen mag, wenn Sie mir ein wenig gut sind, beschwöre ich Sie zu schweigen. Ich allein bin der Schuldige".