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lief). Und dann? — Ja, dann? — Elfriede formte den Gedanken nicht weiter, aber die Amoretten des Deckengemäldes über ihrem Haupte wußten vielleicht trotzdem die Purpurglut, die plötzlich ihr Gesicht färbte, zu deuten.
Ihre Hoffnungen auf ein ungestörtes Plauderstündchen nach aufgehobener Tafel erwiesen sich aber als irrig. Fran von Suchen zog sich freilich sofort zurück, nur für ein halbes Stündchen, um ein einziges Kapitel ihres interessanten Romans zu lesen, aber an ihre Stelle trat Baron Heiking, laut, lustig, scherzend und schwatzend wie immer. Bei seinem Eintritt erlosch das Licht in Elsriedens Augen, und sie erhob keinen Einwand, als beide Herren nicht lange danach ausbrachen.
(Fortsetzung folgt.)
Wie sich die Herzen finden.
Von Eugen Jsolani.
Nachdruck verboten.
Die Geschichte der Liebe besteht aus einer Unzahl Liebesgeschichten. Wo sich zwei Herzen in Liebe fanden, geschah es stets nach »«eigenstem Muster. Ich habe in meinem Leben wohl ein paar tausend Romane gelesen, wohl ebensoviele Schau-, Lustspiele und Schwänke gesehen, und in diesen Werken haben sich nrindestens ebenso viele Paar Herzen zu einander gefunden und miteinander vereinigt. Aber stets geschah dies in anderer Weise.
Ich habe da Ehebündnisse schließen gesehen, bei denen der Regen den Galeotto gemacht, und wieder andere, die im Scheine der Sonne und durch den Glanz derselben geschlossen wurden; Ehen, die sowohl auf ebener Erde, wie zehntausend Fuß über dem Meeresspiegel in einer einsamen Unterkunftshütte auf den Bergen zum Abschlüsse gelangten. Selbst das Ehebündnis im Luftballon ist mir nicht fremd geblieben, während Zola in seinem „Germinal" die Herzen zweier Liebenden meist unter der Erde zusammenschmiedet.
Aber trotz alledem möchte ich behaupten, daß die Wirklichkeit dre Phantasie der Romanschriftsteller weit überflügelt.
Die Geschichte der Liebe ist so unendlich reich an Stoff, daß tausende von Dichtern all das Material nicht ausarbeiten können, das uns das Leben bietet.
Da las ich zum Beispiel kürzlich, einen sehr lustigen Roman, „Die sieben Gernopp", von Ompteda. Halt, dachte ich mir, das ist wohl in der Wirklichkeit unmöglich und noch! nicht dagewesen! Ein junger Offizier, der sich in ein Mädchen verliebt und, um sie heiraten zu können, erst, die sechs Schwestern desselben unter die Haube bringt.
Und doch kenne ich eine ähnliche Liebesgeschichte, die sich wirklich ereignet hat und mit historischen Daten zu belegen ist, die sich in ganz ähnlicher Weise abspielte wie die Geschichte von Ompteda. Eigentlich ist's eine doppelte Liebesgeschichte, die ich da erzählen will!
Es war im Sommer des Jahres 1780, als die Dichterin Philippine Gatterer, die Tochter des berühmten Hof- rates und Historikers gleichen Namens in Göttingen, nach Kassel herüberkam, nm sich von dem Akademiedirektor Joh. Heinrich Tischbein, dem ältesten aus der verzweigten Künstlerfamilie dieses Namens, malen zu lassen. Die einfache, zwanglose Liebenswürdigkeit des vierundzwanzigjährigen Mädchens nahm das freundschaftlich fühlende Herz des damals achtundfünfzigjährigen Mannes so ein, daß er sehnlichst wünschte, die junge Dichterin bei sich in Kassel behalten zu dürfen. Zu diesem Zwecke vermittelte er die Bekanntschaft eines jungen Freundes mit ihr, Namens Engelhard, der, fast vier Jahre älter als sie, eben wirklicher Kriegssekretarius geworden war und mit Vornamen Philipp hieß. „Philipp und Philippine — Nomen et omen!" so scherzte Tischbein. Seine Bemühungen waren mit Erfolg gekrönt. Wie das Bild Philippinens auf der Leinwand Tischbeins immer mehr und mehr Gestalt gewann, so geschah es auch im Herzen des jungen Kriegssekretarius. Und das Ende war: Ppilipp und Philippine heirateten sich.
So weit nun mag diese Liebes- und Ehegeschichte etwas besonderes wohl nicht bieten. Aber das Ungewöhnliche kommt nun. Philippine Engelhard war längst nicht mehr
die junge Frau Kriegssekretarius, sondern die mit sieben Töchtern gesegnete Frau Oberappellationsgerichtsrat. Es war im Sommer des Jahres 1808. Die Residenz des Königs Jerome war in großer Aufregung. Der Maire von Kassel, Herr von Canstein, hatte den Kopf verloren, da die zum erstenmale ankommenden Reichsstände von ihm Wohnung verlangten. Die Honoratioren der Stadt mußten Logiergäste aufnehmen; im Hause des Herrn Oberappellationsrat erhält der reiche Fabrikant Nathusius aus Magdeburg Quartier. Der schon im vorgerückten Alter befindliche Hagestolz fühlt sich in der Familie äußerst behagliche, besonders gefallen ihm die sieben Töchter des Hauses. Die Sehnsucht nach- einem so behaglichen Heim überkommt ihn, und es währt nicht lange, so offenbart er den Eltern seine Verhältnisse und gießt den Wunsch zu erkennen, eine der Töchter mitnehmen zu dürfen, um sie als seine Gattin heimzuführen. Doch nicht er selbst will die Wahl treffen, sondern es den Eltern und Töchtern überlassen, das Glück zu bestimmen, das ihm zu Teil werden soll. Da entschließt sich! von den sieben die zweitälteste für den glücklichen Nathusius. Dach etwas trübt noch dessen Freude. Er hat die sechs Schwestern seiner Braut auch sehr lieb und möchte daher auch diese mit nach Magdeburg nehmen. Da fällt ihm ein, daß er in seinem ausgedehnten Geschäft genug junge Männer habe, die er gern für ihre Tüchtigkeit belohnen 'und ebenso glücklich machen möchte, wie sich. So war die ganze Auflage einer deutschen Dichterin mit einem Male vergriffen; denn Nathusius setzte durch, was er versprachen. Er sorgte dafür, daß seine sämtlichen Schwägerinnen sehr bald alle in den Ehestand treten konnten, nachdem er das ganze halbe Dutzend mit seiner Frau nach Magdeburg genommen.
Diese Geschichte klingt doch noch weit unwahrscheinlicher als die von den „sieben Gernopp", die Ompteda erzählt, und sie ist buchstäblich wahr, und so könnte ich noch eine große Anzahl von Liebes- und Heiratsgeschichten erzählen, welche die Phantasie der Wirklichkeit erfand, und die der Erfindungsgabe aller Poeten spotten.
Da ist zum Beispiel eine, welche ich die „Benefizheirat" betiteln möchte. Zur Zeit, als Kotzebue das Theater in Reval leitete, war es dort Sitte, daß den Künstlern, welche sich verheirateten, eine Extrabenefizvorstellung bewilligt wurde. Dieser Brauche nun rettete einstmals den mit Schulden beladenen, einst sehr bekannten Schauspieler Karl Zimmermann. Verdrießlich kam er eines Tages nach Hause; er besah keinen Groschen mehr, und die Gläubiger bedrängten ihn und bedrückten ihn unbeschreiblich.
„Ach, könnt' ich Ihnen nur helfen, für mein Leben gern wollt' ich! es thnn!" rief teilnehmend seine esthländische Wirtschafterin.
Da durchzuckte ein rettender Gedanke das Hirn des Mimen. „Wirklich-, Marietta?" erwiderte er, „dann mußt Du mich, heiraten; ich erhalte auf diese Weise ein Benefiz und kann meine Schulden bezahlen!"
Die Einwendungen der treuen Dienerin halfen ebenso wenig, wie die Warnungen Kotzebues; die Trauung wurde vollzogen, und Zimmermann mit dem Ertrage seiner Benefizvorstellung die drückendsten Verbindlichkeiten los. Das merkwürdigste aber war, daß diese Ehe sich äußerst glücklich gestaltete. Marietta wußte ihren Gatten von seinem leichtsinnigen Lebenswandel abzubringen, und als sein Tod nahte, sagte Zimmermann: „Die Benefizheirat hat mein Glück gemacht; die Jähre meiner Ehe waren die schönsten meines Lebens".
Auch! wie Lützow, der bekannte Held der Freiheitskriege, zu seiner Frau kam, ist reicht bemerkenswert. Als General Lützow im Jahre 1808 in dem Badeorte Nennsdorf an der Wirtstafel saß, bemerkte er eine junge schöne Dame, der ein neben ihr sitzender französischer Offizier sehr angelegentlich- den Hof machte. Plötzlich geschah es, daß er im Eifer der Unterhaltung ihre Hand erfaßte. Die junge Dame erschrak aufs heftigste, und die Berührung war ihr so widrig, daß sie in ihrer Angst die vor ihr stehende Wasserflasche ergriff und ihre Hand damit begoß und abwusch. Lützow gefiel das so gut, und es flößte ihm diese dem zudringlichen Franzosen gegebene Belehrung so viel Interesse für die junge Dame ein, daß er sich um sie bewarb und sie heiratete. Freilich! besaß diese Frau, wie die Ge-


