Ausgabe 
31.7.1900
 
Einzelbild herunterladen

m

M 1900. - Nr. 107.

Ji

ja*

ml

lerne selbst dich überwinden!

Das ist der Tugend schönste Pflicht.

Nie wirst du Ruh' auf Erden finden,

Bezähmst du deine Triebe nicht. Gallisch.

(Nachdruck verboten.)

Geächtet.

Roman von LotharBrenkendorf.

(Fortsetzung.)

Der General von Marschall war im lebhaften Ge­spräch mit seinem Adjutanten, als sie das im Gegensatz zu den übrigen Räumen des Hauses mit soldatischer Ein­fachheit ausgestattete Arbeitskabinett betrat.

Guten Morgen, Langschläferin!" ries er ihr wohl­gelaunt entgegen.Hat Dich etwa der Lärm in den Straßen um Deine Nachtruhe gebracht, daß Du dem lieben Herrgott nachher ein paar der schönsten Tagesstunden ab­stehlen mußtest?"

Statt der Antwort umarmte ihn Elisabeths zärtlich und küßte ihn auf die Wange. Freundlich grüßend erwiderte sie dann Sixtus von Plothows stumme Ver­beugung. Voll gespannter Erwartung forschten ihre Augen in seinem Gesicht- Sie hoffte auf einen bedeutsamen Blick, aus irgend ein stummes Zeichen des Einverständnisses. Aber die Miene des jungen Offiziers war ernst und undurchdringlich Statt der frischen Heiterkeit, die feinem hübschen Antlitz sonst einen Ausdruck so gewinnender Liebenswürdigkeit verlieh, lag es heute wie eine schwer­mütig düstere Wolke über seinen Zügen. Das verstohlene und doch so innig beredte Flehen in Elisabeths Augen schien er nicht zu verstehen. Und als der General nun seiner Tochter auseinandersetzte, welche Verfügungen er mit Rücksicht auf die drohende Kriegsgefahr über ihre nächste Zukunft getroffen habe, wandte er sich vollends von ihr ab, um angelegentlich einige der auf dem Tische ausgebreiteten Papiere zu studieren.

In einer Zerstreutheit, die ihrem Vater glücklicherweise entging, nahm Elisabeth die Mitteilung entgegen, daß sie am nächsten Morgen in Begleitung Sophiens nach Kustrin abreisen solle. In diesem festen Platze glaubte der General sein kostbarstes Kleinod selbst für den Fall einer unglück­lichen Wendung der Dinge besser geborgen, als m der Hauptstadt, um so mehr, als er sie dort zugleich, dem Schutze einer würdigen Dame, der verwitweten Frau von Menzelius, die dem Marschallschen Hause weitläufig ver­wandt war, übergeben konnte.

Ich hätte Dich nach unserer Besitzung Lasdehnen oben in Litauen geschickt", fügte er hinzu,wenn die Reise nicht gar so weit wäre, und wenn ich nicht obendrein be­sorgen müßte, daß Du eines Tages unerwünschten Besuch von unseren lieben Nachbarn, den Russen, haben könntest.. Da lebt sich's doch immer noch besser hinter Wällen und Mauern, im Schjutze preußischer Kanonen. Wir wollen hoffen, daß ein paar glorreiche Viktorien unseres Königs Deinem Exil bald ein Ende machen".

Daß Elisabeth die Neuigkeit so überaus gleichgiltig aufnahm, mochte ihn schließlich, doch ein wenig in Er­staunen setzen; aber er kam nicht mehr dazu, sie deshalb! zu befragen; denn mitten in seiner Rede wurde er durch das Erscheinen des alten Christoph unterbrochen, der ihm mit halblauter Stimme eine anscheinend wichtige Meldung abstattete.

Verwundert schüttelte der General den Kops.Was, zum Henker, wollen die Herren in meinem Hause? Und obendrein in einer Affaire von größter Jmportance? Nun, ich will sie int Vorzimmer ab fertig en; denn diese Per­rückenstöcke wissen mit ihrer Suade sonst nimmer ein Ende zu finden."

Etwas verdrießlich ging er raschen Schrittes hinaus, gefolgt von dem Diener, der die Thüren hinter seinem Gebieter schloß.

Kaum aber waren sie allein, als Elisabeth', jede Rück­sicht vergessend, auf Sixtus von Plothow zueilte.

Er ist gerettet nicht wahr? Das Wagnis ist gelungen?!"

Langsam legte der Leutnant das Schriftstück, darin er scheinbar gelesen hatte, auf den Tisch, zurück. Seitt Blick aber haftete noch! auf den Blättern, als er erwiderte: Ich habe den Herrn von der. Röcknitz in eine meiner Uniformen gesteckt und habe ihn instruiert, wie er sich der Thorwache gegenüber zu benehmen habe. Alles ganz nach dem Wunsche des gnädigen Fräuleins. Wie es ihm dann weiter ergangen ist, vermag ich freilich nicht zu sagen. Da aber bislang keine Kunde eingetroffen, daß man ihn an­gehalten habe, läßt sich wohl vermuten, er sei wenigstens aus der Stadt Berlin unbehelligt entkommen".

Er hatte ihr diese Auskunft in sehr gemessenem Tone gegeben. Seine kalte Zurückhaltung that Elisabeth unsägliche weh.

Und Sie empfinden gar keine Freude darüber?" fragte sie mit leisem Vorwurf.Es erfüllt Sie nicht mit Genugthuung, zu wissen, daß Sie einen Unglücklichen vor Schmach und Schande, vielleicht vor dem Galgen oder vor schimpflichem Selbstmord gerettet haben?"

Der junge Offizier erhob den Kopf und sah ihr mrt tiefernstem, ja traurigem Blick ins Gesicht.

Sie lieben Ihren Vetter von Herzen, nicht so, Fräulein von Marschall?"