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Er schob den Zettel zu ifyc hin, und als er gewiß war, daß sre seinen Inhalt verstanden, faltete er ihn nach Art eines Fidibus zusammen und verbrannte ihn an der Flamme einer auf dem Schreibtisch stehenden Kerze, deren sich Herr von Marschall vorhin zum Siegeln von Briefschaften bedient hatte, zu Asche. Verwundert sah der General seinem Beginnen zu.
„Was treiben Sie denn da eigentlich, Herr Leutnant? — Am Ende werden die Herren noch glauben. Sie ver- michteten irgend ein kompromittierendes Dokument".
Plothow blieb ihm die Antwort schuldig; doch als wenige Minuten später der Hausherr die immer verlegener dreinschauenden Justizbeamten abermals aufforderte, ihn jetzt in die Zimmer feiner Tochter zu begleiten, vertrat er ihnen, hoch aufgerichtet, den Weg.
„Mit Verlaub, Herr General, dessen bedarf es nichjt!
Wenn es der Herr von der Röcknitz ist, den Sie suchen, so müssen Sie sich schpn um ein gut Stück Weges weiter bemühen. Er befindet sich nicht mehr in Berlin".
(Fortsetzung folgt.)
Handelsbeziehungen bleiben indessen aufrecht erhalten, aber immer durch neue, rein deutsche Elemente.
All diesen asiatischen Hafenplätzen steht aber ohne Zweifel noch eine ganz besondere Entwickelung bevor. Die Insel Hongkong wurde erst 1841 an die Engländer abgetreten, ist aber heute bereits einer der wichtigsten Handelspunkte der Welt geworden, mit prächtigen Straßen und Anlagen, großen Banken, Hotels, Klubs, Regierungs- und Privatbauten, so daß die Stadt einen recht angenehmen Aufenthaltsort bildet.
Was aber auf den Weltenbummler natürlich einen besonderen Reiz ausüben muß, das ist das eigentliche chinesische Quartier. Auch hier sind bereits die Jinrikschas eingesührt, jene leichten zweiräderigen Wägelchen, die von einem rasch dahintrabenden Eingeborenen gezogen werden. Es fährt sich darin recht bequem, wenn auch der Gedanke, einen Mitmenschen als Zugtier zu benutzen, gewiß peinlich sein muß. Das eigentliche chinesische Beförderungsmrttel ist aber die Sänfte. Ein jeder von drei Mann hoch getragen, machten daher ein Reisegefährte! und ich verschiedene Ausflüge in die chinesischen Stadteile. Es war höchst interessant, aber es schien uns doch alles schon zu europäisch übertüncht. Es verlangte uns bald nach einem unverfälschteren China, und so beschlossen wir eines Tages, eine kleine Expedition in das Innere zu unternehmen.
150 Kilometer von hier den Chin-kiang oder Perlenfluß hinauf liegt Kwang-tun oder Kanton, die bevölkertste Stadt des ganzen China, mit einer Einwohnerzahl von mehr als zwei Millionen. Dahin stand unser Sinn, und j wir befanden uns alsbald an Bord des einen regelmäßigen Verkehr mit der Stadt unterhaltenden Dampfers.
Wir standen gerade vor dem „Armoury", das die rM Falle eines feeräuberischen Ueberfalls an die Passagiere und Mannschaften auszuteilenden Waffen enthält. Da I wurde mein Freund plötzlich bange — bange, daß er am Ende zur Weiterfahrt seines Dampfers nicht früh genug zurückkehren würde. Nichts konnte ihn bewegen, an Bord zu bleiben, und so mußte ich gerade diese Tour allem unternehmen, was mir um so ärgerlicher war, als sich Nicht I ein einziger anderer europäischer Passagier an Bord befand. Nur der Kapitän war ein Engländer, der Ingenieur em Italiener und etwa ein halbes Dutzend Wachtmannschasten I waren Eurasier, oder, wie alle Mischlinge hier durchweg I genannt werden: Portugiesen. Denn die Portugiesen waren die ersten Europäer, die sich hier aufgehalten haben und mit den Eingeborenen in Verkehr getreten ftnd. That- sächliche Gefahr war! nun,wohl eigentlich nicht zu befurchten, doch war es in früheren Zeiten bei den seeräubertsch gesinnten Chinesen ein beliebtes Verfahren, als schembar I harmlose Passagiere mit einigen Bündeln Gepäck an Bord I eines Dampfers zu kommen, dann während der Fahrt plötzlich die Waffen hervorzuziehen, Kapitän und Mannschaften und die nicht int Komplott befindlichen Reisenden I zu überwältigen und das Schiff auszurauben. Bei den seither getroffenen Vorsichtsmaßregeln war indessen seit mehreren Jahren kein derartiger Fall vorgekommen, tote I schlimm es in diesem Augenblick auf dem Perlenfluß auch I wieder aussehen mag. .
Diese Flußdampfer sind nun Ntcht allzu bequem. Doch I ist die für Europäer reservierte erste Kajüte noch ganz I leidlich. Aber den rechten Begriff vom chinesischen Leben erhielt ich erst, als ich in Begleitung des Kapitäns abends I in die für die Eingeborenen bestimmten Räume hmabstteg. Da lagen die Menschen dicht nebeneinander auf dem Boden I hingestreckt. Andere hatten auch dazu nicht Raum genug. Sie hockten auf Kisten und Kasten und Bündeln aller Art I und kauerten in entlegenen Winkeln zusammen. Bet dem I matten Schein einiger Laternen bereiteten sich hier etntge ein Nachtmahl. Dort spielten einige Gruppen mit dicken Karten aus Pappe, andere lagen dem vm:d erblich en.nationalen Laster des Opiumrauchens ob.< Etliche hatten offenbar I bereits geraucht. Regungslos lagen sie da. Ob sie wohl I wirklich von so lieblichen Träumen umgaukelt waren. ^hr I Aussehen verriet es gewiß nicht. Es war ent höchst abstoßendes und doch auch wieder so fesselndes Bild, wav sich hier darbot. Abstoßender aber als alles andere war der I widerwärtige Geruch, der von all dem Ohun und ^reiben > der Menschen aufstieg.
Reisebilder aus China.
Von Wilh. F. Brand.
Nachdruck verboten. I
I.
Von Hongkongnach Kanton.
Eine der allerschönsten Städte der Welt, mit einem I prächtigen Hafen, ausgedehnten und noch in starkem Anwachsen begriffenen Handelsverbindungen, ist Hongkong, I eine der wertvollsten Perlen des Kolonialbesitzes der Engländer. Mit einer Hand voll britischer Truppen, im übrigen -aber nur mit Sikhs, jenem trefflichen Kriegsmaterial aus dem nördlichen Indien, und einer kleinen Polizeitruppe, die aus Eingeborenen gebildet ist, wird die öffentliche Ordnung aufs beste erhalten. Und auch die tiefe Er- | Witterung, die das gegenwärtige Vorgehen der Engländer in Südafrika in uns allen erweckt haben muß, kann uns nicht abhalten, an Städten wie Hongkong, wie sie ähnlich an allen Ecken und Enden der Welt anzutresfen, britischem Unternehmungsgeist volle Anerkennung zu zollen.
Freilich, wenn wir nach den Ursachen der Größe dieses Weltreiches forschen, so ergiebt sich als vornehmlichste doch wohl der Umstand, daß die Engländer eben so viel früher int Felde waren als wir. Hätte sich- die deutsche Nation nur etliche Jahrzehnte früher aufgerafft, M der Höhe des Unternehmungsgeistes emporgeschwungen, aus der sie heute steht, । welch anderes Ansehen hätten die Landkarten der Welt -leicht gewinnen können. j
Wer nach der Gerechtigkeit, die ich eben den Engländern habe widerfahren lassen, darf ich nun auch wohl einen anderen Eindruck hervorheben, den ich in besonderem Maße wieder hier in Hongkong gewonnen, den Eindruck von dem alles überflügelnden, thatkräftigen deutschen Unternehmungsgeist unserer Tage. Und so ist es heute schon dahin gekommen, daß unsere Landsleute hter wie in Singapore und Shanghai bereits ungefähr die Hälfte .alles Handels an sich gerissen haben. Deutscher Einfluß ist aber immer noch wie kein anderer im Zuwachs begriffen.
Die Erhaltung des Deutschtums in Ostasien ist eine viel wichtigere, viel lohnendere Sache als in den meisten -anderen Teilen der Welt. Wie erfreulich die Macht und der Einfluß unserer Landsleute z. B. in den Vereinigten Staaten auch sein mögen, so muß es uns mtt um so lebhafterem Schmerz erfüllen, daß dieselben doch tn der zweiten oder dritten Generation für das Vaterland verloren gehen. Anders in Ostasien, selbst wenn wtr Ktau- tschou, und was noch alles darauf folgen mag, außer Beachtung lassen wollten. In Plätzen wie Hongkong tst das immer wachsende Deutschtum nicht nur au ftch ^s^chitg genug, um anderen Elementen auf die Dauer das Gletch- gewicht zu halten, sondern auch das Klima durfte schon für Reinhaltung der deutschen Bevölkerung emtreten. Des Klimas und der Erziehung wegen werden bte Kruder tn die Heimat geschickt, und im Mer oder auch schon vorher — kehren auch die Eltern ins Vaterland zuruck um. gewöhnlich keineswegs mit leeren Händen. Dte deutschen


