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„Unit wie ist das Leben kurz!" hätte er hinzusetzen können.
Wir saßen zusammen an jenem Sylvesterabend. Wie's Mitternacht, tönte von allen Türmen, da hoben wir die Gläser: „Dem Liebling des Glücks!"
Feiernd und läutend klangen die Kelche an einander; aber mein Glas zersprang in meiner Hand: „So soll die Wonne durch ihre Herzen strömen", rief ich laut, und ihre Wogen über ihnen zusammenschlagen, wie der Wein hier über meine Hand rinnt!"
Es ward eine kleine dumpfe Stille danach."
Der Erzähler schwieg eine Weile.
,Nun?" fragte einer der Offiziere gespannt.
„Dre Wogen waren auch zur selbigen Stunde über ihnen zusammengeschlagen!" sagte der Admiral tiefernst." Kurz vor Mitternacht war das Schiff, das ihn und sein Glück trug, im dichten Nebel von einem Gegensegler gerammt worden. In der furchtbaren Verwirrung, die an Bord ausbrach, standen die beiden eng umschlungen, Wange an Wange, ruhig und still und stolz. Einer, der neben ihnen stand am Deck, hat's gesehen und erzählt. Er war unter den Geretteten. Sie waren es nicht!
Als das Schiff wegsackte, da schlang sie die Arme um seinen Hals und küßte ihn: „Mit Dir sterben, wenn ich Nicht mit Dir leben kann!"
„Du mein süßes Glück!" war sein letztes Wort über den gurgelnden Wassern.
Die See umspielte ihre Füße; jetzt sanken sie fort und tauchten unter. Nebel und Dunkel umhüllte die Stätte des Grausens. Die Schiffsglocke glaste von selbst--
die Seen rauschten und spülten mit weißen Kämmen--
Fest umschlungen und unauflösbar verstrickt, Wange an Wange, so waren sie untergegangen, so trieben sie an Land, so haben sie sie begraben an fremder Küste in einem Sarge. Und wir, die Tieferschütterten, ließen ihnen dort die Inschrift setzen: „Was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht scheiden."
So ging er dahin, der Liebling des Glücks, im jugendfrischen Leben, in der Fülle der Wonne, im Besitz der herrlichsten Frau:
„Ich war sein eigen,
Er war mein.
Mehr kann die Welt nicht bieten!" hat einer ihr, der Gunhild, das Sterbelied gesungen. Und ihm war kein Wunsch versagt geblieben, er hatte kein Verblassen gekannt und kein Verwelken. Da haben wir mit feuchten Augen den Minnetrunk über ihn und Gunhild getrunken: dem Liebling des Glücks!"
Es war still geworden im Kreise.
Da stand der Admiral auf. „Das war eine ernsthafte Sylvester-Erinnerung, nicht wahr? Mer nun rufe ich: Die Jugend und das Leben Und der Tag hat Recht!
Gleich wird's von den Türmen läuten zum neuen Jahr. Wir gehen hinein als Männer, die es gerüttelt und geschüttelt hat, gedenkend des Friesenspruches und meiner Heimat: „Lieber tot, als Sklave!" und des
?bnen er selbst aber immer unversehrt asY>Ketne§ ^hlte ihm nicht: das Geld! Cto w .Nädern mangelte es natürlich nicht:
.„Ls bleibt nicht nunter so!" ließen die Stimmen iicb Horen Und sie schienen Recht zu behalten. $
omeS 5a0e^ brachten sie den Recken im Trag- äerhp einem Paar durchgehender
Pferde, bte tote toll mtt entern geschlossenen Wagen davon- eutgegengestürzt und hatte sich von ihnen so lange er selbst innv iri.t:,,; .b , 6 bracht hatte. Aber er selbst war schltmm dabet zugerichtet.
^zn dem Wagen hatte die Tochter des Reaierunosrata b/aebrw Ssten; damals eine leidenschaftlich und viel Mädchen. tn leber Beziehung ein prächtiges
st"nd der alte Herr am Bett des dankt? ibm^.nt^^u""^ '"bhrfach geschienten Retters und oankte thm unter Thranen: „Ste haben mir eben alles SeretSnto°ran Hbrz auf dieser Welt noch hängt!" _ Ment armer Freund versuchte nach seiner guten nich?rÄ? verbindlich zu lächeln, aber es glückte ihm mcht recht. Er litt zu grausame Schmerzen in seinen ae- brochenen und geschundenen Gliedmaßem 8
., i Zerging nun kein Tag, daß der Reqierunasrat f"^ vbben feutem Bette saß, bis der Kranke nach recht langer Zett toteber so wett hergestellt war, baß er die formte“"9 §U etnem feierlichen Rettungsbiner annehmen
bfesmal^hat beit edlen Siegfrieb sein Dusel doch tm Stich gelassen , sagte tm Vorzimmer einer von beit Ä^ugelabenen Seeoffizieren, unter denen ich auch war. ^)ch hatte dort schon früher im Hause verkehrt--"
h'elt plötzlich inne unb sah starr in sein
Glas, bann fuhr er, tote zusammenschreckend, fort:
so! — „Der Oberstabsarzt", sagte jener, „äußerte f^> heute, es wäre noch verflucht ungewiß, ob er wieder btensftahtg wurde Der arme Liebling des Glücks hat trotz der Rettungsmedaille an den ekelhaften Gäulen seinen yJtelfter gefunden!"
Abwarten und Theetrinken!" entgegnete ich. glaubte nun einmal an seinen Stern. Und ich sollte Recht behalten!
.. er eintrat, noch blaß und etwas lahm, eilte die schone Gunhild auf ihn zu, beide Hände mit berückender Freundlichkeit ihm entgegenstreckend, ohne ein Wort dabei zu sagen. Er neigte sich über diese Hände und küßte sie wie in tiefer Andacht. So standen die beiden prächtigen Menschen einander gegenüber und schauten sich leuchtenden Blickes iN die Augen. Es war ein Staat, diese Szene
beobachten. Mir lief es ordentlich so ein bischen den Rucken hinunter. Bei mir immer ein Zeichen, daß mir etwas besonders nahe gegangen ist.
Selbstverständlich führte er Gunhild zu Tisch, Was nun kommen würde und kommen mußte, wußten wir ja Beide gaben sich auch gar keine Mühe, zu verbergen, wie stand. In beider Augen glühte ja eine geradezu leidenschaftliche Liebe auf. Er wurde täglicher Gast im Hause, und es vergingen dann auch kaum vier Wochen, daß die Verlobungsanzeigen in die Welt flogen.
Das war ein Brautpaar, diese beiden prächtigen Gestalten! Stolz standen sie da, dies Verlobungs-Paar, als ob sie mit einem Winke der Wimper dem Glück, dem gehorsamen, gebieten könnten. —
. . Aber der Oberstabsarzt hatte Recht behalten! Siegfried war nicht mehr seedienstfähig ! Er mußte den Abschied nehmen. Aber kurz darauf durchsief die Kunde die Stadt: Siegfried geht als Instrukteur nach China, und macht am zweiten Weihnachtsfeiertage Hochzeit.
Ich war auch unter den Hochzeitsgästen. Als bas Brautpaar vor den Altar trat, sie, Gunhild, eingehüllt in den langen weißen Schleier, der ihre Prachtgestalt umwogte, und wie sie bei dem „Ja" den Blick zu ihrem Manne erhob, ein Blick, in dem eine Welt lag, — da überlief es mich wieder so seltsam: „Mensch, ich glaube wahrhaftig, sie zeigen Neigung zu heulen!" raunte mir mein Nachbar zu; „feste Haltung!"
Mir war es zugefallen, den Trinkspruch auf das junge Paar auszubringen. Ich trank auf den „Liebling des Glücks", und schloß: i
„Möge keiner ihrer Tage
Schau'n der Nibelungen Klage, Nur: der Nibelungen Glück!"
Wie Gunhilds Augen leuchteten, und wie warm sie mir die Hand am Abend brückte beim Wschieb: „Sie lieber, treuer Freunb! Bleiben Sie uns immer derselbe'" dann gingen sie an Borb nach England. Und von btt nach Ostasien.
. Wir schauten ihnen nach vom Kai; Gunhild winkte Mit ihrem weißen Tuch, und Siegfrieds letztes Wort war: „Auf gut Soldatenglück!"
Von Plymouth aus schrieb er: „Mir fehlen die Worte, um mein Glück zu sagen! Ich habe keinen Wunsch Keine Klage schleicht sich, in meine Seele; es ist nur ein großes, „ Su6eln und Jauchzen in mir. Wie ich auf mein Weib schau, da fühle ich's: Es gießt ein Glück, und her Gedanke, ohne sie zu sein, hat für mich Schauer des Todes!
Am Sylvesterabend um 10 Uhr gehen wir hinaus in den Atlantik. Gedenkt unserer, wie wir Eurer gedenken werden, wenn's Mitternacht glast. Wie ist das Leben schon!" —


